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? – Nein, meine Beste! Es sei fern von mir, durch meinen wohlgemeinten Tausch zwo so gute Seelen zu entzweien! Zudem gehe ich übermorgen nach Vauclüse; und sollten Sie beharren, den Tag von Sich zu weisen, den ich Ihnen geben kann; nun, so weisen Sie zugleich das Geschenk auf immer von Sich, das Ihnen die gebenedeite Jungfrau durch mich zudachte, und ich schwöre nochmals ..."

Hier streckte sie ihre hände bittend nach mirund ihr Gesicht und ihre stimme wurden ganz feierlich. – "So sei es dennwenn Sie nicht anders wollen, mein Herr! Aber bei der heiligen Concordia beschwöre ich Sie! heben Sie, bis zu unserer Vertauschung, dieses himmlische Pfand mit der Sorgfalt auf, die es verdient!"

"O, das verspreche ich Ihnen, Klärchen!" konnte ich noch so ziemlich ernstaft heraus bringen, und hätte gern aus ihrer Ermahnung mehr geschlossen, als, nach der Wichtigkeit ihrer Miene zu urteilen, wirklich darin lag. – Indess freute es mich schon, dass mich das liebe Mädchen für einen Günstling jener grossen Heiligen zu halten schien, mit der mich der gelehrte Kirchner, mittelst eines Doppeldukatens in so angenehme Bekanntschaft brachte, und freute mich unendlich, dass schon der erste Versuch meiner aus dem Traktate de probabilitate geschöpften Beredsamkeit, selbst über meine Erwartung, so guten Eingang gefunden hatte.

Ich führte nun, da ich die Treppe frei sah, voll Zufriedenheit mit dem Gegenwärtigen, und voll süsser Ahndung für das Künftige, die schöne Heilige hinunter, mit der ich in einer glücklichen Viertelstunde um vieles bekannter geworden war, als es der scharfsichtige Herr Fez hoffentlich in seinem Leben werden soll.

Ehe wir auf die Gasse traten, erinnerte sie mich freundlich, dass man nicht gewohnt sei, sie von irgend einem andern Herrn, als ihrem Gewissensrate, begleitet zu sehen. Es war eine bittere Erwähnung. Indess liess ich sogleich ehrerbietig ihre Hand fahren, und nahm sogar einen ziemlichen Umweg, um ihr Zeit zu lassen, mit ihren unbegreiflich kleinen Schritten vor mir zu haus einzutreffen.

Mich erwartete eine Aalpastete, ein rotes Feldhuhn und die schönste Wintermelone; aber hätte mich auch das Gastmahl des L ü g n e r s erwartet, so wäre doch meine Neugier, die mich nach dem Sammetkästchen zog, stärker gewesen als meine Essluss. Ich öffnete es mit eben so viel Behutsamkeit als Begierde, und ging nun meine Beute auf das genaueste durch. – Aber wie schoss mir das Blut, als ich, nach einer flüchtigen Bewunderung des heiligen Strumpfbandes, den päpstlichen Ablassbrief überlas! – Ich sah zu meiner Beschämung und Aergerniss, wie gar sehr ich mich durch meinen Vertrag mit Klärchen übereilt hatte. Ja, lieber Eduard! die Urkunde des heiligen Vaters wäre für einen Liebhaberfür einen Königunsern jetzigen nur nicht, Tonnen Goldes wert. Es ist unmöglich, dass unter so genügen Bedingungen, als ich aus Unwissenheit eingegangen bin, mein Tausch-Kontrakt bestehen kann. Die ersten drei Punkte dieses geistlichen Frei-Passes müssen schon jedes unparteiische Gericht davon überzeugen. Und der siebente Punkt vollends! Nein, mein gutes Klärchen, du wirst den Preis gewaltig erhöhen müssen, wenn ich dich in den Besitz einer Reliquie setzen soll, an der so herrliche Indulgenzen haften.

Es ist mir recht lieb, dass ich schon einige Bekanntschaft mit den grossen Kasuisten in meinem Kabinette gemacht habe. Im Falle mich ja meine erhöhte Forderung mit Klärchen in Streit verwickeln sollte, werden sie hoffentlich alle auf meine Seite treten, und zu meinem Vorteile entscheiden. Kannst Du es mir wohl in diesen Umständen verdenken, lieber Eduard, dass ich heute die Unterhaltung mit diesen in meinem Prozesse so wichtigen Männern der Deinigen vorziehe? Wenn ich ihn gewonnen habe, so will ich gern desto länger zu Deinen Diensten sein.

Den 5ten Januar.

Das fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita ist erlebt, und schon spielen seine Glocken in der schönsten Harmonie. Mit herzlichem Mitleid verfolge ich Unglücklichen, die, von Gicht, Schwindsucht, und Entkräftung gebeugt, dennoch in ihren verzerrten Gesichtern Hoffnung der Besserung und Glauben an ihren Wundertäter tragen, dessen Altare sich ihr Schneckenzug nähert. Nie habe ich so viele Krücken beisammen gesehen. Einige darunter, von fremdem, glänzendem Holze, mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegt, zeugen von dem hohen stand ihrer Besitzer und von dem Luxus unsers Jahrhunderts. Dennoch wünschte ich, dass der prächtige Zug schon vorbei, und die alte überlästige Tante aus dem haus wäre, die sich, Gott verzeihe ihr diese Sünde! wahrscheinlich noch nicht in dem Grade niedergedrückt fühlt, um sich in diesem ausgedienten Vortrabe mit auf der Gasse zu zeigen. Mein Herz ist voll von gegen einander laufenden Empfindungen. Meine Jugend, die ungeduldig nach Genüsse hinter der Scheidewand schmachtet, erblickt, indem ich an das Fenster trete, das furchtbare Beispiel verschwendeter Kräfte öffentlich zur Schau ausgestellt. O möge nie Sancta Concordia zulassen, dass ihr treuester Verehrer der hülfe eines so einfältigen Heiligen benötigt werde, als mir in diesem Augenblicke Simeon Stylita mit seinen Nachtreten: vorkommt. Doch ich hörefreue Dich mit mir, Eduard! – die alte Tante aufbrechenJetztsteigt sie die Treppe hinab; jetzt verschliesst sie das Haus; und nun sehe ich sie auch schon über die Gasse hinken. Aber warum pocht mir das Herz? Von so guten Sachwaltern unterstütztmit so herrlichen Dokumenten versehenwas kann ich fürchten? Muss mein Prozess