anhaltendes, bald ein abführendes Mittel, auftreiben liesse. Wäre es Tag gewesen, so hätte ich freilich bei meinem Freunde, dem Buchhändler, das Aussuchen gehabt; so aber musste ich mir zu helfen suchen wie es gehen wollte, und das tat ich auch. Ich näherte mich zum erstenmale der, zu der frommen Stiftung gehörigen, kleinen Bibliotek meines Kabinets, sicher, dass ich hier eben so gewiss ein oder das andere moralische Buch finden, als ich nicht umsonst nach Pimpernelle oder Klatschrosen ausgehen würde, wenn ich eines Gurgelwassers benötigt wäre.
Der erste Folioband, den ich heraus zog, den ich aber auch ehrlich genug war, sogleich wieder an seinen Ort zu stellen, war Sanchez de matrimonio. Ich griff auf besser Glück nach einem andern von mittlerem Format, und bekam die Aphorismen des grossen Emanuel Sa de dubio in die Hand.
Das ist wahrscheinlich, sagte ich, so ein Buch, als du suchst, und setzte mich damit an meinen Tisch. Ich hätte auch für mein gegenwärtiges Bedürfniss kein besseres finden können. Auf allen Seiten strahlten mir die herrlichsten Anweisungen entgegen, sich mit Ehren aus den schlüpfrigsten Händeln seines Gewissens zu ziehen, und mit hülfe kleiner artiger Distinktionen sich über alle Fehltritte zu beruhigen, die eine strenge, ungeläuterte Moral, im Ganzen genommen, unbarmherzig verdammt. Du kannst denken, dass mir in meinen Umständen dieser Sittenlehrer ungleich mehr behagen musste, als jeder andere, der, ohne nur die Schwierigkeiten der Ausführung mit seinen Forderungen vergleichen zu wollen, mir geradezu gesagt hätte: Tue recht und scheue niemand! Das ist weiter keine Kunst. In diesem herrlichen buch hingegen fand ich sogar mehr als ich suchte. Wie viel Vorwürfe, die ich mir in meiner ersten misslaunigen Aufbrausung machte, würde ich mir nicht erspart haben, hätte ich diesen gründlichen Schriftsteller nur eine halbe Stunde eher gekannt! Ich las mich dick und satt, bis ich vollkommen überzeugt war, dass, wären mir auch alle die Absichten gelungen, an deren Ausführung mich das alte hämische Weib hinderte, ich zwar von der geraden Strasse ab – doch gar nicht viel umgegangen wäre.
Ich schloss nicht unwahrscheinlich von dem Werte dieses einzelnen buches auf die Wichtigkeit der ganzen Sammlung, holte mir, um bei der Entscheidung meiner Streitfragen der Mehrheit der Stimmen gewiss zu sein, noch andere herbei, die auch, mehr oder weniger, den guten Gründen jenes grossen Kasuisten beitraten, wovon ich Dir besonders einen gewissen Tomas Tambourin nennen und empfehlen will, der mir wirklich vielen Spass gemacht hat. Hier hast Du den Titel seines buches: Explicatio Decalogi, in qua omnes fere conscientiae casus, mira brevitate, claritate, et quantum licet, benignitate, declarantur. –
Ich war in guten Händen, wie Du siehst. Meine Lektüre ward immer anziehender. Der Unterricht dieser vortrefflichen Männer hatte mich endlich so fest gemacht, dass ich weiter keine Gefahr für mich sah, auch den ehrbaren Sanchez mit zu Rate zu ziehen. Ich las bis in die sinkende Nacht hinein, ohne seiner verwickelten fragen und Auflösungen überdrüssig zu werden, und lege ihn jetzt, da mein abgebranntes Licht mir kaum noch Zeit lässt, meinen Bericht an Dich niederzuschreiben, mit den Worten aus der Hand, mit welchen die vorgedruckte Approbation seines geistlichen Censors anhebt: Librum hunc legi, perlegi, lectitavi, felix pensum D. Sanchez, Catol: Majest: in Regio Incarnationis Coenobio a Sacello et Sacris: in quo nihil nec devium ab ortodoxa nostra fide, nec obvium bonis moribus percepi etc. Und gehe nun, ich gestehe es Dir, als der eifrigste Anhänger einer Gesellschaft zu Bette, der es, da sie so vorzügliche Mittel gegen menschliche Schwachheiten im Vertriebe hat, nicht fehlen kann, trotz der kleinen Kränkungen, die sie in unsern zeiten erlitten hat, an allen Enden der Erde Proselyten zu machen.
Den 4ten Januar.
Von allen moralischen Hülfsmitteln der Lojoliten, die ich mir gestern Abends eigen zu machen suchte, rührte mich keines so sehr, als der Ausweg, den sie einstimmig vorschlagen, um, in dem Hand, gemenge der Leidenschaften mit der Sittlichkeit, die mitspielende person sicher zu stellen. Setze, sagen diese Herren, wenn ich den Sinn ihrer Worte ins Kurze fasse, jeder zweideutigen Handlung, die du unternimmst, zur Beruhigung deines Gewissens, nur geschwind eine andere Zweideutigkeit entgegen! – Lass, zum Beispiele, zur Zeit ihres sträflichen Vorgangs den Gedanken voraus treten, dass ein anderer sie begehe als du, und schwöre sogar, wenn du dazu aufgefordert wirst, du habest die Tat nicht begangen, nämlich – wie du stillschweigend hinzu tun musst – an diesem oder jenem Tage, oder vor deiner Geburt. Durch diesen kleinen Kunstgriff setzest du dich am geschwindesten über alle, deiner Ruhe nachteilige Folgen hinaus; denn diese nehmen alsdann von selbst die Richtung an, in der du dich in so kritischen Minuten von dir selbst zu entfernen gewusst hast. Das ist bei vielen ner Sittenlehre:14 ob es aber auch immer recht ist, wie er dazu setzt, ist eine andere Frage, über die ich lange nicht mit mir einig werden konnte. Ich sah wohl ein, dass die Herren diesen verfeinerten Lehrsatz nicht so oft und so dreist würden ausgekramt haben, wären sie nicht von seiner Brauchbarkeit und Güte, aus langer praktischer Erfahrung, vollkommen überzeugt gewesen – und doch, wenn ich nun dran war ihn auf mich anzuwenden, versagte mir auf einmal der Mut, wie einem kind, das aufgefordert wird