sie gesehen habe; denn wohl zwei Sekunden habe ich mit ihr auf Einer Stufe gestanden. O! ich würde mich brüsten, wie ein Apelles, wenn ich Dir die ganze Lieblichkeit, alle die Grazien ihrer Nymphen-Gestalt, alle die schönen Formen, die ich aus jedem Falkenschlag ihres Florkleides mir abzog, so anschaulich darstellen könnte, dass Du weiter nicht nötig hättest, mich über den Eindruck abzuhören, den dieser vereinte Reichtum von Schönheit auf meine Sinnlichkeit machte. Komm – ich bitte Dich – dem Unvermögen meiner, Sprache mit Deiner schwelgenden Einbildungskraft zu hülfe! Hole Dir aus den Werkstätten der Künstler ein Bild der Liebe; modele so lange daran, bis Du Deine Vorstellung so erhöht hast, dass Du nicht ohne Widerwillen an ein andres sterbliches Mädchen denken kannst, und schliesse dann aus dem blumigen Irrgange, den Deine Wünsche einschlagen, auf das Hinstreben der meinigen. Nur hole nicht aus Winklers Kabinette Der Venus Busenbild von Cigniani's Hand! So göttlich schön es ist, so setzt es doch, ich wette, Kein wahres Männerherz in Brand. Ein Kopf des Boileau, des Racine, Ist freilich uns genug. Was hier das auge' entbehrt, Ob das auch einen blick verdiene, Ist keiner Untersuchuug wert. Sieht man nicht klar genug in jenes Satyrs Miene Den Autor der Pücell' erklärt? Doch wer bleibt wohl, dem's nicht gelüste, Der Fülle der natur, so weit die Kraft zu sehen Die Augen spannet, nachzugehn? – Wer bleibt gelassen bei der Büste Der winkenden Cytere stehen? Sie winkt – allein wohin? – Unb da fällt erst der Fehler Des Künstlers Dir auf's Herz: sein Stückwerk unterbricht Den wärmsten Trieb der Uebersicht. Der Blöde, der es schuf, begriff den Wert der Täler In einem heissen Klima nicht!
Es ging mir schwer ein, die Treppe vollends herab
zu steigen, wie ich doch Schande halber wohl tun musste: aber was sollte ich nun erst mit mir anfangen, als ich mich, der Richtung meiner Wünsche ganz entgegen, auf der staubigen Gasse befand? Ideen von der Art, wie sie jetzt auf mich los stürmten, verlangen beinahe eine gleiche Abgezogenheit der Seele, als die Träume der Metaphysik: und da ich mich doch nicht wohl auf einen Eckstein setzen, und, den Finger auf der Nase, nach Klärchens Fenster hinstaunen konnte, wie ich unstreitig am liebsten getan hätte; so musste ich mir wohl die erste beste Zerstreuung gefallen lassen, die sich mir, darbot. Ich erinnerte mich zum Glücke eines Empfehlungsschreibens in meiner Brieftasche, das mir der gute Bischof von Nimes, als ich ihn das letztemal sah, an einen hiesigen Domherrn von seiner Bekanntschaft, Namens D u c l i q u e t , mitgab. Das brachte mich endlich vom platz, und versetzte mich mit aller der Fülle meiner weltlichen Schwärmereien in das Studierzimmer eines geistlichen Herrn.
Ich habe in meinem Leben angenehmere Bestellungen gehabt, das kann ich Dir sagen! Der Himmel weiss, in was für einem Gedankenkram ich den ehrlichen Mann stören mochte; aber hätte ich ihn auch in flagranti überrascht, verlegener hätte er sich kaum betragen können. Gleich nach dem ersten steifen Komplimente, das unsere Bekanntschaft eröffnete, sahen wir es gegenseitig uns an, dass Gott gewiss keinen zur Unterhaltung des andern geschaffen hätte; und über der sorge, unsere erste Unterredung so geschickt einzuleiten, dass es zeitlebens keiner weiter bedürfe – konnten wir nicht dazu kommen, sie anzufangen. Ihm glückte es indess eher noch als mir, diese alberne Stille zu unterbrechen. Das morgen kommende fest der heiligen Genoveva löste ihm die Zunge, und gab sogar zu einem gespräche Anlass, von dem ich mir nie hätte träumen lassen, dass es am Ende noch so belehrend für mich ausfallen würde. Er bürstete erst ein paarmal mit der flachen Hand seinen Aermel; dann tat es ihm sehr leid, dass er heute so ganz ausser stand sei, einem so lieben und gut empfohlnen Fremden die geringste Höflichkeit zu erzeigen; dann freute er sich wieder, dass er hoffen könne, morgen alles desto reichlicher wieder gut zu machen.
Das gab mir einen Stich in's Herz. Du weisst, lieber Eduard, dass ich nichts so sehr hasse, als ein grosses vorbereitetes Mittagsmahl, das ich nach der Wendung, die sein Gespräch nahm, schon so gut als aufgetischt sah. – Gewiss ist morgen Markttag, sagte ich zu mir, und da wirst du wieder einmal zu Mittage alles das ausgelegt finden, woran du dir des Morgens schon deinen Ekel ersehen hast. Ich ging also geschwind dem guten mann mit der Versicherung entgegen, dass ich meine Gesundheit sehr schonen, und es ernstlich verbitten müsste, sich meinetwegen in die geringsten Unkosten zu stecken – und berief mich auf den redenden Beweis meines blassen Gesichts. Aber das half mir nichts. – "Nein," erhob er seine stimme, "Sie dürfen meine Einladung nicht ausschlagen. – Ich will Sie morgen selbst, – es macht mir ein gar zu grosses Vergnügen, – bei guter Zeit zu – dem prächtigen Hochamte abholen, das der heiligen Genoveva zu Ehren in der Domkirche gehalten wird, und ich werde Ihnen, verlassen Sie Sich auf mich, einen guten Platz verschaffen."
War mir's doch jetzt auf einmal so leicht um's Herz, als ob ich das ängstliche Diner wirklich verdaut hätte, das doch dem wackern Domherrn gar nicht in den Sinn gekommen war