1791_Thmmel_094_79.txt

römischen Kalender verboten; ja mich däucht sogar, ich habe gelesen, dass es die Pflicht einer Heiligen sei, wenn sie Heiden bekehren will, sich ihnen zu nähern, und keine gesellschaftlichen Mittel unversucht zu lassen, ihre Seelen an sich zu ziehen. – Klärchen sehnt sich also wohl so sehr nach meinem Umgange, als ich mich nach dem ihrigen, wenn es ihr, wie ich glaube, mit ihrem Gebete auf dem Vorsaale ein Ernst war; zumal diesen Abend, wo es, gegen das gestrige Geräusch, in ihrem Zirkel so still ist, als ob sie von Himmel und Erde vergessen wäre.

Mein Mut wuchs nun in demselben Verhältnisse, in welchem meine Flasche abnahm; und kaum war das letzte Glas überwunden, so war ich auch schon auf dem Wege nach Klärchen. Aber meine Bewegung dauerte diessmal nicht fort; denn in diesem augenblicke, und da ich eben den Griff der Tür in die Hand nahm, trat ich zufälliger Weise auf den Stöpsel meiner leeren Bouteille. Ich hob ihn auf, und besah ihn. Kein Pfropf ist Wohl noch so bedenklich besehen worden. Es war mir, als ob der blick noch fest an ihm klebe, den mir Bastian so bedeutend zuwarf, als mir vorhin der Kork aus der Hand flog. Sollte Bastian mit seinem Blicke Recht haben? befragte ich mich erschrocken; sollte es wirklich für die Religion gefährlich sein, sich in dem Taumel des Weins einer Heiligen zu nähern? Das muss ich zuvor noch untersuchen, sagte ich, und zog mich mit meinem Stöpsel langsam nach meinem Lehnstuhle, auf den ich mich nun in eine Lage warf, die zum Nachdenken eines Betrunkenen wie gemacht war. Auch mochte ich nur etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als ich schnarchend erwachte, und unstreitig viel klärer in meiner Angelegenheit sehen gelernt hatte, als vorhin.

Es war schon spät, Eduard, und der Mond schon im Aufgehen; viel später, als heute vor sechs Tagen, da er mir auch schien, als die gute Margot mir ihr warmes Halstuch um den Kopf band. Hätte ich diesen Gedanken behutsamer verfolgt als ich tat, ich glaube, es wäre nichts aus meiner Visite geworden. So aber kam ich von Margots Halstuch auf das Halstuch der Heiligen, von dem Hundertsten in das Tausendste, undmein guter Gedanke entwischte mir unter den Händen.

Indess war es doch drollig, dass ich noch immer wie angeheftet auf meinem Lehnstuhle verweilte, ohne mich ganz von dem Misstrauen in meine Einsichten trennen zu können, das Du von jeher an mir gewohnt bist, und das mir immer noch anklebt, wie eine Nervenschwäche. Mein Vorsatz war zwar gefasst; aber um ihn auszuführen, fehlte mir nur noch die Aufmunterung eines Freundes, der mir für den glücklichen Erfolg und für allen Schaden haftete, der daraus erwachsen könnte; und auch diese Gewähr wusste ich mir endlich zu verschaffen.

Ja, lieber Eduard, alles mein voriges Hin- und HerUeberlegen hätte ich mir recht gut ersparen können, wenn ich eher an D e n gedacht hätte, der mir in Avignon alles in allem waran den Vorbereiter der Jugend, an das Orakel der Stadt, an den ehrlichen Kirchner. Ich brauchte ihn nur noch einmal in Gedanken abzuhören, um zu wissen, woran ich mit Klärchen war. Sein dunkles Gespräch schwebte mir vor, als ob er mir gegenüber sässe, und entwickelte sich jetzt zu meiner ungleich grösseren Zufriedenheit, als da ich ihn selbst hörte. Meine Wünsche bekamen ihre einzigewahre Richtung. Mit dem Uebertritte zu Klärchens Religion, fühlte ich, habe es heute wohl nicht viel zu bedeuten, und ich steckte, um nicht wieder darauf zu treten, den Propf in die tasche. Sein dunkles Gespräch? Mein Gott! durfte er es denn wohl weniger behutsam anlegen, wenn er seiner neuen Freundschaft für mich ein Geschick geben wollte, ohne geradezu seiner ältern für den Propst zu schaden? Wie war es möglich, dass ich so blind sein konnte? Ich erstaunte, als ich die feinen Winke erwog, die er mir, wie von ungefähr zuwarf, als ich die schlauen Bemerkungen analysirte, die er fallen liess, und die Lokal-Farben, die er zum Gemälde seines Vorgesetzten brauchte, mit den psychologischen Nachrichten verglich, die er mir von Klärchen mitteilteich erstaunte, sage ich, über die Deutlichkeit, die in allem dem herrschte. Der sonderbare Accent, den er, wie es mir schien, ohne Not auf dieses oder jenes Wort legte, bekam nun Bedeutung und Sinn. Sein Aufruf an mich zu Gunsten des Propstes erklärte sich mir, wie das Einlassbillet einer Komödie; und obgleich seine Rätsel so teologisch verflochten waren, als man sie nur von einem getauften Juden erwarten kann, so war mir doch weiter nicht bange, diese feinen Fäden glücklich aus einander zu wirren. Den Dünsten gleich, die von den Auen Beim Ueberschein der Sonne fliehn, Sah mein geschärfter blick des schlauen Orakels Dunkel sich verziehn. Ich forschte mit der Kraft, die Bacchus mir verliehn, Dem schweren Rätsel nach, bis mit geheimem Grauen Sein Knoten mir entgegen schien. neu, jung und modulirt, als keiner nach Berlin Zu Markte kommt, und doch nicht von der rauhen, Antiken Festigkeit, um ihn, Anstatt zu lösen, durchzuhauenLag er im Schutz der heiligsten der Frauen, Schon darum wert um vor ihm hinzuknien. Und wie der erste Trieb, sein Felsennest zu bauen, Den jungen Adler