Lichte musste mir also nicht der Zufall erscheinen, der mich zwar mit einer kranken Nase nach Caverac brachte, mich nun aber dafür mit jenem männlichen Bewusstsein in die offene und mädchenreiche Welt weiter schickte! Diesen schnellen Uebergang von Kleinmut zu einem edlen Selbstvertrauen, das über den erschlafftesten Geist Wohlbehagen verbreitet – wem habe ich es zu verdanken, als allein dem mächtigen Z u f a l l e ?
"So sollst du mich denn, du Freund aller der Weisen, die ohne Anmassung, ohne Rechnung und Forderung, ihr Leben durchschlendern, auch fernerhin leiten," rief ich andächtig aus, stiess alle die überklugen Aussprüche, die mir seine Wirklichkeit verdächtig machten, mit Gewalt von mir, und fand ihn, bei zunehmendem Nachdenken, auf allen Blättern der Menschengeschichte, unwiderleglich bewiesen. Ich übersah den Umlauf irdischer Dinge – ihre Anlagen, ihre Absichten, und ihren Erfolg, in einigen ernsten Minuten. Das Feuer der Ode ergriff mich. – Ich warf bedeutende Blicke bald auf das päpstliche Gebiet, das, wie ein Ball des Ungefährs, vor mir lag – bald auf Bastian, der seine Augen von dem Brande der meinigen wegwandte und zitterte. Es flogen mir mehr Gedanken zu, als mein Gehirn auffassen konnte. – Ich knetete nur die zusammen, die sich am nächsten wagten, und überliess den übrigen Vorrat grösseren Dichtern, die, wenn sie wollen, ihn zu einem dicken Gesangbuche von Klag- und Trostliedern verarbeiten mögen, das auch wohl einmal – wer kann dafür stehen? seine Gemeinde findet. "O du!" – rief ich mit innerer Erschütterung aus, die selbst, wie ich vermute, meine Gesichtsmuskeln verzog: denn Bastians Unruhe war nur zu sichtbar, und verriet nur zu sehr, wie bange ihm in meiner Nähe sein mochte. Aber welcher Dichter, der in der Begeisterung liegt, bekümmert sich um das staunende Gassen seines prosaischen Dieners? –
"Du, der auf unsrer Pilgerreise
Bald Blinde führst, bald aus dem Gleise
Die Führer anderer verdrängst;
Belasteten das Leitband ihrer Fesseln
Oft selbst im Riesenarm der T y r a n n e i zersprengst,
Und einen Zaum non Nesseln
I h r in die Fäuste hängst!
Vom Gottard zu den Pyrenäen,
Vom Rhein bis an den Quell des Nils,
Horcht die natur nom Isop bis zur Zeder
Nur D i r , und von dem Schwarm, der nach dem Kranz des
Ziels
Hinströmet, dienet jeder
Zum Würfel D e i n e s Spiels.
Zwar nennen D i c h die stolzen Buhlen
Des Sokrates auf hohen schulen
Verwegner Phantasien Kind:
Doch fühlen sie erschrocken D i c h , und heulen,
Gebeugt von D e i n e r Kraft, die Nächte durch, und sind
Scheu wie Miuervens Eulen,
Und D e i n e m Glanze blind.
Sie scheu'n des Schöpfers Plan zu schelten,
Dass er von Myriaden Welten
An D i c h den Ball der unsern band;
Begreifen nicht, dass er nur seine Zügel
Zur Lehn D i r übertrug, weil Ordnung und Bestand
Er diesem Todtenhügel
Nicht angemessen fand:
Nein! sie begreifen's nicht, und stellen
Den Sturz, selbst ihrer Mitgesellen,
Als Zweck zum Wohl des Ganzen dar.
Des Staubes Sohn berechnet nicht, wie eitel
Für ihn das Ganze sei, und, trotzend der Gefahr,
Ruft er: Von meiner Scheitel
Fällt ungezählt kein Haar.
So opferten im Spiel der Lanzen
Sich Tausende dem Wohl des Ganzen,
So wenig auch ihr Wahn gelang;
Indess hältst D u , den ein Lukrez erhoben,
Und den non seinem Sitz kein Polignac verdrang,4
In Ordnung unsern Globen
Und sein Gewirr im gang.
So war's nur Spielwerk D e i n e r Grillen,
Was, als Beweis vom höchsten Willen,
Auf Welt und Nachwelt überging?
So kam allein die komische Verkettung
Von D i r , die unser Heil an einen Fischerring,5
Und Galliens Errettung
An ein Paar Handschuh hing.6
Ihr Seher! steigt von euerm Sitze,
Steigt, wenn ihr könnt, bis zu der Spitze,
Wo menschliches Verhängniss schwebt:
Wird nicht die Schnur der folgenreichen Stunden,
Die auf dem Rad der Zeit sich zu entwickeln strebt,
Vom Z u f a l l aufgewunden,
Vom Z u f a l l abgewebt?
Wer öffnete von allen Zwergen
Auf euern Warten G u t t e n b e r g e n ,
Und F a u s t e n der Erfindung Tor?
Was auszuspähn kein Doktorwitz vermochte,
Im Dickicht der natur seit Seculn sich verlor,
Bei guter Laune pochte
S e i n Jagdspiess es hervor.
Das wild springt auf – und nun erst setzen
Ihm eure Jäger nach, durchhetzen
Die weite Welt nach seinem Lauf:
Sie fangen es, sie satteln es, sie führen
Es ohne Ruh' und Rast, zur Schau und zum Verlauf,
Und rennen Tor und Türen
Zu seinem Einlass auf.
Ihr Lärm von Trommeln und Posaunen
Treibt alle Messen neue Launen
Auf Guttenbergs Gefahr herbei;
Ihr wütend Heer auf Faustens Mantel schwebet
Bis in das Feenland zum Tron der Schwärmerei;
Selbst der Olymp erbebet
Von ihrem Jagdgeschrei;
Kein laut z u f ä l l i g e r Gedanken
Entfährt dem Mund, ersteigt die Schranken
Der Nachwelt ohne Wiederklang;
Kein Lied verhallt, und wenn es auch in Nächten
Wollüstigen Tumults ein kranker König sang;7
Es kürzet den Gerechten
Des Lebens Uebergang.
O Z u