zu Zeit nachfolgt, von meinem lauschenden Ohre abhalten kann, und dass ich jetzt ohne Psalm schlafen gehen muss, scheint mir eine offenbare Verletzung der guten Sitten, ein verpönter Eingriff in meine Rechte auf Ruhe und Hausfrieden zu sein, die mir nach meinem Mietkontrakte gebühren. Kurz, es ist unverantwortlich!
Den 3ten Januar.
Die Ungeduld über den lärmenden Geistlichen, auf dessen Abzug aus meiner Nachbarschaft ich gestern Abends nicht länger warten mochte, brachte mich auch noch die halbe Nacht um meinen ruhigen Schlaf. Ob sie diesen Morgen gesungen hat, mag Gott wissen; denn ich erwachte weit später als gewöhnlich, und hatte kaum meine Nachtmütze vom kopf geschleudert, als mir auch schon der Domherr seinen gestern angekündigten Gegenbesuch abstattete. Wäre ich nicht schon so ziemlich mit ihm bekannt gewesen, so würde es mich vermutlich noch mehr, als es tat, ausser Fassung gesetzt haben, einen Mann im Purpur bei meinem petit Lever zu sehen; so aber hatte ich statt aller Entschuldigung nur nötig, den Kontrast unsers Aufzuges recht hell in's Licht zu setzen, um seine Selbstzufriedenheit so lange zu beschäftigen, bis ich angekleidet und zu seinem Befehle war.
Wir schlenderten nun zusammen in die Kirche. Ich bekam einen sehr guten Platz: wenn nur das Stück besser gewesen wäre, das man aufführte! Es wurde mir eine freie Seitenloge, neben der Hauptloge des Kapitels, angewiesen. Hier stand ich in mich gekehrt, unter der beständigen Abwechselung heiliger Gebräuche, die mir jedoch zu fremd waren, als dass sie auf meine Andacht wirken konnten. Ueberhaupt war wohl von den mancherlei Vorzügen, mit denen ich mich in meinem Leben dann und wann beehrt sah, schwerlich einer so übel auf meine Verhältnisse berechnet gewesen, als die Höflichkeit, die mir der Domherr zu erzeigen glaubte. Mein Missbehagen wuchs mit jeder Minute, und war eben in dem Augenblicke auf's höchste gestiegen, als der dienende Geistliche am Hauptaltar das Venerabile in die Höhe hob, und die ganze Versammlung mit einem Getöse zur Erde niederfiel, das meine längst verlorne Aufmerksamkeit wieder herbei zog. War ich nun gleich der einzige, der ruhig in seiner ersten Stellung blieb, so war ich es doch nicht auf lange. Die Pseudo-Kardinäle, denjenigen nicht ausgenommen, der mich hierher verlockt hatte, winkten mir mit so ernsten, mürrischen Blicken zu, dass ich, aus Furcht vor einer Kirchenstrafe, geschwind ihrer Weisung folgte, und, indem ich meine Kniee beugen wollte, aus Mangel an Uebung, mit beiden Füssen auf den harten Marmor hingleitete. Ich hätte den Schmerz für etwas Verdienstliches halten müssen, wie ein Bramine oder ein Büssender, wenn diese Erschütterung eine nur leidlich wohltätige wirkung auf mich hätte hervorbringen sollen: da ich keines von beiden war, folgte ich meiner natürlichen Empfindung, rieb mir die Kniee, und fluchte so lange heimlich über das Bittere und Lächerliche eines erzwungenen Gottesdienstes, bis ich, da die Versammlung sich nach geendigter Zeremonie wieder erhob, und nun Chor und Gemeinde ihren hoch tönenden Gesang anstimmten, der gelegenheit wahrnahm, meinem inneren Verdrusse Luft zu machen.
Aus Andachtsspott, (das Wort ist neu,
Mischt' ich dreust ihrer Litanei
Ein deutsches Epigramm von unserm Luter bei,
Und sang: "Uns fernerhin behüte
Vor Papsts Lehr' und Abgötterei!"
Das sang ich laut im päpstlichen Gebiete,
Nach wohlbekannter Melodei.
So verrichtete ich, im Angesichte des ganzen Kapitels, und in seiner eigenen Kirche, meine Andacht nach grundsätzen meiner Religion, und ging nach diesem Simultaneo, und ohnedem Domherrn für erwiesene Ehre zu danken, gerächt und fröhlichen Mutes meinem Mittagsmahle entgegen.
Diese gute Laune nahm zu, so bald ich mich wieder in Klärchens Nähe befand. Der Entusiasmus für ihre übermenschliche Tugend, mit dem mich mein Freund, der Buchhändler, auf eine Weile angesteckt hatte, war zwar seit gestern Abend auf und davon: er hatte mir aber seine Stätte noch immer warm genug zurück gelassen, um eine andere Art von Gefühl, das, obgleich nicht so uneigennützig, doch darum nicht minder angenehm war, leidlich genug zu beherbergen. Doch war ich entschlossen, ihm nicht eher Raum zu geben, bis ich vorerst Herrn Fez über einige Artikel verhört hätte, die das wahre verhältnis betrafen, worin vielleicht der geistliche Herr mit der kleinen Heiligen stehen möchte. Diese Vorkenntnisse schienen mir so unentbehrlich, dass ich nach dem Essen keine Minute
Die kleinen unschuldigen Mittel, die ich gestern gebrauchte, dem schwatzhaften mann Vertrauen zu mir einzuflössen, taten auch heute ihre wirkung. Ich erfuhr auf die ungezwungenste Weise, erst den Ladenpreis dieses oder jenes, in Vergessenheit gekommenen Dichters und Prosaisten, und erfuhr, sobald mein Conto gemacht war, eben so genau den wahren Zusammenhang des Besuchs, der mir so verdächtig schien.
Dass man doch, der vielen Erfahrungen ungeachtet, sich durch den äussern Anschein noch immer so leicht zu übereilten Urteilen verleiten lässt! Es macht der menschlichen Vernunft wirklich wenig Ehre. Herr Fez hob durch ein paar Worte, die mir viele Unruhe würden erspart haben, wenn sie mir gestern zu Ohren gekommen wären, alle die nachteiligen Zweifel, die ich gegen die Sittsamkeit meiner lieben Nachbarin gefasst hatte. Die Sache verhält sich so: Das Haus, wo wir wohnen, gehört, wie mehrere in der Stadt – und das wusste ich ja vorher – dem Hospitale der Probstei. Nun ist der junge Geistliche seit kurzem zum Probste erwählt worden, und besucht sonach, in Gemässheit seines Amtes, eins um das