– "Klärchen? Klärchen," beantwortete sie meine wohlgesetzte Rede, "nimmt keine nächtlichen Besuche – ja sie nimmt gar keine, und zu keiner Zeit an. Gehen Sie, mein guter Herr," setzte sie höhnisch hinzu, "suchen Sie anderwärts Ihre Unterhaltung, und lassen Sie Ihre Nachbarn in Ruhe!"
Schwerlich hat noch jemand einen unfreundlichern Bescheid aus einem hässlichem mund gehört. Da es aber noch einen einpörendern Anblick in der natur gibt, so gab sie mir auch den noch zu Gute: ich meine ein altes Weib, das die Begeisterte macht. Sie warf ihre beiden Irrwische von Augen in die Höhe, als. ob sie die Engel aus dem Himmel verjagen wollte, legte ihre linke Hand auf ihr schlotterndes Halstuch – streckte ihren rechten Arm steif und gerade nach mir zu, und kreischte mir mit der stimme einer Besessenen durch die Ohren:
Irrgläubiger! was treibet Dich
So frech, so blass, so schauerlich
Herum im Mondenschein?
Vernimm, furchtbares Nachtgespenst,
Es schliesst die Burg, die Du berennst,
Ein Kind des Lichtes ein!
Und welch ein Kind! So voll und rund,
So früh kam noch kein Busen, und
Kein weiblich Herz in Flor.
Ein Seraph sah den ersten Flug
Der kleinen Sängerin, und trug
Sie der Madonna vor;
Und wollte selbst mit seinem Gruss
Sich Gabriel ihr nahn,
Sie liess' ihn vor der tür stehen,
Und hiess' ihn, spottend, weiter gehen,
So wie sie Dir getan.
Der Propst, des himmels Liebling, nur
Verehrt den Schöpfer der natur
In meiner Nichte Reiz.
Der Reichtum ihres Gärtchens ist
Auch sein, und wird vor Räuberlist
Gesichert durch sein †.
Und jedes Kreuz, das er ihr schlägt,
Weckt eine Blüte mehr, erregt
Ihm eine Hoffnung mehr;
Und Sie bewahret, zum Erkauf
Des himmels, ihren Vorrat auf
Und zu Mariens Ehr!
Von der Holdseligen bedeckt,
Erhält sich frisch und unbefleckt
Ihr schöner Aerntekranz:
Und wenn ihm auch ein Kreuz verblich,
Der Propst mit einem Pinselstrich
hebt den verlöschten Glanz.
Was stört, verlorner Geist, Dein blick
Für Bilder in mir auf! – Erschrick
Und weiche meinem Fluch:
Dich müsse jede Jungfrau fliehn,
Maria keine Dir erziehn
Zu nächtlichem Besuch!
O! das soll mir ganz recht sein, dachte ich, indess die alte Närrin während der sublimen Worte ihrer mystischen Romanze, die ich vielleicht ganz der Quere verstand, dasselbe heilige Zeichen mehrmal über ihre Brust und ihr Gesicht zog, die doch wahrlich dieses Schutzes gar nicht bedurften, und zugleich mit ihrem Zeigefinger auf etwas hindeutete, das mir doch nicht eher verständlich und sichtbar ward, bis sie die Tür mir vor der Nase zugeschmissen und verriegelt hatte: – denn nun erst fiel mir eins von den Kreuzen in die Augen, auf die sich die Alte in ihrer Begeisterung bezog, und davon die eine Hälfte an der obern Bekleidung – die andere an dem Flügel der tür, nun in einem ungetrennten zug wieder zusammen passten, vermutlich mit einer Kreide gemalt, über die ein Weihbischof den Segen gesprochen hatte. "Liegt es nur daran?" sagte ich und warf den Mund auf. "Diese Wunderzeichen des Propstes sind doch wohl noch zu verwischen, wenn ich nur erst die Stationen kenne, die er damit besetzt hat." Und so schlich ich mit verbissenem Aerger in mein einsames Zimmer zurück.
Meine Abwesenheit konnte nicht lange gedauert haben; denn ich hatte nicht einmal nötig, mein Licht zu putzen, als ich es aus dem Kamin langte, es wieder auf den Tisch, und mich mit in einander geschlagenen Armen davor setzte. Es währte eine ziemliche Weile, wo ich gedankenlos auf die leere Flasche hinblickte, ehe ich sie in Verdacht nahm, dass sie wohl an dem eben geschehenen Vorgange die meiste Schuld habe. Diess brachte mich gelegentlich auf den Text, den ich mir in Ansehung der verletzten Diät und Moral, die leider! bei mir immer gleichen Schritt halten, zu lesen hatte. "Ja!" rief ich aus, "man muss betrunken, sein, um einen Augenblick an der Tugend und Unschuld dieser Heiligen zu zweifeln, und so ungleiche Absichten, als mir mein Gewissen vorwirft, darauf zu bauen. Ich habe es verdient, vor ihrer Tür abgewiesen zu werden; denn ich bin nicht wert über ihre Schwelle zu treten – nicht wert ihr nur die Schuhriemen – geschweige sonst etwas aufzulösen, und das geringste der Kreuze zu verlöschen, womit der Propst ihre Zugänge verwahrt hat."
Da ich nicht gewohnt bin, mich selbst zu schonen, sobald ich nur erst so weit bin, mich in die Augen zu fassen, so ward ich auch diessmal so böse auf mich selbst, dass ich mich gern vor jedem ehrlichen mann an den Pranger gestellt hätte, der mir die Wahrheit noch derber hätte sagen wollen, als ich es selbst tat. Ich fühlte in dieser ärgerlichen Stunde die Entfernung von Dir, mein Eduard, stärker als jemals, und wusste lange nichts an ihre Stelle zu setzen. Wie aber die gütige natur für gewöhnliche Uebel auch die Mittel dagegen vorzüglich gehäuft hat, und man zum Beispiele gegen einen bösen Hals, oder eine jede andere Krankheit, welche schleunige hülfe verlangt, die bewährtesten Recepte an allen Zäunen und Hecken findet; so, glaube ich, ist in unserm aufgeklärten Zeitalter kein Winkel der Erde mehr so verwildert, auf dem sich für eine kranke Seele ihrem Bedürfnisse gemäss, nicht bald ein