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ernstem, dogmatischem Tone fort, "ist es Krankheit, die ihre Andacht in Bewegung bringt; zwei Tage darauf, am Feste der heiligen Bertilia, tut es ihr Name." –

"Und Klärchen?" fuhr ich zum zweitenmale auf – "Wird unterdessen," antwortete er ganz gelassen, "allein zu haus bleibenso wie hingegen am Feste der heiligen Concordia die Tante daheim bleibt, und nur ihre Nichte zur Kirche schickt."

"Und was gibt hiezu Veranlassung?" fragte ich äusserst neugierig. – "Das verschiedene Alter der beiden Andächtigen!" erwiderte er. Er sah mir an, dass ich ihn nicht verstand. – "Ich habe schon mehrmalen die Schwierigkeit bemerkt," fuhr er fort, "einem Deutschen, auch selbst von unserm Glauben, den Zusammenhang dieses Festes begreiflich zu machenaber es ist mir doch endlich immer durch hülfe der Analogie gelungen. Diesen Ausweg verdanke ich einem Reisenden aus Ingolstadt, der vor vielen Jahren hier war, und auch das Grab der Laura besuchte. – Von dem erfuhr ich gesprächsweise, dass in seiner Vaterstadt der heilige Augustin von allen denen besonders verehrt werde, die an den Augen leiden. – Bei uns hingegen ist dieser Heiligeals Augenarzt, gar nicht bekannt. – Die Ursache davon liegt einzig in der Verschiedenheit beider Sprachen. In der Ihrigen soll, wie Sie besser wissen als ich, die erste Sylbe in dem Namen dieses Wundertäters gleichen Schall und Bedeutung mit dem Worte haben, welches das Glied bezeichnet, mit dem wir sehen: und nun, mein Herr," fuhr er fort, "wird es Ihnen weiter nicht schwer werden, die Ursache auszufinden, warum bei uns nicht allein Mädchen, wie Klara, nein auch Weiber und Wittwen, wenn sie nicht, wie unsere Freundin Bertilia, über die fünfzig hinaus sind, das fest der Concordia mit einem Eifer feiern, der deutschen Damen, die unsre Sprache nicht bis auf solche Kleinigkeiten wissen, mehr als übertrieben vorkommen muss." – Ich verstand zum Glücke so viel Französisch, um diese Aufgabe der Analogie bald genug zu erraten, und ich hatte keine genüge Freude darüber. – "O," rief ich aus, "dieser Unterricht in Ihrer Religion, lieber Herr Kirchner, verdient eine ausgezeichnete BelohnungHiermachen Sie keine Umstände!" – Und so drückte ich ihm einen holländischen Doppel-Dukaten in die Hand, der so funkelte, als ob er erst aus der Münze käme. – "Ei, mein Herr", sagte der liebe Mann, und besah das Goldstück mit besonderm Vergnügen, "Sie beschenken mich ja so reichlich, als ob Sie Sich meine Fürbitte bei dieser Heiligen erkaufen wollten! – Die soll Ihnen auch nicht fehlen. – Aber, bei allen Engeln und Erzengeln! mein Herrwas sehe' ich? Diese Umschriftich bitte Siewar sie immer auf dieser Münze? – Ist sie zur Ehre der Heiligen geschlagen? oder ist es ein Wunder, durch das sie Ihnen ihre hülfe zusagt? hören Sie nur und hören Sie es mit Zutrauen, was sie Ihnen Gutes verspricht!"

Ich war bei diesem unerwarteten Ausfalle des Kirchners einige Schritte zurück getreten, und glaubte nichts gewisser, als der gute Mann Ware toll geworden; wurde aber, als er mir nun die bekannte Umschrift aller holländischen Dukaten herlas, doch selbst so davon überrascht, als wenn wirklich etwas Wunderwürdiges darin läge. – "Concordia," las. er, indem er den Dukaten zwischen den Fingern herum drehte – "res parvaecrescunt;" und zugleich sah er mich so bedeutend an, dass mir das Blut in's Gesicht stieg. – "O Klara, Klara!" rief ich aus, ohne zu wissen, warum? – "Das ist wahrlich ein sonderbarer Zufall, lieber Herr Kirchner. – Wie gern will ich ihn für eins der grössten Wunder ansehn, wenn die heilige Concordia ihre Zusage erfüllt! – Aber sagen Sie mir geschwind, lieber Mann, an welchem Tage des Jahres wird denn dieses grosse weibliche fest begangen?"

"Den achtzehnten Februar," antwortete er. – "Sollte es wohl den Eindruck auf Sie machen, dass Sie bis zu seiner Feier bei uns verweilen möchten?"

"O, ganz gewiss!" antwortete ich mit glühenden Wangen. – Und es ist mein völliger Ernst, Eduard!

"Nun dann wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem Mute," erlviederte der gute Mann. "Es hat noch keinen jungen Fremden gereut, diesen merkwürdigen Festtag in Avignon abzuwarten. Doch, da alsdann gewöhnlich die Häuser besetzter noch sind als zu Frankfurt bei der Kaiserwahl, so rate ich Ihnen wohlmeinendsind Sie anders mit Ihrer Miete zufrieden, Sich ihrer ja in voraus auf diesen Zeitpunkt zu versichern; denn Quartiere, wie das Ihrige, steigen alsdann über die Gebühr."

Hier störte ein Engländer, der Laurens Grab mit einer so verächtlichen Miene aufsuchte, als ob sie seine Freundin gewesen wäre, unser interessantes Gespräch. Ich konnte meinen Verdruss über diesen ungelegenen Fremden kaum vor ihm selbst verbergen, und doch konnte ich noch weniger dem Kirchner zumuten, ihn abzuweisen; denn ein abgewiesener Engländer kommt selten wieder. – Wir Kurzsichtigen ärgern uns oft über zufällige Dinge, die uns doch gerade unsern Wünschen entgegen führen. Du sollst noch auf diesem Bogen zu lesen bekommen, Eduard, wie viel ich der Dazwischenkunft dieses Reisenden zu danken habe