. Gönnen Sie mir, mit einem freundschaftlichen, unumschränkten Zutrauen, diesen süssen Anblick, und ich stehe sogleich von allen Ansprüchen meines Handels ab." – Du siehst, Eduard, wie weit ich ging, um nur zur Ehre meiner Religion und Moral Recht zu behalten; aber es war nicht möglich. – "Nein, nein, nein," schrie das einfältige Ding einmal über das andere: "ich darf die Freundschaft eines Ketzers – ich darf seine Geschenke nicht annehmen; und mein Gewissen verbeut mir, auf die Fallstricke seiner Lehren zu achten. Warum, wenn Sie es so ehrlich mit mir meinen, lassen Sie mich nicht Rücksprache bei meinem Gewissensrate und Glaubensgenossen halten?"
Ich war so vollkommen überzeugt, Eduard, dass in diesen Augenblicken, wo ich es so gut mit dem Mädchen meinte, auch in ihrer Seele kein anderer Gedanke herrschen könne, als die Bewunderung meiner Uneigennützigkeit und Grossmut. Stelle Dir also vor, wie mir zu Mute ward, als ich mich so hässlich betrogen sah. Du weisst, es geht mir mit dem P r o p s t e , wie jenen bezauberten Ohren in einer gewissen Feengeschichte mit dem Worte Trarara. – Ich konnte den Ehrenmann nicht nennen hören, ohne sogleich aus der angenehmsten Ideenverbindung in die bitterste überzuspringen, die man sich denken kann. Meine gespanntesten Empfindungen erschlafften, und meine Treuherzigkeit gegen das Mädchen verwandelte sich in sichtbaren Unmut. Ich liess ihre warmen Händchen fahren, und entliess sie so plötzlich aus der Gefangenschaft meiner Kniee, dass sie nicht wusste wie ihr geschah. Sie blickte mir verwundernd unter die Augen. – "Sie sind doch nicht böse?" fragte sie, setzte sich neben mich, und streichelte mir schmeichelnd die Wangen. Nun hat jeder Beweis eines guten Herzens, er mag sich zu erkennen geben wie er will, immer den stärksten Eindruck auf das meinige gemacht, und es brauchte auch jetzt weiter nichts, um mich schnell wieder umzustimmen. So weit, dachte ich, hat sich wohl diese kleine schüchterne Hand, deren Unschuld ich so genau kannte, noch nicht verstiegen. – Das rührte mich ungemein. Ich schwieg zwar, aber ich drückte dieser niedlichen Hand so wiederholte und ausdrucksvolle Zeichen meiner Versöhnung auf, dass die gute Kleine wohl fühlen musste, dass es mein ganzer Ernst damit war. Mit Einem Worte, Eduard, das Mädchen fing an, mich noch herzlicher zu dauern als vorher. Mein Gott! sagte ich mir, wie magst du dich nur über das liebenswürdige Kind ärgern! Bei seiner Aufrichtigkeit und Unschuld kann es ja beinahe nicht anders sprechen und handeln! nur aber bringt uns d a s weder einen Zoll rückwärts, noch vorwärts. – Ich hätte ihr, Du weisst es Eduard, so gern alle meine Heiligtümer umsonst überlassen; aber sie will sie ja so wenig zum Geschenke von mir annehmen, als meine Freundschaft. Zu fromm auf der einen Seite, mir den heiligen Kniegürtel, den sie einmal am fuss hat, wieder zurück zu geben, kommt ihr doch auf der andern alles wieder zu teuer vor, was sie auf seine völlige Abtretung bieten soll. Die kleine Närrin hat sich da sowohl als mich in eine Verlegenheit gebracht, aus der ich wahrlich nicht einsehe, wie wir uns ziehen wollen. – Alles das ging mir eine lange Weile durch den Kopf. Endlich glaubte ich einen Ausweg wahrzunehmen, und blieb dabei stehen.
"Klärchen," wendete ich mich jetzt mit nachdenkender Miene an sie, "auf die Art, wie Sie Sich benehmen, kommen wir in alle Ewigkeit nicht aus einander. Ihr Propst, mit allem Respekte für das Amt der Schlüssel, das er trägt, geht mich nichts an. Ihm zu Liebe habe ich wahrlich den Kniegürtel nicht erstanden, und – so viel werden Sie doch begreifen, dass bei unserm Tausche eine dritte person ganz überflüssig sein würde. So wohlmeinend ich mich auch gegen Sie erklärt habe, so mögen Sie doch mit meiner Moral und mit meinen Geschenken nichts zu tun haben; und doch möchten Sie gern den Nachlass der Maria behalten. Ihr unverdientes Misstrauen schmerzt mich: aber ich will über nichts weiter in Sie dringen; und, da ich Ihre Gewissenszweifel Ihnen nicht zu Danke beantworten kann, und Sie darauf bestehen, erst Rückfrage bei Ihren Glaubensgenossen zu halten, ehe Sie Sich zu etwas entschliessen, so mögen Sie es meinetwegen. Ihre Stiftungsbibliotek ist ja in der Nähe; und da sie wahrscheinlich in keiner andern Absicht aufgestellt ist, als um sich in schwierigen Fällen bei ihr Rats zu erholen, so ist kein Zweifel, dass auch Sie ihn da finden werden: wenigstens, so viel ich es beurteilen kann, besteht diese ganze Sammlung aus Schriftstellern, die ungleich mehr Ruf und Gelehrsamkeit vereinigen, als selbst Ihr Propst. Sind Sie diessmal mit meinem Vorschlage zufrieden, Klärchen? Soll ich Sie dahin führen?" – "Sehr, sehr gern," antwortete sie mit auffallender Freude, und ihr Gesichtchen klärte sich nun wieder auf wie ein Maitag. – "Und wollen Sie sich," fuhr ich fort, "den Aussprüchen dieser gelehrten Männer ohne die geringste Weigerung unterwerfen?" – "Ja doch, ja mein Herr," erklärte sie sich voller Ungeduld, "das will ich! Hier haben Sie im Voraus meine Hand darauf." – "Nun gut," erwiderte ich ziemlich gesetzt, "so ist es mir lieb, dass ich hier eine schöne gelegenheit finde, Sie