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einem Seiltänzer nachzuspringen. Es war Mangel an Uebung, lieber Eduard! Ich setzte den Fuss nieder, den ich schon aufgehoben hatte, lief meinen Tröstern in die arme, um mir Herz zu holen, und kauete jedes Wort wieder, das sie mir zusprachen. So gelang es mir am Ende ihren herzhaften Zuruf wörtlich meinem Gedächtnisse einzuprägen; und das ist, wie Du noch aus Deinen Lehrjahren her wissen wirst, schon viel, wo nicht alles, für die überzeugung gewonnen. Die Zweifel, die mir dann und wann über die Zuverlässigkeit meiner Ratgeber aufstiessen, machten mir eigentlich am meisten zu schaffen: aber ich fand doch bald einen erfahrnen Mann, der mich auch hierin zur Ruhe wies; denn die würdige Zunft der Kasuisten hat so sehr für alles gesorgt, dass der Satz des einen die Sätze der andern auf das brüderlichste unterstützt. Dans les choses douteuses, sagt der berühmte P. Poignant, der aufgeschlagen neben dem Sanchez lag, nous ne sommes pas obligés de suivre le sentiment le plus sur. – Und so blieb mir denn zuletzt weiter keine sorge übrig, als die, mich nur recht bald in der Lage zu sehen, meinen Ratgebern Ehre zu machen, und in Klärchens Armen das süsse Gefühl meines Unrechts ihrem Glaubensgenossen, dem Propste, der mir am schicklichsten dazu schien, unterzuschieben.

Aber die Hauptschwierigkeit, die ich weder durch Nachdenken, noch durch mein Nachlesen in den Kirchenvätern wegzuräumen wusste, die Frage, wie ich mich in diese glückliche Lage bringen sollte, blieb immer noch unbeantwortet. Der Vorgang von gestern Abend hatte mich ausserordentlich schüchtern gemacht. Man hätte mir die Welt bieten können; ich würde es darauf nicht gewagt haben, den bösen Geist, der den Schatz bewachte, noch einmal herauszufordern, ehe ich ihn nicht zu beschwören verstand.

In dieser Verlegenheit die mich vom Rousseau zum Amor, von einer Ecke des Zimmers in die andere trieb, konnte es indess nicht lange währen, so musste mir der einzige Mann beifallen, der sie vielleicht heben konnte. Mein misslungener Versuch von gestern, den ich zwar auf seine Autorität unternahm, hatte mein Zutrauen zu ihm nicht im mindesten geschwächt. Der beste Plan muss wohl scheitern, wenn man in der Ausführung nicht auch Rücksicht auf Zeit und gelegenheit nimmt; und das, musste ich mir selbst vorwerfen, war ich so albern gewesen ganz zu unterlassen. Ich steckte also meine Goldbörse ein, und machte mich gutes Muts zu ihm auf den Meg. Ich traf ihn auch diessmal wieder mit der heitern Miene auf seinem Posten, die mich gleich die erste Stunde unserer Bekanntschaft so sehr zu seinem Vorteile einnahm, und durch die sich so sprechend die ganze Ruhe seiner Seele und seines Amtes verkündiget. – Unser Gespräch kam indess diessmal nicht so geschwind in gang als gewöhnlich; ich musste lange die Kosten der Unterhaltung allein tragen. Er hatte die Unbarmherzigkeit, meine beichte von Anfange bis zu Ende mit geschlossenen Augen ruhig anzuhören, ohne das Bittere davon nur durch ein tröstliches Wort zu mildern, geschweige dass er durch einen zuvorkommenden, freundlichen Rat mir die Verlegenheit erspart hätteso in der Nähe von Laurens Ascheso ganz ohne achtung für ihr sittsames Andenkenihm mein geheimes Anliegen zu entwickeln. Selbst als ich nun meinen misslichen Vortrag getan hattevoll verschämter Erwartung vor ihm stand, und es ihm endlich gefiel die Lippen zu öffnen, hätte es im Anfang doch nur der Teufel seinem gleichgültigen Geschwätze ansehen können, was es am Ende noch alles Lehrreiches und Gutes für mich entalten würde.

"Ja, ja," fing er wie im Traume an, und rieb sich die Stirn – "unser Leben, mein junger Herr, währt siebenzig Jahr, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen. Auch ich habe diesen Morgen die meinige gehabthabe die Stühle, die Bänke und den Altar abgestäubt, und bin wohl zehnmal über Laurens Grab mit dem Besen gefahren, ehe ich es rein bringen konnte; aber es war notwendig. Diese Kirche hat morgen einen ansehnlichen Besuch zu erwarten; denn wir feiern das fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita, der von den vornehmsten hiesigen Einwohnern der Patron ist."

"Was in aller Welt geht mich dieser Schnak an!" dachte ich, machte eine höchst verdriessliche Miene, und setzte mich auf die nächste Bank.

"Sie müssen wissen, mein Herr," trat er nun näher vor mich, "dass unter Heiligen und Heiligen ein gewaltiger Unterschied ist. – Der eine hat mehr Rang, der andere mehr Zulaufdie eine fromme Seele schmiegt sich lieber diesem, die andere jenem an, nachdem entweder ihr Alter, ihr Gewerbe, ihr Name, oder ihre besonderen Sünden diese Auswahl veranlassen. So ist mein Einsiedler, zum Beispiel, durch die christliche Sündhaftigkeit, mit der er seine Gicht- und Zahnschmerzen ertrug, der Schutzpatron aller der Unglücklichen geworden, die an diesen Uebeln leiden. Schliessen Sie nun selbst, mein Herr, auf den Zuspruch, den er erhalten wird. Leider hat seit einigen Jahren auch Ihre gute Hauswirtin unter seine Fahne treten müssenAuch sie wird morgen den grössten teil des Tages in meiner und des Heiligen Gesellschaft zubringengeben Sie Acht, ob ich wahr rede!"

"Und Klärchen?" fragte ich hastig; er aber tat nicht, als ob er mich hörte. – "Morgen," fuhr er mit