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wird es eher gehen. – Sie trippelte in ihr Zimmer, kam bald zurück; da sie mich aber mit ihrer Tante im gespräche sah, nahm sie mir die Figur abund es währte keine zehn Minuten, so ward der Engel unter ihren Händen wieder wie neu."

"Wie?" unterbrach ich den weitläuftigen Burschen: "Klärchen hat ihn mit eigenen Händen geputzt? Da muss ich doch ..."

Ich sehe es nun zum voraus, Eduard, es wird Dir sehr geringfügig vorkommen, wenn ich Dir jetzt erzähle, wie ich bei diesen Worten aufsprang, und mich bedächtig und langsam über den schlafenden Amor bog, um zu sehen, wie glänzend er aus Klärchens Händen gekommen sei. Du hast aber Unrecht! Nichts ist dem Beobachter geringfügig, wenn es darauf ankommt, Charakter zu schildern. Die unmerklichsten Züge, die der grosse Haufe übersieht, können dem Seelenmaler von Bedeutung werden, und durch eine glückliche Übertragung auf die Leinewand seinem Gemälde vielleicht alle die Physiognomie geben, nach der gemeine Pinsler vergebens herum stören. Rubens hatte ein lachendes Kind gemaltEr tat einen einzigen Pinselstrichund siehe! es weinte zum Erstaunen der Umstehenden.

Gesetzt also, dass mein Hinblick auf den gereinigten Amor mir zu einer Bemerkung verholfen hätte, die der Aufbehaltung wert sei, die es verdiente, einst ihren Platz in Klärchens Legende zu finden; würdest Du nicht gezwungen sein, das Auge zu bewundern, das nie vergebens auf seine Entdeckungen ausgehtdem Scharfsinne des Mannes zu huldigen, der auch in Sonnenstäubchen Farben bemerkt, die sich zu seinen psychologischen Schattirungen benutzen lassen; und würde Dir nicht die Sicherheit seiner Hand gefallen, die mit so kleinen Mitteln die wirkung eines Rubens hervorbrächte?

Hätte mir Bastian auch nicht gesagt, dass Klärchen den Engel gesäubert habe, es wäre doch für mich entschieden gewesen, dass es nur eine jungfräuliche Hand sein könne, die es tat. Sie hatte die Figur im Ganzen zwar funkelnd und weiss wieder hergestellt, bis auf eine Kleinigkeit, die, da sie unmöglich zu übersehen war, ihr also wohl so erstaunlich befremdend gewesen sein musste, dass sie ihre Baumwolle darüber verlor. Diess, schloss ich weiter, würde ihr nicht geschehen sein, wenn sie mehr bewandert in der Mytologie, weniger fremd in der Naturgeschichte, und nicht so schreckhaft wäre, wie ein kleines Kind, das bei allem, was ihm ungewohntes aufstösst, grosse Augen macht und davon läuft. Ich schloss ferner, und, wie ich glaube, sehr richtig, dass, da sie die Figur so gar wenig kannte, sich wohl noch kein Mietmann rühmen könne, dass ihn die schöne Nachbarin auf der stube besucht habe, in welcher der Engel schläft. Und ich schloss endlich, dass, bei allen ihren petrarchischen Vorbereitungen und ihrem Umgange mit drei geistlichen Vätern, ihre Kenntnisse doch zum Erstaunen beschränkt, und von einer so ruhigen Einfalt sein müssten, als sie wohl noch nie auch der strengste Richter von einer Heiligen verlangt oder erwartet hat. Das alles, Freund, schloss ich aus dem Staube, der, höchstens in der Länge eines Zolls, an dem schlafenden Engel zurück blieb.

Ob man von dem Gesichtspunkte, den ich in's Auge gefasst hatte, allemal ausgehen müsse, um über den Wert oder Unwert eines rätselhaften Mädchens zu urteilen, will ich nicht entscheiden: so viel ist aber gewiss, dass Klärchen durch den Mangel ihrer Kenntnisse, und durch das augenscheinlich erste Schrecken ihrer Hand, unendlich in meiner Vorstellung gewann. Auch die einzelnen Züge, die ich vorher schon von ihr aufgefasst hatte, wurden durch diesen noch hervortretender, und trugen das ihrige bei, mich mit mir selbst über die Ehrfurcht zu vereinigen, die ich einer so frisch erhaltenen Tugend schuldig bin. Ach! wenn es wahr ist, dass es Heilige gibtund wie könnte ich jetzt daran zweifeln? – so verdient Klärchen wohl diesen Titel vor allen ihres Geschlechts: Sie, die schon als Kind nur in den Kramläden der Klöster ihre Spielwerke suchte, und immerfort, wie es die Figur zeigt, unbekannt mit denen blieb, die für ihr Alter gehören; Sie, deren stimme noch unverdorben blieb, ob sie gleich so oft mit ihren Beichtvätern gewechselt hat, wie ich mit meinen Spazier-Schuhen, das heisst, bis ich ein Paar gefunden habe, das mir recht sitzt.

Was hat mir nicht alles Herr Fez von ihren kleinen Spekulationen erzählt, die mir nach und nach wieder beifallen werden! Eins nur davon: Ihr erster Vertrag mit der Mariaist er nicht eben so fein ausgedacht, als er fromm ist? Ich frage Dich selbst, Eduard, welche Schöne würde bei dem Uebergange in die Zeit ihrer Rosen so viele Besonnenheit behalten, als dieses unschuldige Kind? so dass es sie alle, wie sie unter seiner Hand aufschiessen, mit der minorennen Angst, es möchte die ganze Stadt ihren Reichtum erfahren, und mit der sorge in Empfang nimmt, was es damit anfangen, und wer sie bewachen solle? und bei der Unerfahrenheit, welche wohl dem Verwelken, welche der Beraubung am nächsten sei? einzeln erst diesedann jene, und endlich den ganzen Straussder Mutter in den Schooss legt. Es liegt ein System von Unschuld in diesen kindischen Begriffen, dass ich den Kurzsichtigen bedauern würde, der keinen Zusammenhang darin fände. Er muss nie ein unbefangenes Herz unter Augen gehabtnie eine Klara gekannt, oder gar das Unglück haben,