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mir zu geben. Es geschieht mir zuweilen, dass ich danke, und den Hut abziehe, ehe ich gegrüsst werde, und es macht mich immer heimlich lachen. Jetzt konnte ich meinem mann schon ruhiger zuhören.

"Wenn Sie mich," fuhr er fort, "heute in meinem Alltagsrocke überrascht haben, so sollen Sie mich morgen dafür im Purpur sehen, den das hiesige Kapitel, wie Sie aus der geschichte wissen werden, mit den Kardinälen und Königen gemein hat."

"Ist nicht sonst noch ein Spektakel hier?" fragte ich in der albernsten Zerstreuung, die aber dem guten mann nicht im mindesten auffiel. – "Nein," antwortete er, "vor dem Feste der heiligen drei Könige nicht, das in unserm land den sechsten dieses gefeiert wird."

"Auch in dem meinigen," antwortete ich gähnend. "Aber hochwürdiger Herr," fragte ich weiter, weil es mir nicht länger möglich war, das schlaffe Gespräch fortzusetzen, ohne wenigstens meinem Ohre mit dem Klange jenes süssen Namens zu schmeicheln, den mir die Liebe in das Herz geschrieben hatte, "ist denn nicht auch ein Hochamt für die heilige Klara gestiftet, die, nach meinem Gefühle, so viel Anbetung verdient als vielleicht keine andere?"

"Da haben Sie Recht, mein Herr," fiel mir der Domherr mit einer Hitze in's Wort, die mich beinahe erschreckt hätte: "Ihr fest fällt auf den achtzehnten August, und wird, wie billig, unter unsere vornehmsten gerechnet. Klara von Falkenstein" – jetzt merkte ich erst, wie schief er mir wieder antwortete – "hat in einer Reliquie der christlichen Kirche eine Erbschaft hinterlassen, die der Höchsten Verehrung wert istKleinodien von dem wunderbarsten Gehalt, und durch die uns Gott selbst das geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit versinnlicht hat."

Diese Nachricht überraschte mich so, dass ich dem mann, der sie mir gab, mit einer Art von Misstrauen in das Gesicht blickte. Da ich aber nicht die entfernteste Spur von Zerrüttung des Gehirns darin wahrnahm, so erkundigte ich mich, mit zunehmender Verwunderung, nach der eigentlichen Beschaffenheit dieses schweren Beweises. Sogleich langte er ohne die mindeste Verlegenheit nach einem beschmutzten Quartanten, schlug die Beweisstelle auf, und las sie mit patetischer stimme vor:

"In der S.V. Blase der heiligen Klara de monte falcone," las er, "fand man drei runde Steine von der Grösse einer Nuss, von gleichem Umfange, gleicher Farbe und gleichem Gewichte. Wenn man Einen dieser Steine auf die eine Wagschale, und auf die andere die zwei übrigen legte, so hat der Eine so viel als beide gewogen; hat man dann in jede Schale nur Einen gelegt, so haben sie abermals gleiches Gewicht gehabt; daraus denn klärlich abzunehmen, wie tief bei ihr das geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit eingedrückt war, welche einig im Wesen, dreifaltig in Personen, und deren keine weder grösser, noch älter, noch mächtiger ist, als die andere."

Ich ward, als ich ihm zuhörte, beinahe so ernstaft als er. "Um Vergebung," fragte ich ihn jetzt, "hat denn dieser Autor, der so bestimmt spricht, auch diejenige Glaubwürdigkeit, die" ...

"Wie, mein Herr?" fiel er mir hitzig ein, und schlug das Titelblatt auf: "Es ist ja, sehen Sie, die verbesserte Legende Pater Martin's von Cochim, vor zehn Jahren, ungefähr 1779 gedruckt! Dieses vortreffliche Buch trägt den Stempel der Wahrheit wie die Bibel; denn, sehen Sie, hier steht auch die Censur, und die Approbation der Sorbonne."

Der Domherr freute sich wie ein Kind über mein sichtbares Erstaunen. Um es zu erhöhen, war er im Begriff, mir noch ältere Schriftsteller vorzulegen, die dieses Wunders Erwähnung tun, und es als Augenzeugen bestätigen. Ich verbat es jedoch, nahm mir nur noch so viel Zeit, die Blattseite dieser merkwürdigen Stelle in meiner Schreibtafel aufzuzeichnen, um bei gelegenheit unsern Kant damit in die Enge zu treiben. Das Buch selbst findet sich ja wohl in der königlichen Bibliotek, oder doch gewiss bei einem unserer Konsistorialen; und da ohnehin über dieses belehrende Gespräch der Mittag unvermerkt herbei gerückt war, so begnügte ich mich um so viel eher mit dieser Seelenspeise aus der Vorratskammer des Domherrn, und empfahl mich.

Dieser für meine Kenntnisse zwar nicht gleichgültige, für mein Herz aber desto ermüdendere Besuch war indess nur eine Kleinigkeit gegen den Verdruss, der meiner zu haus wartete. Schon zehn höllische Stunden würge ich daran, und sehe mich jetzt um alle die metaphysischen Freuden gebracht, die ich mir für diesen Abend aufhob.

Höre nur, lieber Eduard! Ungefähr hundert Schritte, sah ich, als ich das Haus des Domherrn verliess, einen ungleich jungern und stattlichern Geistlichen, als jener war, vor mir hergehen, gab jedoch nicht eher Acht auf ihn, als bis er sich durch den Umstand nur zu bemerklich machte, dass er ganz meinen Weg nahm, sich zuweilen nach mir umsah, und gerade die genannten hundert Schritte eher eintraf, als ich; denn als ich mein Zimmer erreichte, sass er bei Klärchen schon fest.

Dass ein geistlicher Herr eine angehende Heilige besucht, ist in der Ordnung: dass er aber vom Mittag an bis in die sinkende Nacht bei ihr verweiltdie Scheidewand nicht einmal das fröhliche Geschwätz, das laute lachen und die bedenkliche Stille, die von Zeit