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auf welchem man das ganze päpstliche Gebiet übersehen könne. Ich nahm seine Versicherung in dem eingeschränktesten Sinne, den er vermutlich nur darein legen wollte, und fand daher die Ansicht der herrlichen Gegend, die, wie ein ausgebreitetes grosses Gemälde, da lag, für mein leibliches Auge so erquickend, als ein Ermüdeter nur wünschen kann. Auf diesem schönen vorplatze des geistlichen Palats soll zu zeiten ein gewaltiger Zugwind herrschen, der über die französische Gränze herkommt, und dem Legaten, der nie viel Gutes von daher erwartet, oft den Atem versetzt. Heute, zu meinem Vergnügen, ruhte er in dem Abendglanze der Sonne, die gerade über ihm stand, als ob sie meiner erwartete. Mit welcher Freundlichkeit begrüsste sie hier den ersten Tag des Jahres, den sie höchstens nur matt bei Euch überschwimmert! O, Ihr armen erfrornen Berliner! Wie glücklich fühlte ich Mich in diesem warmen Augenblicke gegen Euch, da ich an den beschwerlichen Kreislauf zurück dachte, in welchem Euch das neue Jahr zu dem albernsten Vertausche abgenützter Wünsche herumtreibt, die Ihr mit etstarrender Zunge einander feil bietet, während dass ich mich im Sonnenscheine gleichsam badete, und nur in Gedanken fror wenn ich mich unter die Sonne meiner heimat versetzte. Wahrlich, es scheint nicht dieselbe zu seinso unvergleichbar ist sie sich selbst in dieser Verschiedenheit.

Als hätt' ein Vorgefühl der Freude

Diess Inkarnat ihr angeweht,

Dritt sie hier auf in ihrem Sonntagskleide,

Stolz, wie ein B r ä u t i g a m aus seiner kammer

geht.

Da sie, bei Gott! im Dunstkreis Eues Landes,

Kalt, abgezehrt und ausgebleicht,

Wie ein S k e l e t d e s E h e s t a n d e s

Am Horizont vorüber schleicht.

Ich stand lange ganz unbeweglich auf diesem Sonnenplatze, sog ihre wohltätigen Strahlen ein, wie die Säule des Memnon; und dass ich auch nicht ohne Klang war, zeigt Dir die Harmonie meiner Rede. Bastian war mir schon eine Weile unter die Augen getreten; aber ich blinzte in das majestätische Licht, und er musste mich anreden, um mir seine Gegenwart bekannt zu mache". "Wollten Sie wohl," lispelte er mir endlich zu, "einen Ihrer feurigen Blicke auf die wohnung werfen, die ich Ihnen ausgemacht habe?" – "So! mein Herr Abgesandter," erwiderte ich, "ich höre du bist wieder zurück, denn sehen kann ich dich durchaus nicht." – Wirklich war ich in diesem Augenblicke in so hohem Grade geblendet, dass ich glaube, Paulus und Schwedenburg haben nur einige Minuten länger in die Sonne gesehen, um jene unaussprechlichen Dinge zu entdecken, die unsere gemeine Vorstellungskraft so weit übersteigen.

"Ich hoffe," fuhr Bastian fort, "das Quartier wird Ihnen gefallen, wenn Sie nur Ihres Gesichts erst wieder mächtig sind. – Wie? Sie suchen mich ja auf der GegenseiteSehen Sie mich denn noch nicht? Mein Gott, wie Angst machen Sie mir! Ach, mein Herr! mit der hiesigen Sonne ist nicht zu spassen." –

"O, mit der hiesigen habe ich es auch nicht getan, mein lieber Bastian," antwortete ich und rieb mir die Augen: "wenn mir die Berliner Sonne nur nichts nachträgt! Doch führe mich in meine Miete; denn meine Blindheit, Gott sei Dank! fängt an zu vergehen." –

"Der Weg dahin ist nicht weit," fuhr Bastian nun in seinem Hauptberichte fort, indem er, stolz auf seine gute Verrichtung, ziemlich anmasslich neben mir hertrabte. "Sie werden das Quartier gewiss lieb gewinnen, denn z u f ä l l i g e r Weise liegt es an der Mittagsseite. Ein helles freundliches Hauseine schöne bequeme Stiege, die in einen grossen Vorsaal führt, wovon Sie in ein weitläuftiges Zimmer treten, an das eine kammer mit dem artigsten Bette, und an diese wieder ein Verschlag stösst, der eine kleine Bibliotek entält. Unter dem Spiegel in dem Hauptgemache ein schlafender Amor von Marmorund Rousseau's Büste von Gyps gegen über auf dem Gesimse des Kammsund das alles, mein Herr, in dem ersten Stockwerke! Aber, das Beste kommt noch: Sie sind, so lange es Ihnen gefällt da zu wohnen, Herr allein im haus; denn es gehört einer toten Hand zudem Hospitale der, Probstei, dem eine andächtige Seele die Einkünfte davon vermacht hat. Ein einzelnes altes Weib, die man für nichts rechnen kann, ist auf der Seite der grossen stube Ihre Nachbarin, aber wie hier durch die Mauer, so auch auf dem gemeinschaftlichen Vorsaale, ganz von Ihnen geschieden. Das Weib ist aus der Kommun des Hospitals genommen, und in diess Haus gesetzt, um es in Aufsicht und Beschluss zu halten, und sie macht ihrem amt Ehre. Z u f ä l l i g traf ich es so glücklich, dass sie eben aus der Messe kam, als ich vor ihrer tür stand, und das logement à deux Louis par Sémaine nicht so recht herausbringen konnte; denn vermutlich ist das Haus schon für sich in zu gutem Rufe, als dass es einer leserlichen Aufschrift bedürfte."

"Ich fand," fuhr mein geschwätziger Geschäftsträger fort, "die Zimmer, das Geräte und die ganze gelegenheit artig genug für einen einzelnen Herrn; aber den Mietzins, bei alle dem, zu hoch. Doch konnte ich es nicht über