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Ich habe in meinem Tagebuche eine Lücke von sechs wichtigen Stunden auszufüllen. Ich möchte sie auch nicht bis zu dem andern Tage verschieben, selbst nicht wenn ich bis zu seinem Anbruche fortschreiben sollte. Nur bitte ich Dich, Eduard, gieb genauer Acht, als gewöhnlich; denn ich bin im Begriffe, Dir einen neuen Beweis von der ungleichen, schwankenden und materiellen Zusammensetzung meiner Seele zu geben, der vollständiger ist, als alle vorhergehende. Ich selbst, da ich ihn niederschreibe, möchte beinahe glauben, dass ich, seit der v o r i g e n Blattseite, um zehn Jahre zurück getreten sei; so ausschweifend muss ich mich, wenn ich der Wahrheit treu bleiben will, auf d i e s e r h i e r schildern. Welch ein unbegreifliches Wesen, das in mir wirkt! Ich hoffe für das Glück der Welt, dass die Form davon, wie bei Rousseau's Seele, zerbrochen sein soll, und dass meine einzelne Anomalie in dem Universo nicht so gar viel zu bedeuten habe. – Doch wozu diese Vorrede? Sie ist nach der Zeitordnung, die ich doch gern beobachte, viel zu voreilig. Ich will mich fassen! Denn wenn Du die Anklage meiner richtig beurteilen sollst, so musst Du ja wohl erst sehen, wie, und wodurch ich sie verdient habe. Hand warf, und mich mit meiner Flasche allein sah, entrunzelte sich meine Stirne, die noch von dem System her, das ich mir von Klärchens Unschuld zusammen setzte, alle Zeichen eines ernstaften Nachdenkens trug. Ich lächelte meinen freundlichen Wein an, und, wie er mir erst unter die Nase sprudelte, setzte auch sein Geist den meinigen augenblicklich in Gährung. Ein flüchtiger Gedanke zog nach dem andern vorüber, ohne dass ich ihn aufhielt; bis endlich einer so zudringlich ward, dass ich ihn fasste, und mir durch alle mögliche Sophistereien den Spass machte, ihn so lange aufzustutzen, bis er mir am Ende zu meinem Unglücke über den Kopf wuchs.

Ich habe Dir, – Du hast es auch gewiss gefühlt, Eduard, – mit aller Stärke der Wahrheit die Gründe vorgelegt, die für die Heiligkeit meiner vortrefflichen Nachbarin sprechen. Wie konnte es mir nun einkommen, jetzt, als ein Advocatus Diaboli, Beweise aufzusuchen, die sich auf das unverschämteste ihrer Seligsprechung gerade entgegen stellten? Es ist unglaublich, und doch wahr. Wie ich diesen Irrweg einschlug, ahndete mir freilich nicht, dass ich so weit, und bis zu dem Abgrunde vorrücken würde, vor dem mich noch schaudert. Mein Blut geriet bei jedem frischen Glase, das ich hinunter stürzte, mehr in Feuer, und meine Einbildungskraft gewann die Oberhand über meine bessern Gesinnungen. Ich konnte immer weniger an das herrliche geschöpf hinter der Scheidewand ohne Begierde denken, und setzte sie mit einer unerklärbaren Frechheit, nach jedem Schlucke, den ich zu viel tat, von den hohen Stufen ihrer Würde immer tiefer und wieder tiefer herab, bis ich sie endlich, nicht ohne Schwierigkeiten, mit mir unter Eine Linie gebracht hatte; und nun erst ging ich unbarmherzig mit ihr um. Die klarsten Beweise ihrer Unschuld schickte ich mit einem Schnippchen in die Luft. Ihre Heiligkeit schien mir nichts mehr, als eine angenommene Rolle zu sein. die sie gut genug vor dem Publikum spielte. Und um Dir alles zu sagen, wie es in so einer Seele aussieht, konnte ich sie mir endlich unter keinem andern Bilde mehr denken, als demder Iphigenia von Tauris, die wir einmal, noch als junge Leute, von dem Teater nach haus führten, und die uns, wie wir damals dachten, einen so frohen Abend verschaffte.

Nun kennst Du meine Grundsätze, Eduard, wenn Du anders das Wort hier gelten lassen willst. Von jeher hat mich nichts mehr aufbringen können, als wenn ein Fürst zum Beispiele, mich durch seinen lakonischen Ernst, über seine Regententugendein Minister durch höfische Zurückhaltung, über seine Staatsklugheitein Pfarrer durch seinen faltigen Rock, über seine innere überzeugungund ein Mädchen durch den Flitter ihrer Sentiments, über ihre Tugend hinter das Licht zu führen gedenken. Es gehört ein so gutes Herz dazu als ich habe, dass ich nur selten bei solchen Gelegenheiten meiner Gabe zu spotten Raum gebe. Bei einem Mädchen aber, das sich mit so ausserordentlichen Annehmlichkeiten, als Klärchen besitzt, in meiner Nähe für sicher hielt, weil sie auf ihren Betrug und meine Blindheit rechnet, das mein brennendes Herz zwei volle Tage mit der Ungewissheit getäuscht hatte, ob es sie als eine Heilige bewundern, oder als eine gemeine Sängerin behandeln sollebei so einem Geschöpfe würde die Rache meines Mutwillens ohne grenzen sein. Gewiss sollte sie mir die Gegenbeweise ihrer Unschuld auf das demütigendste ausliefern, ihren ersten und letzten Betrug in meinen Armen gestehen, und durch alle mögliche Züchtigungen der Liebe für den erborgten Schimmer büssen, durch den sie einen erfahrnen Mann zu blenden gedachte.

Noch will ich nicht entscheidensagte ich sehr grossmütigaber es gilt einen Versuch: und beschämt gestehe ich Dir, dass ich in diesem augenblicke vor der Möglichkeit erschrak, in ihr eine Heilige zu finden; so sehr hatte ich mich schon daran gewöhnt, sie als ein irdisches Mädchen Zu behandeln.

Sie mag eins oder das andere sein, fuhr ich nach einigem Nachdenken fort, so kann sie mir doch als ihrem Nachbar unmöglich verargen, dass ich ihr meinen Besuch mache. So viel ich weiss, ist das in keinem