eines Virtuosen beiwohnen möchte, der diesen Abend in dem untern saal viele Liebhaber herbei ziehen würde? Nun war meine erste Antwort so abschlägig, als mir der Gedanke an Musik und Gesellschaft zuwider war. – "Er spielt die Laute," fuhr der Wirt fort, "und wie man sagt, zum Entzükken." – Die Laute! Wenn sie der Mann mit G e f ü h l zu spielen versteht, dachte ich, – die Laute könnte vielleicht noch am ersten mit der Stimmung des deinigen zusammen treffen; und ohne längeres Besinnen widerrief ich meinen Entschluss, und machte mir ein Kompliment über die fortdauernde Besserung meines Humors.
Ich stieg zur gesetzten Stunde in den Saal, fand ihn aber zu voll und zu erleuchtet, und versteckte mich hinter einige noch unbesetzte Stühle, die sich aber bald nachher eine Gesellschaft junger Damen unter dem gewöhnlichen Geräusche ihrer seidenen Stoffe und geläufigen Zungen zueignete; und deren Nachbarschaft, ich kann es wohl sagen, ich in meiner ruhigen Lage gern entbehrt hätte. – Und doch, o wie viel hatte ich nicht ihrer schwatzhaften Vertraulichkeit zu danken! – "Wird er wohl länger hier bleiben?" – "Fürchten Sie nicht, dass ihn der Kaiser oder unser König einladen wird?" – "Wie oft sind Sie bei ihm gewesen?" – "Wollen wir ihn nicht morgen früh besuchen?" – So drängte eine Frage die andere, ohne dass eine Antwort dazwischen Raum fand. – Von was für einem seltenen mann, dachte ich, müssen sie doch wohl sprechen? – Ich schärfte mein Ohr, um das Rätsel zu begreifen, wie das Lob so vieler Schönen von einem gemeinschaftlichen Lieblinge so einstimmig sein könne!
Die Eine schrie: "die feine Lebensart"
Die Andre schrie: "das freundliche Gesicht"
Die Dritte schrie: "und den Prophetenbart"
Und alle schrien: "hat ein Betrüger nicht. –"
"Ein Mann," erklärte d i e , "der, ohne auszuruhn,"
Und jenee fiel ihr ein – "so fremde Wege geht," –
"Der," – rief der ganze Zirkel nun:
"Ist wirklich ein Prophet! –"
Oho! dachte ich – Ist hier die Rede von einem Propheten? Das hätte ich armer unwissender Berliner mir freilich nicht träumen lassen. Ich horchte gewaltig.
"Wer," fuhr noch Eine fort, "hat diesen Wundermann
Die seltne Kunst gelehrt,
Dass da, wohin kein Ohr, kein Auge dringen kann,
Er deutlich sieht und hört?"
"Ein Mann," schrie nun das Chor, "der jede
Weiberlist,"
"Den stillsten Mädchenwunsch versteht,"
"Der ist" – – – "ja!" rief auch ich – – – "der ist"
"Noch mehr als ein Prophet!"
Dieser Ausruf, der mir beinahe unwillkührlich entfuhr, verursachte, dass ein Dutzend der artigsten Gesichter sich herum drehten, und auf das harmvollste und blasseste im ganzen saal mitleidig hinblickten.
"Sie sind gewiss krank, mein Herr?" fragte mich die Nächste mit teilnehmender Güte, und die ernstliche Freundlichkeit auf den Gesichtern der andern bestätigte mich in dem grossen Begriffe, den ich von jeher von diesem Geschlechte gefasst habe, dass kein Leidender ihm gleichgültig sei. –
"Ja wohl, meine schönen Damen," antwortete ich, "ich bin sehr krankund mache eben eine Reise, um meine Gesundheit wieder zu suchen."
"So wünschen wir Ihnen," riefen sie mit Einer stimme – "von Herzen Glück, dass Sie jetzt Ihrer Genesung so nahe sind."
"Jetzt?" wiederholte ich erstaunt, und sah rund umher einer um der andern in die glänzenden Augen – "Ach! meine gütigen Damen, ich Armer bin zu gedemütigt, um eines so beissenden Epigramms wert zu sein."
"Warum das?" fuhren sie lächelnd und lebhaft fort, da sie mein Missverständniss merkten – "Haben Sie nur Zutrauen: – er wird Sie gewiss in weniger Zeit so erhaben sein werden."
"Um des himmels willen!" unterbrach ich den Ausfluss ihrer Weissagungen, "von welchem wohltätigen Wesen sprechen Sie denn?"
"Von welchem?" – fragten die schönen Kinder auf ihrer Seite mit vieler Verwunderung: "Sicher von keinem andern, als von dem grossen Propheten, in dessen Lob Sie ja selbst eingestimmt haben – von dem mann, der uns von Gott zugesandt ist, und hier seit ein paar Monaten recht apostolische Wunder tut."
Starr sah ich die schönen Schwätzerinnen nach der Reihe an – und schwieg – weil ich nichts klügeres zu tun wusste: doch das kümmerte sie auch nicht. – Sie schienen mir es Dank zu wissen, dass sie mich belehren konnten, und freuten sich über mein Erstaunen. "Er wird sich," nahm eine der andern das Wort aus dem mund, – "mit Ihnen in Rapport setzen – wird Sie durch und durch schauen – wird Ihre geheimsten Gedanken, Ihr Vergangenes und Zukünftiges, die verstecktesten Abweichungen von dem wahren und Guten – in Ihrem Körper wie in Ihrer Seele, wird er entdecken – alle Ihre Zweifel wird er heben, und was Ihnen jemals dunkel war, Ihnen erklären."
"Das sollte mir," rief ich mit Entusiasmus aus, "für mich und meine Berliner Freunde sehr lieb sein."
"Er desorganisirt die Nerven, die zu gespannt sind."
"Das ist mein Fall