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mit seiner Feder nachzutraben. Und doch muss ich, so schwer ich daran gehe, Dir wenigstens ein Fragment unserer Unterhaltung mitteilen, weil es gar zu sonderbare Neuigkeiten über den weitern Fortgang meines Läsions-Prozesses mit dem Mädchen entält, die Du eben so wenig wirst geahndet haben als ich.

Die Kleine sass, nachdem sich das erste Aufwallen ihrer Lebhaftigkeit gelegt hatte, jetzt desto ernster in sich gekehrt, bei einer Viertelstunde schon vor mir, und gönnte mir durchaus keinen andern Zeitvertreib, als im Stillen den Nuancen ihrer Empfindungen nachzuspüren, wie sie sich äusserlich zeigten. Aber auch das war, ich versichere Dich, keine leichte Arbeit. Mitten in ihrem stolzen seligen Gefühl, worin sie über den vergönnten Gebrauch des heiligen Bandes verloren schien, färbte ein ungefährer blick auf d e n , der es ihr umband, ihre Wangen mit dem brennendsten Rot, und drückte ihre Augen zur Erde. Sah ich nun gleich bald hinterher den tröstenden Gedanken nachsteigen, zu wessen Glorie sie ihre Bescheidenheit verläugnete, und ihr Knie den ungeweihten Blicken eines Ketzers Preis gabund trat gleich nunmehr ein Anstand, wie man ihn selten sieht, in dem Verhältnisse bei ihr hervor, in welchem ihr aufbrausendes Blut allmählich sich setzte; so dauerte doch diese Ruhe nicht lange. Ihr süsses Lächeln, das schon auf dem Wege war, verflog wieder; der harmonische laut, auf den sich meine beiden Ohren schon spitzten, erstarb vor meinen Augen auf ihren bebenden Lippen. Sie warf wilde Blicke, bald auf den lateinischen Brief, der zwischen uns lag, bald auf mich; und diese Ebbe und Flut ihrer Empfindungen war so schnell, dass ich Mühe hatte, ihnen nachzukommen, und die geheime Ursache davon aufzufinden, die, als ich ihr am Ende mit meiner Untersuchung beikam, – solltest Du es glauben, Eduard? – in nichts anderm als in dem Grausen vor den unbekannten Ceremonien bestand, unter welchen sie berufen sein dürfte, den Namenstag ihrer geliebten Tante zu feiern. Da sie während dieses ihres inneren Tumultes, aus dem ich sie so gern gezogen hätte, zweimal schon ihren linken Fuss beinahe krampfartig bewegt hatte, so nahm ich beim drittenmale gelegenheit, unser so lange unterbrochenes Gespräch wieder in gang zu bringen. –

"Sie zucken mit dem fuss, liebes Klärchen:" hub ich an, "ich habe Ihnen doch wohl nicht den heiligen Kniegürtel zu fest gebunden und Ihnen weh getan?" – "Nein," antwortete sie, nach ihrer unbefangenen Art: "Sie haben es so recht gut gemachtAllenfalls wäre auch Rat dafür." – "Und wofür, Klärchen, wäre denn nicht Rat in der Welt?" – "Meinen Sie?" – "Ausser für den Tod," fuhr ich lächelnd fort. – "Und ausser für übermorgen," murmelte sie, doch laut genug, dass ich es hören konnte, ward dabei rot, und hielt einen Augenblick ihre rechte Hand vor die Augen. – "liebes Klärchen, das ist eine seltsame Verbindung von Ideen!" – "O!" dehnte sie, "nicht so seltsam als es Ihnen vorkommt. Die Zumutungen Ihres Geschlechts, habe ich immer gehört, gehen einem tugendhaften Mädchen bitterer ein als der Tod." – Diese letzten fünf Worte, Eduard, waren wie auf Noten gesetzt. – "Gewiss, liebe Kleine," antwortete ich traulich, "gewiss habe ich Ihnen den Gürtel zu fest gebunden." – "Woraus, ich bitte Sie, wollen Sie das schliessen?" – "Aus Ihrer kindischen Furcht vor übermorgen," sagte ich lächelnd. – "Nun, das gestehe ich, mein Herr, diese Ihre Ideenverbindung ist Wohl seltsamer als die meinige; sie ist mir ganz rätselhaft." – "Kann wohl sein, liebenswürdiges Kind; warum vermeiden wir, deutlich mit einander zu reden?" – "Noch deutlicher, mein Herr? Ich dächte, hierüber hätten Sie Sich wenig vorzuwerfen." – "Und auch Sie nicht, Klärchen?" – "Auch ich nicht, mein Herr. Ich habe Ihnen alle Zweifel entwickeltaber wie wenig haben Sie darauf geachtet!" – "Ich hätte nicht darauf geachtet? Kleine Schwätzerin! habe ich sie denn nicht sogar völlig gehoben?" – "O bei weitem nicht, mein Herr!" – "Klärchen! Ich erstauneAlso wären alle meine billigen Erklärungen in den Wind gesprochen gewesen? Sie fänden die himmlische Reliquie für den gemeinen Preis, den ich darauf setze, noch immer zu teuer? und bei der Menge von Indulgenzen, mit denen ich Sie, ohne dass ich gross tun will, bereichere, könnte es Ihnen noch einen Augenblick sauer ankommen, die kleinste davon mit mir zu teilen?" – "hören Sie mich an, mein Herr," unterbrach sie mich jetzt mit edlem Anstände: "Das Strumpfband der Gebenedeitenich gestehe es Ihnen unverholenist mir mehr als lieb; es ist mir unschätzbar, und ich weiss nicht, ob ich es überleben würde, wenn ich mich von ihm trennen sollte. Sie haben es, unter sehr bänglichen Minuten für ein sittsames Mädchen, zu einem Kniegürtel erklärt; auch das habe ich mir gefallen lassen: aber welche neue Demütigung in aller Welt soll ich denn noch für das Band, oder den Gürtel der reinen Jungfrau bezahlen, dieach, mein Herr! von keinem mann gewusst hat? Sehen Sie, ich