bin nur ein einfältiges unschuldiges Kind – mit allem meinem Nachdenken bringe ich es doch in Ewigkeit nicht heraus, was Sie übermorgen etwa von mir erwarten – und das ängstigt mich eben." – "Wie, Klärchen?" antwortete ich ganz betroffen: "Sieht es mit unserm Handel noch so weitläuftig aus? Ist es denn, ich bitte Sie, der Kniegürtel der Madonna allein, den ich Ihnen anbiete? Gehören denn nicht auch die Freiheiten dazu, mit denen ihn Papst Alexander so grossmütig beschenkt hat? und haben Sie denn wirklich den siebenten Paragraph seines Ablassbriefs so gar wenig verstanden?" – "Auch nicht eine Sylbe davon, mein Herr," antwortete sie. "Ja, ich, und fremde Sprachen!" – "Wenn es nur daran liegt, Klärchen, so soll es mir keine Mühe kosten, Ihnen den Inhalt in gutes Französisch zu übersetzen – Sie müssten denn lieber warten wollen, bis übermorgen, wo ich ihn in einem Dialekte vorzutragen hoffe, der aller Welt – den sinnlosen Bewohnern des Feuerlandes so gut als der klügsten und artigsten Europäerin – gleich verständlich und angenehm ist." – Sie stockte – "Werden Sie nur nicht ungehalten, mein Herr!" nahm sie endlich mit einem scheuen und bittenden Blicke das Wort wieder: "aber darf ich wohl in Ihrer eigenen Sache mich auf Ihre Übersetzung verlassen? Denken Sie sich nur an meinen Platz! Ich zittere so leicht vor allem woran ich nicht von Jugend auf gewöhnt bin. Zum Glücke habe ich mich immer in verwickelten Fällen an den Rat meiner Tante und meines Gewissensrates halten können, d i e V a t e r - u n d M u t t e r - S t e l l e bei mir vertreten; und jetzt – in der bedenklichsten Lage meines Lebens vielleicht – soll ich mit treuloser Verwegenheit" – das Wort gab mir einen Stich in's Herz, Eduard, – "mich selbst um ihre hülfe betrügen? soll hinter dem rücken so erprobter Freunde – auf das Wort eines Fremden – mit mir schalten und walten, als ob ich ihrer Erfahrung nicht weiter bedürfe? Sagen Sie mir auf Ihr Gewissen, mein Herr, ob diess redlich, ob diess erlaubt sei? Habe ich nicht schon," fragte sie auf das beweglichste, "unrecht, sehr unrecht getan, dass ich d e n b e f e u e r t e n B l i c k e n e i n e s j u n g e n H e r r n den ruhigen Ort Preis gab, wo in Canaan und Judäa – wie Sie mir, glaube ich, haben weiss machen wollen ... Ach, mein Herr," unterbrach sie sich hier selbst mit einem über die massen verlängerten Seufzer, "Ihre Nachbarschaft, fürchte ich, ist mir eine n a h e G e l e g e n h e i t z u s ü n d i g e n geworden. Heilige Madonna! Ein junger Fremder – heute und übermorgen – allein mit mir in Einem Zimmer? Z w e i m a l i n E i n e r W o c h e ? Je unglaublicher mir alles das würde geschienen haben, wenn es mir jemand hätte wahrsagen sollen, desto mehr muss es jetzt mein Herzklopfen vermehren. Ich möchte so gern, ich wiederhole es Ihnen, mein Herr, die heilige Reliquie gewinnen: aber bei den eilftausend Jungfrauen schwöre ich Ihnen zu, dass ich so wenig weiss, was Sie noch von mir f o r d e r n können, als ich weiss, was mir in solchen Umständen meine Religion zu geben erlaubt. Ach, wer soll mir in dieser unaussprechlichen Verlegenheit raten?"
Weisst Du wohl, Eduard, was mir, während dieses frommen Anfalles der Kleinen, durch den Kopf fuhr? Das will ich Dir aufrichtig sagen! Anfangs nichts weiter, als eine Zeile von Voltaire, die ich Dir zu erraten gebe – nachher die zwo darauf folgenden, die ich Dir hersetze:
C'est un grand bien! mais de toucher un cœur
Est à mon sens un plus cher avantage.
Zuletzt aber gingen meine ausschweifenden Gedanken stufenweise vom Erstaunen zum Mitleid, in den grossmütigen Entschluss über, meine Ohren nicht länger dem Girren dieser Unschuldigen zu verstopfen, und einer so bewährten Heiligkeit – mochte sie mich auch noch so sehr überraschen – – in Zukunft die Ehre zu erzeigen, die sie verdient. Reizender zwar hatte ich das Mädchen noch nicht gesehen, als in diesem rührenden Auftritte. Aber die einfache Beredsamkeit ihres reinen Herzens – welcher Sophist vermag ihr zu widerstehen! – machte einen ungleich stärkern Eindruck auf das meinige, als alle Lockungen ihrer Jugend, und bewirkte eine so gänzliche Umstimmung in mir, dass ich in diesem Augenblicke nicht vermögend gewesen wäre, ihre beseelten Lippen nur um einen Kuss zu betrügen. Wie rührte mich das offene geständnis ihrer Unwissenheit, das mit dem stillern Beweise so artig übereinstimmte, den ihre bebende Hand, ohne zu ahnden, dass ihr ein menschliches Auge nachschleichen würde, schon bei dem schlafenden Engel abgelegt hatte! Jenes Restchen von Staub, wie einer künftigen Berechnung weiblicher Unschuld und Tugend der ihrigen den Ausschlag zu geben! Wie dankte ich es dem Zufalle, der mich endlich einmal eine Heilige, in der ächten Bedeutung des Worts, kennen lehrte, da ich mir zuvor von der sonderbaren Zusammensetzung eines solchen Geschöpfs keinen Begriff machen konnte!