das Herz bringen, dem alten Mütterchen ein geringeres Gebot zu tun, da jeder Liard, wie sie mir sagte, den das Haus abwirft, unter Notleidende verteilt wird. Dieser Umstand, dachte ich, ist gewiss deinem guten Herrn mehr wert, als die paar Livres, die er vielleicht zu viel bezahlt! Doch das ist seine Sache, der Handel ist ja noch nicht so fest abgeschlossen, dass es nicht bei ihm stände, ihn fallen zu lassen, wenn ihm die wohnung, die Wirtin, oder der Preis nicht gefällt."
Ich habe Dir, lieber Eduard, das ganze umständliche Geschwätz meines Gesandten hergesetzt, weil es mich der Mühe überhebt, Dir meine schöne wohnung selbst zu beschreiben. Sie empfahl sich mir schon durch das z u f ä l l i g e r W e i s e , das Bastian einigemal so geschickt anbrachte, als hätte er meine Ode gelesen, und ich hatte sie schon in Gedanken gemietet, ehe ich mich noch mit eigenen Augen überzeugte, dass sie des Zinses wert sei, den ich allenfalls, (darin hat Bastian Recht,) nur als ein wöchentliches Almosen ansehen darf, um ihn nicht zu hoch zu finden.
Hätte mich etwas von dem Handel abschrecken können, so wäre es wohl die alte Ausgeberin gewesen, bei der es beinahe unmöglich ist, eine gute Absicht des Zufalls zu vermuten. Sie ist das wahre Gegenbild meiner vortrefflichen Wirtin zu Caverac, für den Anblick sowohl als für das Herz. Da ich nicht so gern Runzeln male als D e n n e r , so scheide ich von ihrem Porträte, selbst ohne näher zu untersuchen, ob sie des Criminis rugarum10 so schuldig sei, als es leider! das Ansehn hat. Fromm, wie man es hier zu land nennt, mag sie wohl sein: denn sie ist mit so viel Heiligenbildern, Amuleten und Rosenkränzen behängt, dass sie bei der geringsten Bewegung, wie ein Skelet im Zugwinde, klappert. Als sie mir mein Stubengeräte, zugleich mit dem Verzeichnisse davon, übergab, tat sie mir die freundschaftliche Erklärung, dass, sie, ausser dem, was sie mir hier zum Gebrauche überliess, sich weiter um keines meiner Bedürfnisse bekümmern könne: und das ist mir auch ganz recht. Mit dem Anfange jeder Woche, fuhr sie fort, würde sie den bedungenen Mietzins abholen, nahm den jetzigen in Empfang, und empfahl sich meinem Gebete.
Ich untersuchte nun etwas genauer, was mich umgab, fand alles reinlich und artig, aber ohne Schmuck, wenn ich den schlafenden Amor ausnehme, der aus weissem Marmor und wirklich schön gearbeitet ist. Wie mag sich ein solches Kabinetsstück in dieses Haus verirrt haben? Ich begriff es nicht eher, bis ich das Verzeichniss nachschlug, wo ich die Auflösung fand; denn hier stand die Figur als ein heiliger Engel, mit dem Beisätze eingetragen, dass er bei der ersten Besitzerin des Hauses versetzt worden, und ihr für aufgelaufene Zinsen verfallen sei. Man ist von Jugend auf an die Abweichungen der Künstler von dem Sprachgebrauche bei dieser Art von Geschöpfen so gewöhnt, dass ich überlaut lachen musste, hier zum erstenmale einen so decidirten männlichen Engel zu finden, als seit ihrer Entstehung noch keiner gemodelt und gemalt worden. Wo muss die gute Frau ihre Augen gehabt haben? Ich glaube, man brächte kein Mädchen mehr in die Kirche, wenn sie mit solchen Figuren umgeben wäre, oder am Feste der Verkündigung vor so einem Engel knieen sollte! Indess, da Freund Amor in diesem haus dafür gilt, so mag er es, so lange Gott will! Woher mag nun aber in aller Welt dieser konventionelle Verstoss der Künstler, die uns diese Boten Gottes darstellen, wider die Analogie der Sprache wohl herrühren? Er muss doch eine Ursache haben! aber wer weiss sie mir anzugeben? Ich vertiefte mich umsonst in dieser artistischen Untersuchung, und selbst weit länger, als es mir gut war: denn ich kann fast über nichts mehr kaltblütig nachdenken.
Die Büchersammlung, vor der ich mich Anfangs am meisten fürchtete, wird mir hoffentlich kein Kopfweh verursachen. Sie besteht, so viel ich nach einem flüchtigen blick entdeckt habe, in nichts, als in teologischmoralischen, dialektischen und kasuistischen Abhandlungen und andern dergleichen Meisterstükken des vorigen Jahrhunderts.
Sebastian wohnt eine Treppe höher, steht aber durch einen Schellenzug in gehöriger Verbindung mit seinem Herrn.
Ich dächte für meine stillen Absichten hätte der Z u f a l l mir keine bequemere wohnung verschaffen können. Scheint die Sonne die vier Wochen hindurch, die ich etwa hier zubringen werde, mir immer so freundlich wie heute; so wüsste ich in der Tat nicht was meinen einfachen gang nach Gesundheit und Seelenruhe stören sollte? Mein Aufentalt in Avignon wird sonach, lieber Eduard, wie das immer der Fall bei den wahrhaft glücklichen Epochen unsres Lebens ist, einen ganz kleinen Raum in meiner geschichte einnehmen. Wenn ich Dir nicht täglich aufs neue erzählen will, wie ich nach einem gesunden Schlaf, einer mässigen Mahlzeit, müde von meinem einsamen Spaziergange, nach haus komme, um den folgenden Tag denselben Zirkel zu wiederholen; so begreife ich wahrlich nicht, wovon ich Dich unterhalten soll. Bei einem Leser, wie Du mir bist, Eduard, sollte mir das zwar nicht schaden. Du dürftest mich nur desto gesunder, klüger, zufriedener, und desto näher am Ziele meiner Reise denken, je mehr mein Tagebuch an Interesse abnimmt; aber bei aller Deiner Teilnähme, mein guter Freund, fürchte