Freund! eine kleine Bestechung hätte manches unter uns vermitteln können, wäre nur meine Laune nicht zu verstimmt gewesen. Lieber liess ich den Postknecht über den langen Verzug fluchen, die Pferde toben, meine Wäsche und Kleider unter einander werfen, mein Glaubersalz verzetteln, ja sogar meine Tinktur aus Bruchsal gegen den Tag halten, den sie doch nichts weniger als vertragen konnte, ehe ich mich überwand, diesen Bettlern, die mich so ungestüm in meiner Andacht gestört hatten, ein Allmosen zuzuwerfen.
dafür fühlte ich aber auch meine Galle über und über ergössen, als ich in dein Hotel anlangte, das man mir zu Carlsruh empfahl. Mein Eigensinn (warum sollte ich das Kind nicht bei seinem rechten Namen nennen?) hätte nach der billigsten Moral einen tüchtigen Verweis verdient. – Ich hatte aber diessmal nicht nötig, mir selbst diese Mühe zu geben – die Belehrung, die ich eben brauchte, war mir näher, als ich vermuten konnte. –
"Mein Gott!" sagte ich mit Bitterkeit zu dem Wirte: "das soll der beste Gastof der Stadt sein?" und schlenderte, als er mich in mein Zimmer führte, mit solchem Groll und Misstrauen hinter ihm her, als stände der gute Mann mit meinem politischen Rechenmeister am Tore in den engsten Verhältnissen. Das Zimmer war wenigstens um zehn Teile geräumiger, als mein Wagenkasten, den ich eben verliess; und doch erklärte ich dem Wirt ohne Umschweife, dass ich in einem so engen Behälter nicht dauern könnte, dass ich meine Suppe in dem grössten Speisesaale essen wollte, der im haus sei, und liess mich dahin führen.
Ich hoffte daselbst allein zu sein; denn der Mittag, der nur Hungrige hier versammelt, und den ich leider ohne Hunger so schändlich in der Gesellschaft der Zöllner verlebte, war nun vorüber: aber ich fand noch zwei reisende Freunde, die vertraulich in der Wölbung eines Fensters sassen, und sich durch meinen Eintritt in dem Fortgange ihres Gesprächs nicht stören liessen. Ich wollte meine Suppe in Ruhe essen – Aber wenn sich zwo Seelen neben Dir ergiessen, lässt sich da wohl ein Bissen ruhig in den Mund bringen? Sie zogen meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, und waren es gleich nur Bruchstücke, die sie mir zu gute gaben, so waren sie doch mehr als hinlänglich für mein gegenwärtiges Bedürfniss. Der Zänker mit sich selbst, der zum Skelet sich denket, Manch Traumbuch über sich befragt, Unschlüssig was er wünscht, unwissend wag ihn kränket, Und ungewiss was ihm behagt – Der suche Menschen auf! In ihrem Kreis verschlungen Hat oft ein fliegend Wort, das im Tumult der Zungen Geich einem Blitz vorüber fährt, Des Herzens Labyrint durchdrungen, Und seine Tiefen aufgeklärt.
"Wie dauern mich," fuhr der eine fort, "die sechs Monate von meinem Leben, die ich an diesem Fürstenhofe in einer Ehrenstelle verloren habe, wo keine Ehre zu ernten war! Die Seele eines Jünglings zu bewachen, in der nichts, weder ein- noch ausgeht, ist das misslichste Handwerk für einen denkenden Menschen – eine geistige Schildwache in dem leeren raum. – Wie habe ich alle meine Sehkraft aufgeboten, um nur einen vorüber gehenden Schatten zu entdecken, der mir das Dasein irgend einer wirklichen Grösse verraten könnte! – Aber umsonst. Ich übernahm mein Gewehr von einem, der gähnend davon schlich, ich übergab es gähnend einem Dritten – und wir alle verlassen den Posten, ohne Freund oder Feind gesehen zu haben. – O! des unglücklichen Jünglings! Zu schwer liegt die Stunde seiner Erzeugung auf ihm! Keine Pflege kann das Samenkorn aufrichten, das einmal unter dem tödtenden Einflusse widriger Witterung ausgestreut wurde; und ein menschenfeindlicher Vater erzeugt sich gewiss eine taube Hülse in seinem Sohne."
Seinem Freunde kam diese Schlussfolge so dunkel und sonderbar vor, als mir.– Er erbat sich eine nähere Erläuterung seines abgebrochenen Satzes: und nun stellte der philosophische Fremde das Gemälde eines milzsüchtigen Fürsten auf, dem nicht geschmeichelt war, das mich auf eine ungewöhnliche Art erschütterte, und in welchem Züge vorkamen ... Doch Du magst selbst urteilen, welche es waren, die mir Herzklopfen erregten, und mir das Blut in das Gesicht trieben.
"Wie kann d e r ," fuhr der Maler fort, "Urheber eines markigen und in sich glücklichen Menschen – eines Pitt – eines Washington, eines Haller, eines Friedrich werden, dessen Herz keine von den Neigungen nährt, die den Saft des Lebens, den jeder seiner Pulsschläge ausströmt, läutern und versüssen? Ein so murrsinniger Mann, wie der Vater meines Zöglings, ist in der moralischen Welt, was ein Gichtbrüchiger in der physischen ist – für das Wohl des Ganzen untauglich zur Fortpflanzung". Der eine betrügt die Nachwelt mit lahmen Körpern, der andere mit Krüppeln an, Geist. – Glaube es meiner Erfahrung, Freund: dieser Schnupfen der Seele, den man viel zu gelinde üble Laune nennt, verbreitet sich über alles, was der Angesteckte berührt, begleitet ihn zu seinen Geschäften, hinkt neben ihm auf seinen Spaziergängen, und verlöscht die lauterste Flamme der geheiligten Liebe in seinen ehelichen Umarmungen. – Die es gut mit der Menschheit meinen, sollten diese schleichende, jetzt so sehr um sich greifende Krankheit mit aller Macht der Moral und Erziehung aus der Welt zu bannen suchen, wie die ärzte die Blattern – denn es gibt keine, die den Kränkelt unglücklicher erlacht, und der allgemeinen Freude nachteiliger und fortwirkender auf die Nachkommenschaft wäre, als