zu nutzen – wie ein heimliches Gericht, hier zu belohnen, dort zu bestrafen, manchen traulichen Wunsch des einen mit der Erwartung des andern auszugleichen, und sonach, ganz in der Stille, wie es einem Weisen geziemt, auf Welt und Nachwelt zu wirken. – Aber, mein wertester Herr, was ist Ihnen? Siestehen ja in gar tiefen Gedanken!"
"Halten Sie mir meine Zerstreuung zu Gute, lieber Herr Kirchner," versetzte ich; "aber eben ging mir eine sehr neugierige und zudringliche Frage durch den Kopf, die ich" ...
"Nicht das Herz habe mir vorzulegen?" fasste er selbst höflich meinen Gebauten auf: "O, machen Sie mit mir keine Umstände! – Ich bin an allerlei fragen gewöhnt, und selten verlegen, darauf zu antworten."
"Nun so sagen Sie mir aufrichtig," fuhr ich fort, "setzt denn wohl die schöne Klara, die dort oben in der Stiftsgasse bei einer alten Tante wohnt, ihre jugendlichen Wallfahrten bei diesem heiligen grab fort, oder ist sie auch schon über Ihre petrarchischen Vorbereitungen hinaus, mit denen Sie der hiesigen Jugend zu hülfe kommen?"
"Welch eine Verbindung von Ideen!" rief der Kirchner mit sichtbarer Verwunderung. "Wie in aller Welt kommen Sie doch von meiner Mädchenprobe auf das zerknirschte Herz dieser Heiligen?" –
"Das geht doch sehr natürlich zu," antwortete ich. "Schon drei Tage wohne ich neben ihrer kammer, höre sie täglich einen oder ein paar Psalmen mit einer Engelsstimme singen, kann keinen blick auf sie werfen, wenn sie in die Messe geht, ohne durch und durch erschüttert zu werden, und" ...
"Und so wird es freilich begreiflich," half mir der gute Kirchner wieder ein, "warum Sie einen so warmen Anteil an ihren Wallfahrten nehmen. In ganz Avignon hätten Sie für Ihre Ruhe Sich in keine gefährlichere Nachbarschaft einmieten können; so viel kann ich Ihnen vertrauen."
"Und meine Frage?" rief ich mit Ungeduld ...
"Ist sehr verfänglich," fiel er mir in die Rede: "Aber Sie verdienen," – hier rasselte er mit meinen zwei Laubtalern – "dass ich sie ohne Zurückhaltung beantworte. Es mögen ungefähr zwei Jahre her sein, als sie mir, mit den schüchternen und verschämten Blicken eines dreizehnjährigen Mädchens, zum erstenmale unter die Augen trat. So lange ich meinem amt vorstehe, sah ich noch auf keinem gesicht den Uebergang der ruhigen Einfalt in die glückliche Zeit der Erwartuug sanfter bezeichnet, sah das letzte Veratmen der Kindheit nie in einer sittsamern Bewegung – Ich hätte der jungen Brust helfen mögen, sich auszudehnen! Ich tat, was ich konnte, und wurde für die einschmeichelnde Erzählung meiner alten geschichte durch immer lebhaftere Blicke ihrer feurigen Augen nur zu sehr belohnt; denn ich stotterte mehrmalen, was mir sonst nicht widerfährt, und fühlte, dass ich noch rot werden konnte. Wie bedauerte sie nicht den armen Petrarch, und was für Geschmack fand ihre harmonische Seele nicht an seinen herrlichen Sonetten! Sie hat sie so oft, unter klopfendem Herzen und mit feuchten Augen, angehört, dass ich nicht zweifle, sie weiss sie nun so auswendig als ich. Seit einiger Zeit hat sie sich jedoch ganz auf die sublime Seite der Andacht gewendet, auf der sie, wie es scheint, einzig ihr Glück zu machen gedenkt: nicht, als ob sie nicht dann und wann noch diese heilige Grabstätte besuchte; nur geschieht es seitdem nie anders, als unter Begleitung ihres zeitigen Gewissensrats, deren sie drei – einen nach dem andern versteht sich – vorher gehabt hat, ehe das Glück ihr unsern Herrn Propst zuführte, der seine meiste Zeit auf die Seelsorge dieses ausgezeichneten Mädchens zu wenden – und mit dem auch s i e vollkommen zufrieden zu sein scheint."
Das Blut stieg mir ins Gesicht – "kennen Sie," – fragte ich stotternd, "diesen Mann genau?"
"Ob ich ihn kenne?" fiel mir der Kirchner so hitzig ein, als ob ihn meine Frage verdrösse. "Ein Steinfremder, dächte ich, dürfte ihn nur einmal über die Strasse gehen sehen, um ihn ganz zu kennen. Die Männer grüssen ihn demütig wie einen Apostel, und die Weiber, die flüchtigsten Mädchen sogar bleiben stehen, wenn er vorüber geht, heben die Augen gegen Himmel, und drücken seine segnende Hand an ihren schwellenden Busen. Seitdem dieser brave Herr das Amt der Schlüssel trägt, hat er" ...
"Ohne Unterbrechung, lieber Herr Kirchner," fiel ich dem entusiastischen Lobredner ein, "was für ein Amt bezeichnen Sie unter dieser sonderbaren Benennung?"
Der gute Mann schien Mitleiden mit meiner Unwissenheit zu tragen, die wirklich auch in allem, was zur Kirchenverfassung gehört, über die massen seicht ist; und um mir die Sache recht anschaulich zu machen, zählte er mir alle die Schlüssel an den Fingern her, die der junge Mann, durch seine Beförderung zum Propst, in seine geistliche Gewalt bekommen hatte. – "Er löst," sagte der Kirchner mit anständigem Ernst –
"Er löst die Bande der natur,
Und schiebt ihr Riegel vor –
Von der verborgenen Clausur,
Bis zu dem offnen Tor;
Hat seinen gang, nach eigner Wahl,
Zu allen Schlössern frei,
Vom Kirchturm, zu dem Speisesaal,
Bis zu der Kellerei."
"Sie begreifen doch nun," fuhr der Kirchner mit