sagte ich, und wies mit zwei Laubtalern, die ich ihm in demselben Augenblick in die Hand drückte, seine drohende Beredsamkeit glücklich von mir. Diess stiftete in der Geschwindigkeit eine gewisse Sympatie unter uns, von der ich mir in der Folge manches Gute verspreche. "Ihre zuvorkommende Art, mein Herr," sagte er lächelnd, "mit der Sie Sich dieser heiligen Grabstätte nähern, lässt mich ungefähr vermuten, wie begierig Sie sein mögen, die geschichte meiner Pflegbefohlnen zu hören. Es ist schwer von ihr zu schweigen – doch tue ich es, da Sie mir es so eindringend befehlen."
"Sie haben mich in der Tat erraten," antwortete ich: "aber, wie Schade, dass ein Mann von so feinem Takt nur die Asche eines hübschen Weibes bewachen soll! Dieses Geschäft, mein Herr, ist doch so eingeschränkt, so traurig, und entält so wenig Belohnendes für einen denkenden Geist!"
"Im Ganzen, mein Herr," versetzte der Kirchner, "mögen Sie wohl Recht haben; doch sollten Sie, däucht mich, einen Wächter an dem grab einer Laura davon ausnehmen. Nicht das schöne Weib, das hier begraben liegt, und das, als sie noch ganz beisammen war, neben ihrem Gemahle auch noch das Herz eines andern entflammte, – nicht diese gewöhnlichen Vorfälle machen ihre Gruft merkwürdig, und veredeln die sorge dessen, der sie bewacht – sondern der reine Geist ist es, der nach Jahrhunderten noch, gleich einem Phönix, über ihrer Asche zu schweben scheint, der einem fühlenden Herzen dieses sonst unbedeutende Aemtchen so wert macht; der Geist der Liebe ist es, ihres unsterblichen Dichters."
Er sprach das u n s t e r b l i c h so patetisch aus, wie ein Professor. Ich verzog den Mund nur ein wenig, und dennoch verstand mich der Schlaue, als ob er mir in das Herz geblickt hätte, und antwortete mir nach meiner Miene: "Wenn Sie, mein Herr, Laurens berühmten Liebhaber nur als einen gesunden jungen Mann von gewöhnlichem Schlage betrachten, so verdenke ich Ihnen nicht, dass Sie seiner Unsterblichkeit ein wenig spotten. Ein solcher tut freilich für eine einzige schwelgende Nacht bei seiner Geliebten gern auf allen Plunder des Nachruhms Verzicht. Aber Petrarch, mein Herr, kalkulirte ins Grosse. Seine weit sehende Seele zog die Sättigung einer fortdauernden Gemeinde seinem luxuriösen Hunger vor, und ohne selbst, wie ein Hochzeitbitter, an dem Gastmahle Platz zu nehmen, zu dem seine süssen Worte tausend andere einladen, sparte er das Feuer der Liebe, statt es auf die gewöhnliche Art zu verschnaufen, nur zum Stoffe seiner ewigen Gesänge. So gewiss er auch war, dass sie bei Lauren für ihn ohne wirkung blieben, zählte er in dichterischem Entusiasmus alle die Seufzer, die er nach Jahrhunderten noch erregen, alle die Herzen, die er erwärmen und öffnen, und alle die Schwierigkeiten, die er unter Liebenden vermitteln würde, und tröstete sich auf seinem einsamen Lager, mit dem traulichen Geflüster, das er auf tausend andern hervorzurufen gewiss war. Könnten Sie ihn wegen dieses umfassenden Gefühls bedauern? O, gewiss nicht! Denn welcher Grossdenkende wird nicht gern sein einzelnes Leben daran setzen, wenn er hoffen darf, dadurch ein allgemeines Wohlbehagen zu befördern, auf unzählige Geschlechter Freude und Genuss zu verbreiten; – wenn er hoffen darf, dass eine Schaar empfindsamer Geschöpfe sich das Verdienst seiner Leiden zurechnen, und den Lohn ernten werde, dem er gutmütig entsagte! Dieser stolze Gedanke, ist er nicht der letzte Trost aller der heiligen Märtyrer gewesen, die zum Vorteile des Ganzen freiwillig ihr eigenes Glück opferten?"
Bei diesen Worten sah mir der Redner scharf in die Augen, und wäre ich nicht von seinem Uebertritte zum christlichen Glauben, unterrichtet gewesen, wer weiss, ob ich nicht seine schöne Tirade für eine strafbare Ironie aufgenommen hätte, auf die ich, oder D. Less hätten antworten müssen! So aber wusste ich nicht, was ich davon denken sollte – lüftete meinen Hut und seufzte, und der Redner fuhr fort: "Sie nannten vorhin meinen Wirkungskreis traurig und eingeschränkt – Wie leicht wollte ich Sie eines bessern überzeugen, müsste ich nicht" ... und er hielt inne – doch besann er sich bald – "Habe ich nicht," sagte er nach einer kleinen Pause, "einen höflichen Fremden, einen Mann von Ehre vor mir, der mein Zutrauen nicht missbrauchen wird? Das ist mir genug. Sie wissen, dass ich von der geistlichen Obrigkeit, nach vorher gegangenem scharfen Examen, eingesetzt bin, dieses Grab zu bewachen, und jedem der es verlangt, eine und eben dieselbe veraltete Liebesgeschichte zu erklären. Ein armseliges Geschäft dem ersten Ansehn nach! Aber auch das armseligste kann, unter der Behandlung eines tätigen und nachdenkenden Mannes, wichtig für seine Zeitgenossen, wichtig sogar für die Nachwelt werden. Freilich würde ich ohne Kenntniss des menschlichen Herzens, in dem beschränkten Zirkel, den man mir anwies, nicht weit gekommen sein – aber wo kommt man auch weit ohne sie? Ich begnügte mich nicht, meine mir aufgelegten beschwornen Pflichten so schlechtweg zu erfüllen. Nein, mein Herr! ich besah sie, sobald sie mir erst Brod geschafft hatten, auf allen Seiten, und studierte sie aufmerksam, in der Absicht sie mit der Zeit zu veredeln. Ich erlangte bald eine gewisse Fertigkeit in meinem Vortrage, den keiner meiner Vorgänger in dieser Vollkommenheit besessen hat, sogar dass ich