leiblichen Augen das Wunder der Verklärung versinnlichen sollte, worüber er meinen Geist brütend antraf? Ich hatte ihn kaum aufmerksam auf das erstaunliche Talent unserer Wirtin gemacht, so schlug er seine hände zusammen, als ob er meine wenige Kenntniss in der Musik bemitleiden wollte. "O, mein bester Herr," rief er aus, "wie konnten Sie nur einen Augenblick denken, dass der zahnlose, hässliche Rachen unserer Aufseherin diesen Nachtigallenton hervor zu gurgeln geschickt sei? Nein, mein lieber Herr: das alte Weib hat einen Engel bei sich, der ihr vorsingt. Ich habe ihn hinter dem Fenster stehen sehen, und erschrak so sehr über seinen Anblick, dass ich bald Ihren Kaffee verschüttet hätte, den ich über die Strasse trug. Ohne dass ich geradezu behaupten will, dass er vom Himmel gestiegen sei – denn das müsste in einer mittelmässigen Stadt, wie Avignon, schon mehrern Lärm machen – so versichere ich Sie doch bei alledem, dass es selbst Ihnen so schwer werden sollte als mir, es nicht zu glauben, wenn Ihnen diese himmlische Figur eben so unerwartet erschiene."
Dieses entusiastische Lob eines Engels, – denn der unter dem Spiegel machte mich nicht irre – dieses Lob sage ich, aus dem mund eines Menschen, der eine Margot zur Schwester hat, musste notwendig den Eindruck auf meine Seele machen, den Du Dir denken kannst. Ich winkte ihm zu schweigen, bekümmerte mich um kein Frühstück, setzte mich so nah als möglich an die Scheidewand, und liess nun meine nüchterne Seele auf dem Strome der Harmonie, wie eine Feder, hin und her schaukeln. Ich glaubte in meinem Entzücken, alle die Schönheiten zu hören, die mir zu sehen verwehrt waren – die gewölbte Brust – den kleinen, mit Perlen besetzten Mund – die liebevollen, schmachtenden Augen – ja, es kamen sogar Noten vor, bei denen ich auf die unverletzte Tugend hätte schwören wollen, die mit der Kehle eines Mädchens, wie Du wissen wirst, in so sonderbarer Verbindung steht. Meine Einbildungskraft, die, grosser Gott! noch vor einer Viertelstunde so ruhig war, geriet in Aufruhr. Ich war heilfroh, als der erschütternde Psalm zu Ende war, und ich nun den Empfindungen Luft machen konnte, die sich indess in meiner beklommenen Brust gehäuft hatten.
"Woher – um aller Barmherzigkeit willen, mag diese reizende Sängerin in diess einsame Haus kommen?" kehrte ich mich gegen Bastian, der während des Gesanges sich mäuschenstill in den Bogen des Fensters gelehnt hatte. "Das," antwortete er seufzend, "mag Gott, und jener kleine verschobene Kerl von Buchhändler wissen, der uns gegen über wohnt. – Der muss den Diskant so sehr lieben als Sie, mein Herr. Sehen Sie nur, wie verloren er da steht! Blickt er nicht nach dem Fenster des Engels, wie ein Salamander, der einen Colibri belagert? Er, mein lieber Herr, möchte wohl am ersten Ihre Neugier befriedigen können." –
"Wahrlich," rief ich aus, "Du bist ein kluger Kerl, Bastian! Geschwind gieb mir meine Schuhe und meinen Frack! Mit der Frisur kann es anstehen, bis ich zurück komme." Und so trabte ich denn bald darauf über die Gasse, ohne an die Warnung meines Jerom eher zu denken, als bis ich mich schon mitten unter der mir verbotensten Waare von allen befand.
Der Name des Mannes, der hier den gelehrten Handlanger machte, stand über der tür seines Ladens mit grossen goldenen Buchstaben geschrieben, und verdiente es auch mehr als ein anderer. Ein Streit der Grossmut mit Voltairen hatte mir ihn schon längst rühmlichst bekannt gemacht. Es war, mit Einem Worte, wo nicht der berühmte Herr Fez selbst, doch wenigstens sein Sohn, den ich hier, von der natur zwar ein wenig gemisshandelt, übrigens aber als einen sehr gebildeten Mann kennen lernte. Du wirst Dich erinnern, dass ihm einst P. Nonotte eine Handschrift in Verlag gab, die schon durch ihren Titel: Les Erreurs de Voltaire, diesen wahrheitsliebenden Dichter auf das gröbste beleidigen musste. Aber Herr Fez – ehe er sie zum Druck beförderte, schrieb höflich an ihn, meldete ihm den Vorgang, und erbot sich, gegen einen Ersatz von zwei tausend Livres, das anzügliche Werk zu unterdrücken. Doch Voltaire, wie Du ihn kennst, viel zu edel, jemanden in Schaden zu setzen, widerriet dem Buchhändler ernstlich sein grossmütiges Opfer, rechnete in seiner Antwort den ausserordentlichen Gewinn ihm gutmütig vor, den er gegen eine so geringe Summe auf's Spiel setzen würde, nahm das höfliche Erbieten nicht an, sondern bot sogar nachher seinen ganzen Witz auf, dem so wakkern Herrn Fez recht viele Abnehmer zu werben. Diese Anekdote schon verschaffte ihm mein ganzes Zutrauen, noch ehe es seine nähere Bekanntschaft tat. Er nötigte mich mit einer Freundlichkeit in seinen Laden, die nur bei jenen abgeschliffenen Menschen sich findet, die immer in guter Gesellschaft leben, und zog sogleich, als ob er mich seinen Freunden vorstellen wollte, ein paar Vorhänge zurück, die mir eine ganze Wand der glänzendsten Werke entdeckten. Doch diessmal trug ich zu meinem Glücke ein Gegengift in mir, das mich gegen alle Gefahren der Litteratur, gegen die Verführung der Schreiber aller zeiten und Völker, vollkommen fest machte.
Ich liess sie stehen, wie jetzt, nach einer matten,
Durch's tote Meer der Bücherwelt
Gehaltnen Fahrt – ihr Schutzgeist sie den Schatten
Der Unbegrabnen beigesellt –
Der