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ich, wird es Dir dennoch um nichts merkwürdiger vorkommen. Schreiber und Leser stehen gar zu leicht in Ansehung ihrer Empfindung im umgekehrten Verhältnisse zu einander. Was dem ersten behagt, ist leicht dem zweiten zuwider. Ihr wollt immer nur euren Robinson mit Wetter und Wellen im Streite sehenJe trauriger und gefahrvoller seine Lage wird, desto anziehender kommt sie euch vor. Wehe ihm aber, wenn er nun Land gewonnen hat, und sich einfallen lässt, euch nun auch seine Ruhe nach vollbrachter Arbeit, und seine häusliche Glückseligkeit zu schildernwenn er endlich seine Amanda heiratet, und von den grossen Anlagen seiner Kleinen euch vorplaudern will: dazu habt ihr keine Ohrenihr fangt an zu gähnen, und schlagt die langweiligen Blätter ohne Barmherzigkeit um. Da bin ich nun zum Beispiele diesen Nachmittag wieder auf meinem Sonnenplatze gewesen, um meinen Spinat recht gemächlich zu verdauen; habe den Himmel ohne Wolken, und die Sonne sich so rosenrot zu ihrem Untergange neigen sehen, dass ich mir morgen einen gleich heitern Tag versprechen darf, als der heutige war. Das ist nun für mich freilich sehr wichtig; aber eben so gut fühle ich, dass, wenn Du nun diese Merkwürdigkeiten ein paar Dutzend Male hinter einander wirst gelesen haben, Deine Ungeduld wohl gereizt werden dürfte, mir Hagel und Frost auf den Hals zu wünschen; geschähe es auch nur aus Liebe zur Veränderung.

Nach dieser vorläufigen Erklärung eines schachmatten Schriftstellers, bleibt mir für heute nichts klügeres zu tun übrig, als dass ich mein Bette suche, um die Stunde Schlaf zu ersetzen, die ich mir diesen Morgen abbrach. Du siehst, lieber Freund, wie ich aufange alles in Ordnung zu halten.

Da stösst mir doch noch etwas so drolliges auf, dass ich nicht umhin kann, die Feder wieder aufzunehmen, und es Dir als eine Seltenheit des hiesigen Landes zu erzählen. Indem ich mich auskleide, singt meine veraltete Nachbarin einen Psalm ab, der mir warm an das Herz geht; so volltönendso einschmeichelnd singt sie ihn! – Wie hätte ich ihr diess Talent zutrauen sollen? Eine solche stimme in dem mund einer Margot? – bei allen Heiligen! die Scheidewand sollte uns nicht lange scheiden. Indess wirst Du selbst gestehen, dass es schon angenehmer ist, unter dem Gesang eines alten Weibes, als unter ihrem hektischen Husten einzuschlafen, wie es leider! manchem armen Sklaven von mann geht, der sich won seiner Gebieterin nicht wegbetten darf.

Den 2ten Januar.

Wenn die Eigentümer dieses Hauses in ihren Besitzungen so gut schlafen, als ihr Mietmann diese Nacht geruht hat, so wollte ich zum Wohl der Menschen, dass sie deren recht viel hättenso wollte ich Gewissen, oder was es sonst ist, keinen Schlaf verstatten, wohl raten, sich in diess Hospital einzukaufen: ich glaube, und wäre es ein Sünder wider alle zehn Geboteer würde doch hier das Glück finden, das ihm abgeht; so eine Kraft der Ruhe scheint an diesem haus zu kleben. Auch bin ich so gestärkt an Leib und Seele erwacht, dass ich, um mein Feuer zu verteilen, einen neuen Lobgesang auf den freundschaftlichen Z u f a l l dichten möchte, der mir diese heitere wohnung verriet, die alles gewährt, was dem Aufentalte eines Philosophen angemessen sein kann: Reinlichkeit, Stille, und jenen einfachen Schmuck, der aller sybaritischen Weichlichkeit, allen Lockungen der Leidenschaften eben so entgegen arbeitet, als er mit dem Gefühle der unschuldigen natur und der Sittlichkeit in naher Verbindung steht.

Wie versah's die Frömmigkeit,

Dass sie diese stille Klause

In dem Gott geschenkten haus

Der Philosophie geweiht?

Und ob sie zum Hospitale

Manchen Weisen schon verwies,

Ihn doch hier zum erstenmale

Freundlich bei ihr wohnen hiess?

Wem's behaget, sich zum Jünger

Eines Plato zu kastein,

Könnte dem ein Sittenzwinger

Wohl bequemer sein?

Was vielleicht zur Ritterzeit

Reizung und Betrug entfaltet,

Predigt mir jetzt missgestaltet

Nur den Trost der Sicherheit:

Von Ihr an, die Gottes Wunder

Mir zur Ehrenwache gab,

Big zu dem gelehrten Plunder

Ihres Bücherschranks herab,

Was, die Sinne zu berücken,

Sich die Phantasie erträumt.

Hat dem geistigen Entzücken

Hier das Feld geräumt.

Trümmer nächtlichen Gelags,

China's nackte Schildereien

An der bunten Wand, entweihen

Nicht die Lauterkeit des tages.

Statt des Götzen nach der Mode,11

Ueberdeckt Minervens Schild,

An dem Standort der Pagode,

Des erhabnen Rousseau Bild.

Meinem und Emilens Lehrer

Unter'm ernsten Auge, liegt

fest in Schlaf der Friedensstörer

Juliens gewiegt.

Auf mein Polster hingestreckt,

Allem Weltgeräusch verborgen,

Siehe! wie zum frohsten Morgen

Mich der Strahl der Sonne weckt!

Wie sie den bescheidnen Wänden

Ihren Glanz entgegen strahlt,

Freundlich, ohne mich zu blenden,

Meinen Bogen übermalt!

Möchten, ihrem sanften Schimmer

Aehnlich, – ungefärbt und rein

Auch die Ohrenbeichten immer

Deines Freundes sein!

Gott! welch ein Entzücken nimmt

Jetzt den Weg zu meiner Seele!

Welcher Seraph hat die Kehle

Jener Heiligen gestimmt,

Die auf Pergolesens Flügel

Ihren frommen Geist erhebt,

Immer näher zu dem Hügel

Der Verklärten überschwebt,

Zu der Glorie des Psalters

Assaphs ihre stimme mischt,

Alle Spuren ihres Alters

Von der Stirn gewischt?

Ich war so in Andacht versunken, dass es mir höchst zuwider war, als Bastian, der mir eben mein irdisches Frühstück brachte, mich in diesem Feste der Empfindung störte. Wie hätte ich ihm ansehen können, dass er solches noch erhöhen, ja selbst meinen