1791_Thmmel_094_77.txt

an keine weibliche Tugendzu glauben.

Für eine solche Heldin ihres Geschlechts, als ich Dir jetzt gemalt habe, Eduard, könnte ich selbst meine stimme zu den Beiträgen ihres verarmten Vaterlands geben, um ihre Seligsprechung zu befördern; um so mehr, da eine so billige Steuer schwerlich öfter als Einmal in einem Jahrhunderte vorfallen dürfte. – Und gegen diess herrliche geschöpf konnte ich auf Augenblicke verblendet genug sein niedrige Absichten zu hegen?

"Fahre nun fort, Bastian," rief ich aus einer Art von Bedürfnis;, eine andere stimme zu hören als die meinige; denn ich hatte mir nichts Höfliches zu sagen. – "Sie suchte mich auszuforschen," fuhr der Erzähler fort – "Wer denn?" unterbrach ich ihn. – "Sie sind zerstreut, mein Herr," antwortete Bastian: "Sie haben verhört, oder vergessen, was ich Ihnen eben in diesem Augenblicke erzählte. Die alte Tante war es, die mich über den Besuch ausforschen wollte, den Ihnen diesen Morgen der Herr im Purpur abstattete. Diese vornehme Bekanntschaft mochte in ihren einfältigen Augen wohl einen gewaltigen Glanz auf Sie werfen, mein Herr. Ich wusste nun freilich selbst nicht viel davon; aber was tut das? Man muss niemanden seine gute Meinung von andern benehmen, am wenigsten ein treuer Bedienter, wenn es das Ansehn seines Herrn betrifft: so muss man im gemeinen Leben denken, wie man in der Religion tut. Auch suchte ich es so sehr aufzustutzen, als ich konnte, und so erzählte ich am Ende mehr Rühmliches von Ihnen, mein Herr, als mir selbst bekannt war. Was wollen Sie sagen, Madam? antwortete ich: das ist nicht der erste Purpurmantel, den mein Herr vor seinem Bette sieht. Von einem Erzbischof, von einem Prälaten an den andern empfohlen, wird er von allen wie ein Freund vom haus empfangen. Es ist ein Spass mit so einem Herrn auf Reisen zu sein; denn wo wir nur hinkommen, fliegen uns die vornehmen Geistlichen wie die Spatzen ins Haus. – Sollte nicht etwa Sein guter Herr, mutmasste dabei die Alte, gar die fromme Absicht haben, zu unserer einzig selig machenden Religion überzugehen? – Kann wohl sein, erwiderte ich, und ich wünsche es von Herzen; denn seine jetzige mag so gut sein wie sie will, so sieht man doch wohl, wie blass und mager er dabei geworden ist. – Das dünkt mich auch, fiel mir hier Mamsell Klara ins Wort: er dauert mich, wenn ich ihn ansehe. – Lasst es gut sein, Kinder! war zuletzt der Ausspruch der Tante. Ich müsste mich sehr irren, wenn es bei einem mann, der solche Anzeigen gibt, der so weit her kommt, um unsere Klerisei aufzusuchen, der einen so verständigen Menschen von unserm Glauben, sagte die Tante, in seinen Diensten hat, und der seine wohnung bei uns nahm, es müsste sonderbar zugehen, wenn es bei dem nicht zum Durchbruche kommen sollte. – Hier schwieg sie, und da ich an ihren Lippen und Zeichen sah, dass sie ein Paternoster für Sie betete, so tat ich ein Gleiches; auch Klärchen setzte den Engel bei Seite, schlug ihre Augen in die Höhe, und knötelte an ihrem Rosenkranze, und es war einige Minuten ganz still auf dem Vorsaale." –

"Ist das der Anschlag, den die Alte auf mich hat?" fragte ich meinen Bastian lächelnd. "Nun der mag noch hingehenaber nur weiter!" –

"Ach! mit welchem Seelenvergnügen," fuhr er jetzt noch lebhafter fort, "haben Tante und Nichte die Andacht nicht heute Morgens bemerkt, mit der Sie, mein Herr, als ob Sie schon zum Kapitel gehörten, dem heiligen Hochamte beiwohnten!" –

"Was sagst Du?" fuhr ich auf: "Klärchen war in der Kirche, und ich habe es nicht geahndet?"

"Und doch" – erwiderte Bastian, "stand sie gar nicht weit von Ihrer Loge. Als Hausgenosse, hatte ich mich neben sie gestellt; aber Sie waren so vertieft in Ihrer eigenen Andacht, dass Sie die unsere gar nicht gewahr wurden. Ich wünschte, Sie hätten das liebe Kind beten gesehen! Sie erbaute den ganzen Zirkel, der um sie her kniete, und ich bin versichert, es wurden ihr aus allen Ecken und Enden mehr Blicke, mehr Seufzer zugeschickt, als der heiligen Genoveva selbst." –

"Hole mir eine Flasche oeil de perdrix, Bastian!" unterbrach ich hier den Schwätzer. "Tue Dir auch selbst für Deine heutige leibliche und geistliche Anstrengung etwas zu gute. – Hier hast Du einen kleinen Taler dazu: aber um meine Bekehrung bekümmere Dich weiter nur nicht! Hörst Du?"

Bastian machte eine erbärmliche Miene, steckte sein Trinkgeld ein, und ging. Der gute Narr! Könnte ich in seine Munterkeit, n seine fröhliche Laune, in seine blühende Gesichtsfarbe und in seine Jugendkräfte so leicht übertreten als in seine Religion! –! Von so einem Umtausche liesse sich schon eher sprechen. Er kam bald wieder zurück, setzte mir den Wein stillschweigend auf den Tisch, und entfernte sich mit einem so bedeutenden Blicke, als wollte er mir sagen: Brauchen Sie nur dieses Mittel! es ist das wirksamste zu Ihrer Bekehrung. Nun, das wollen wir sehen, dachte ich, zog den Pfropf aus meiner Bouteille, und warf ihn wider die Wand.

Abends elf Uhr.