der Seele verrät. Sie weiss es nicht – sie hat es nie gewusst, wie alt und wie reizend sie ist."
"Gern wiederholt mein Herz die Klagen ihres bangen
Gefühls, zur Zeit als ihr die Blumenhülsen sprangen,
Ein Morgenlied, bei Gott! als ob sie fest geglaubt,
Es hätten in der Nacht Hyänen oder Schlangen
Den reinen Körper angeschnaubt –
Doch waren's Blüten nur, die hier ein Schleifchen
zwangen,
Nur Primeln, die vielleicht zum teil nun abgestaubt,
Erstorben sind und heim gegangen.
Ach! rechnete sie nach, wie viel auf ihren Wangen
Andächtelei uns Ernten schon geraubt!
Begriffe sie nur einmal, welch Verlangen
Uns quält, wenn sie das Glück an ihrem Hals zu
hangen
Nur einem Todtenbein erlaubt!
Sie ringt nur um ein los, das viele wohl errangen,
Die nicht so rein die Metten sangen,
Wünscht sich mit Einem Wort bald Strahlen um das
Haupt:
Denn eher hofft sie nicht – das nenn' ich unbefangen –
Von einem Pater angeschraubt,
In einem Klostergang zu prangen."
"Das, mein Herr," fuhr Herr Fez fort, "ist ihre einzige sorge; und es ist abscheulich, dass ihre alte Tante ihr solche kindische Einfälle nicht ausredet, und keine guterzige Seele zu ihr lässt, die ihr den Verstand öffnen könnte. Aber mein bester Herr," indem er sich nach mir kehrte, ohne darum vor eigener allzu grosser Bewegung die meinige zu bemerken, so schlecht ich sie auch verbarg: "Sie sagen ja kein Wort? Wie wünsche ich Ihnen Glück zu der Ruhe Ihres Temperaments! Sie müssen es notwendig in der Gelehrsamkeit hoch bringen, da solch eine Erscheinung Sie nicht einmal zerstreuen kann. So gut wird es mir leider nicht! Die Stunden, die das liebe Mädchen in der Kirche bleibt, sind auch für mich verloren – ich kann an nichts denken, als an den süssen Augenblick, wo sie wieder zurück kommen wird; und dann sehne ich mich gleich wieder auf ihren nächsten Kirchgang. In der Länge muss mein Handel darüber zu grund gehen – das sehe ich zum voraus: aber ich kann – wahrlich ich kann mir nicht helfen!"
Ich hatte nicht das Herz, über den guten Mann zu spotten, da mir für meinen eigenen Verstand nur zu bange war: doch fand ich auch keinen sonderlichen Beruf über den Text meiner geheimen Empfindungen einen andern predigen zu hören als mich. Ich bezahlte also dem Herrn Fez seine Makulatur, liess sie nach meiner wohnung tragen, und zitterte so ängstlich hinter drein, als ob ich sie auch lesen müsste. Ich übergab meinem Bastian den ganzen Ankauf zu beliebigem Verbrauch, ohne dass es mir nur einfiel, wie unmanierlich ich mich gegen Schriftsteller betrüge, denen ich doch im grund Dienste verdanke, die mir der gesuchteste – der geschätzteste Autor nicht halb so gut würde erwiesen haben. Die schnelle, aufbrausende, plaudernde Freundschaft des guten Fez, an der mir so viel gelegen war, ist ihr Werk! Ihnen verdanke ich das belohnende Anschauen der liebenswürdigsten Heiligen, und alle die unnennbaren frohen Empfindungen, die es mir zurück liess; und ich glaube, dass selbst der strenge Jerom sie bei den kleinen Diensten für unschädlich erklären würde, zu denen ich sie gegenwärtig noch aufhebe. So sehr, lieber Eduard, kommt alles auf Zeit und Umstände an, und mein Freund, der Zufall, kann uns in so unglaublich sonderbare Verhältnisse verwickeln, wo uns Lünichs Reden grosser Herren – wichtiger als ein Plutarch und Lucian, und Masius Schriften auf weichem Druckpapier brauchbarer werden können, als der schönste Kodex auf Pergament.
Da ich bei den Minimen keinen Bescheid wusste, so blieb mir nichts übrig, als meinen Stuhl an das Fenster zu rücken, und, während mir Bastian das Haar in Locken schlug, mit pochendem Herzen die Zurückkunft der Psalmistin zu erwarten. Die letzte Stufe, auf die ich sie vorhin in die Halle treten sah, zog jetzt meine Blicke, wie auf einen Brennpunkt zusammen. Ich bot alle meine Geduld auf, mir beizustehen, und sah dennoch immer eine Sekunde um die andere, fluchend, nach meiner zu langsamen Uhr. "Wird sie denn ewig in der Kirche bleiben?" murmelte ich, und liess mir angst werden, die Minimen möchten sie wohl, ohne sich an den Mangel ihres Nimbus zu kehren, schon jetzt mit der ausgezeichneten Ehre überraschen, nach der das gute unbefangene Kind fast atemlos hinstrebt. Aber in diesem Augenblicke erlebte ich die Freude – dass die tür der Halle sich öffnete, erst andere gestärkte Seelen, dann die Alte, und zwei Schritte hinter derselben auch nun Sie, die Erwartete, in ihrem ganzen Engelsschmucke heraustrat.
War mir's doch, als ob sie mir geschenkt würde, so bald ich sie nur ausser dem Kloster sah! Ich zählte jeden ihrer kleinen Schritte über die Gasse. Aber mit dem letzten, den sie in das Haus setzte, trat auch ich aus meinem Zimmer, mit Hut und Stock, um nicht das Ansehn zu haben, als ob es ihrer schönen Augen wegen geschähe.
Wir begegneten einander auf der Mitte der Treppe – Ehrerbietig stellte ich mich seitwärts – Die Alte erwiderte mir mit grämlichem Ernst meinen Gruss, der ihr auch am wenigsten galt; und wie schielte ihr gelbes Auge auf die bescheidene Verbeugung, die ich von ihrer Nichte erhielt, als sie in dem Anstand einer Novice bei mir vorbei zog!
Nun erst kann ich sagen, Eduard, dass ich