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die Bedingungen."

Sie schien zwar sehr gerührt über mein Zutrauen, doch selbst bei der sichtbaren Freude, die ihr mein Anerbieten verursachte, zeigte das kluge Mädchen eine Behutsamkeit, die mich sonderbar überraschte, und mich zu einem Exegeten machte, wie es nur einen gibt. – "Warum," fragte sie ernstaft, "warum, mein Herr, vermeiden Sie doch dieser heiligen Reliquie ihren rechten Namen zu geben? Ist es nicht das Strumpfband der Madonna? la jartiere de MarieWarum bleiben Sie nicht bei dem französischen Ausdrucke?" – Zu einer andern Zeit, Du traust es mir wohl zu, Eduard, würde ich es nicht der Mühe wert geachtet haben, nur ein Wort über die richtige Benennung dieses Kabinetsstücks zu verlieren. Jetzt aberda mich der Einwurf der schönen Klara aufmerksam auf die Folgen machte, welche die eine oder die andere Bedeutung herbei führen würdejetzt, da mir die Rechte einer ligatura cruralis weit wichtiger vorkamen, und mich wenigstens um einige Zoll weiter zu bringen versprachen, als die eines französischen Strumpfbandes, jetzt kam alles darauf an, meinen gebrauchten Ausdruck gegen die kleine Wortkrämerin zu verteidigen. – "Liebe Freundin," antwortete ich ihr mit einer viel sagenden Miene: "dem äussern Ansehn nach, sollte man freilich diese heilige Reliquie nur für ein Strumpfband halten. Sie haben noch überdiess die Angabe des Ausrufers für Sich. Nun ist zwar der Mann, dem Sie in einer so wichtigen Sache Glauben beimessen, wohl nichts mehr als ein unwissender Mietling, der die Grundsprachen nicht versteht, und dem eine richtige Erklärung der fremden Waare, die er ausbietet, ganz einerlei ist, wenn er sie nur an den Mann bringt, und seine Procente davon zieht; doch hier ist er billig eher zu entschuldigen, als Ihre schwankende, flüchtige Sprache. Es war nicht seine Schuld, dass er in derselben kein anderes als das Wort jartiere finden konnte, wovon auch die besten Ausleger eingestehen müssen, dass es den zwiefachen Sinnsowohl eines Bandes hat, das um den Strumpfals eines, das, wie das vorliegende, um das Knie gebunden wird." – "Um das Knie?" fiel mir Klärchen hier hastig in die Rede. "Aus was für Gründen können Sie das behaupten?" – "Wenn es Not hätte, sollte es mir sehr leicht sein," antwortete ich ernstaft, "der Stellen eine Menge aus dem Talmud beizubringen, die Ihnen diese Gewohnheit bewiesen; ja, hätten wir Zeit, so könnten Sie selbstes sind ja Jüdinnen genug in der Stadtdarüber bei ihnen nachfragen lassen: aber zum Glück können wir aller dieser Weitläuftigkeiten entbehren, da die klaren Worte des Textes vor uns liegen. Der heilige Vater nennt das Band nicht umsonst ligaturam cruralem, das nur mit jartiere crurale übersetzt werden darf, um den Sinn ganz zu umfassen. Die siebenzig Dolmetscher konnten es nicht wörtlicher ausdrücken; und in heiligen Dingen," setzte ich mit einem Seufzer hinzu, "ist es immer das Sicherste sich an den Buchstaben zu halten. Uebrigens sein Sie ganz unbesorgt, liebes Klärchen!Es kommt dermalen nicht auf das Mass Ihrer Strümpfedie Sie künftig verlängern können, wenn wir Handels eins sind, sondern es kommt auf die Gegend an, die ich die Ehre haben werde Ihnen zu zeigen, wohin eigentlich das Band, nach seiner ersten Bestimmung, und nach den Gebräuchen des Morgenlandes, gehört, denen allein die Mutter Gottes, während ihrer Wallfahrt auf Erden, gefolgt ist. Es war meine Schuldigkeit, liebes Klärchen," endigte ich, "Sie erst mit dem Kleinode, das ich Ihnen anbiete, auf das genaueste bekannt zu machen, damit kein Missverständlich bei der Auswechselung vorfalle; denn so gern ich Ihnen auch in gleichgültigen Dingen zu Gefallen lebe, und so zufällig ich auch zum Dienste dieses Heiligtums berufen sein mag, so kann ich doch n u n auf keine Weise zugeben, dass Sie es für das halten, was es Ihren leiblichen Augen scheintfür ein Strumpfband, oder dass Sie glauben, es b e d e u t e nur einen Kniegürtel, da ich in meinem Gewissen überzeugt bin, und mich darauf tot schlagen lasse, dass es einer ist."

Meine Rede machte, entweder durch ihren langweiligen gang, oder durch ihre Wahrheit, den Eindruck, den ich wünschte. Meine schöne Schülerin schien beruhigt, und indem sie sich auf den Sopha zurecht setzte, versprach sie, um auch mich zu beruhigen, mit feierlichem Ernste, mir das Kleinod, das ich ihr auf einige Zeit anvertrauen wollte, ohne allen Schaden wieder zu überliefern, wofern wir nicht des Handels eins würden. Gutes Klärchen! dachte ich bei mir selbst, das ist das letzte, was ich fürchte. – Was denkst Du davon, Eduard? Wird ihr nicht die süsse Schwärmerei ihrer Seele jeden noch so bedenklichen Schritt erleichtern? Wird sie nicht, wie jeder Entusiast, sobald sie das Band an sich fühlt, zugleich auch wirklich den wohltätigen Einfluss empfinden, auf den ihr Glaube hofft? – stolzer einhertreten, ruhiger in die Welt und verächtlicher auf ihre Mitgeschöpfe blicken, und in immer süssen Träumen wachen und schlafen? Ja, du kannst, sprach ich mir mutig und hoffnungsvoll zu, deine Forderungen noch so hoch spannen, sie wird für diesen mystischen Gürtel alles andere ohne Reue verschwenden, wovon sie Herr ist.

Während dieser meiner psychologischen Betrachtung hatte Klärchen den rechten Fuss,