– Wo hätte ich ihn hernehmen sollen? Ich staunte gerade vor mich hin, und war drauf und dran, dem frommen unbefangenen kind das Spielwerk ihrer Seele, nebst der rückständigen Bezahlung edelmütig zu schenken, und – meine Wege zu gehen.
"Klärchen, gutes frommes Klärchen," sagte ich, und ergriff und drückte, beinahe mit väterlicher Zärtlichkeit, ihre Hand, "noch ist nichts unter uns vorgegangen, was nicht in allen Religionen der Welt zu vergessen und zu vergeben wäre; darauf können Sie sich verlassen! Ihre übrigen Zweifel aber, liebe Kleine, sind von mehrerem Belange. Wenn ich sie Ihnen nach meinem Gewissen, das Sie aufgefordert haben, nach der strengen Moral, in der ich unterwiesen bin, nach meinem Glauben, nach meiner überzeugung beantworten soll, so muss ich Ihnen unverholen sagen, dass Sie" ... "O!" unterbrach mich hier das in Furcht gejagte Kind, "wie darf ich der Moral und der überzeugung eines Ketzers Gehör geben? Wie darf ich einer andern Glaubenslehre folgen als der meinigen? Nimmermehr, mein Herr, nimmermehr!" – "So hören Sie doch nur, Klärchen," fiel ich mit ernster stimme ein: "Die Regeln der Sittenlehre sind" – hätte ich beinahe gelogen – "in allen Religionen und bei allen Völkern der Erde, dieselben;" aber sie liess mir nicht Zeit dazu. – "Nein," rief sie mit ängstlichen Geberden, "nein, mein Herr, ich darf Sie nicht anhören." – Ich ward hitzig. "Auch nicht," fragte ich mit starker männlicher stimme, "wenn ich Ihre wankende Tugend befestigen, wenn ich wider meinen Vorteil sprechen – wenn ich Sie vor dem Ablassbriefe des heiligen Vaters warnen will – auch dann nicht?" – Sie hielt sich, statt mir zu antworten, die Ohren zu. "Nun bei Gott!" murmelte ich vor mir hin, "das ist unerträglich!" stampfte mit dem fuss und sah ungewiss in die Höhe. "Seit acht Tagen, war ich mir bewusst, hatte ich keinen Gedanken gefasst, der meinem Herzen mehr Ehre machte; und jetzt trat mir nun d a s Kind, das s e l b s t ihn entwickelte, in den Weg, da ich eben daran war ihn auszuführen. Ich dächte doch bei meiner Ehre, die ein und vierzig Dukaten, die ich, mit allem dem was daran hängt, so grossmütig im Stiche lasse, verdienten es schon, dass sie mir zuhörte! – Aber gewiss hat sie mich noch nicht so recht verstanden. – Ich will mich deutlicher machen, und es müsste nicht gut sein, wenn sie mir nicht noch zu Füssen fallen und mich als ihren Schutzengel verehren sollte, so bald sie mich nur erst kennen lernt. In diesen Gedanken setzte ich mich ungefähr in dieselbe Stellung, als letztin, wo ich, nicht weit von der Eselspost, der guten Margot warnenden Unterricht über den Amor gab.
Ich ergriff die hände des sträubenden Mädchens, um sie abzuhalten sie nicht wieder vor die Ohren zu nehmen, fasste das" wilde Kind mit meinen beiden Knieen, dass es mir Stand halten musste, und wie sie nun so vor mir stand, blickte ich ihr mit der zärtlichsten Aufrichtigkeit in die Augen. – "liebes Klärchen," redete ich sie an, "Sie sind jung, schön, und frömmer und unschuldiger, als ich noch je ein Mädchen gekannt habe; aber Sie haben mir nun zu sehr schon Ihre Schwachheit gegen Reliquien verraten, und da werden Ihnen alle Ihre Tugenden nichts helfen, wenn ich nicht ehrlich mit Ihnen verfahren will. Sie werden der Gewalt, die mir das Zauberband der Maria und Papst Alexander der Sechste über Sie gibt, so tief unterliegen müssen, als es unser Kontrakt verlangt. Aber, bestes Kind," indem ich mit meinen beiden Knieen sanft die ihrigen drückte, "hören Sie mich nur einen Augenblick mit Aufmerksamkeit an, und Sie werden sehen, dass ich es nicht so böse mit Ihnen meine. Sehen Sie, so schwer es mir auch ankommt, allen den Freuden von übermorgen – allen den Indulgenzen zu entsagen, die ich Ihnen mit dem heiligen Kniegürtel ungeteilt überlasse, so fühle ich doch mit innigster Selbstzufriedenheit, dass ich es vermag. Ich verlange nichts dafür als Ihre Freundschaft; und diese erlaubt Ihnen Ihre Religion – warum sehen Sie Sich so schüchtern um? – auch einem Ketzer zu schenken, wenn er sonst ein ehrlicher Mann ist. Wundern Sie Sich nicht zu sehr über meine Grossmut! Sie ist nicht so uneigennützig als Sie denken. Es liegt ein gewisses stolzes Vergnügen darin, das mir selbst mehr wert ist, als die höchste Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie sind wahrlich nicht das erste Mädchen, das ich in seiner wankenden Tugend befestigt – selbst in der kritischsten Lage befestiget habe, wohin ich sie erst selbst gebracht hatte; – und ich habe immer gefunden, dass ihnen diese Lektion dienlicher gewesen ist, als jede andere. Ein unschuldiges weibliches Herz, ich gestehe es Ihnen, ist mir Zeit meines Lebens immer das liebste Spielwerk gewesen; und ich bin gewiss der Freude nicht unwert, um die ich Sie bitte, mich die geheimsten Falten auch des Ihrigen, jede seiner Empfindungen, und alle die kleinen lieblichen Wendungen seiner liebenswürdigen Unerfahrenheit ohne Zurückhaltung sehen zu lassen – die mir wirklich ungleich mehr Freude machen, liebes Klärchen, als die wundervollsten Reize des Körpers