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begangen hatte, ihm diesen vornehmen Platz anzuweisen. Sein Anblick war mir so sonderbar im Wege, dass ich beinahe an seine Stelle meinen alten schnarchenden Begleiter aus seiner Verwesung zurück gewünscht hätte, der mir, wie Du weisst, immer zu einem guten Gedanken verhalf. Doch da der Mensch einmal da sass, musste ich ihn nun auch schon sitzen, und mir gefallen lassen, dass sein spähendes Auge, manchmal zu einer ganz ungelegenen Zeit, den freien Aufblick der meinigen hinderte.

Ich liess mir nicht einfallen, als ich durch die Stadt rollte, nur nach einem Fenster meiner Bekannten in die Höhe zu fahren, oder die römischen Altertümer, so gewiss ich auch bei ihnen zum letztenmale vorbei kam, nur eines Abschiedsblickes zu würdigen. dafür zog ich mein Fernglas aus der tasche, wie ich in's Freie kam, und hob es immer mechanisch vor die Augen, so oft mir die Wendung meines Wagens die Turmspitze von Caverac zu gesicht brachte. Welvon dorter entgegen! Einigemal wurden sie so lebhaft, dass ich im Begriffe stand, den Postknecht umlenken zu lassen; so gross war der Kampf meiner Nachwehen: ja, ich verzweifelte, dass die Zeit jemals im stand sein würde, dieses nagende Gefühl zu zerteilen.

Indess tat ich der Zeit Unrecht, Eduard, und ich hätte mir diese sorge ersparen können; denn ich will Dir es nicht verschweigen, dass mir eine Stunde nachher die Sache lange nicht mehr so unmöglich schien. Mein Herz ward müde, langer für ein Mädchen zu pochen, das so weit hinter mir war, und meine sympatetische Rose verlor nach und nach immer etwas mehr von ihrer anziehenden Kraft. Ich fühlte nur noch, dass sie welkte, dass sie mir die Haut rieb, dass sie mir beschwerlich wardschob sie ein paarmal seitwärtsund steckte sie endlich, da sie mir es zu arg machte, ohne mich weiter mit ihr einzulassen, in die Weste. Nun ging es, zu meinem Erstaunen, auch mit jeder andern Beruhigung so geschwind, dass ich mich selbst darüber mit mir hätte verfeinden mögen. Ich machte mir Vorwürfe über Vorwürfenannte mich den Wankelmütigsten unter dem mond; aber es fruchtete wenig. Je weiter ich mich von dem guten Dörfchen entfernte, je näher ich dem Gebiete des Papstes kam, desto mutwilliger ward mein Blut, und ich betrat endlich das Comtat mit Ahndungen, die mir angst und bange für mich selbst machten.

Als ich über die französische Gränze hinaus war, steckte ich mein Fernglas ein, das mir zu nichts weiter dienen konnte, schlug munter meine arme in einander, liess meine Blicke einige Zeit mit Wohlgefallen auf dem hübschen Jungen ruhen, der mir gegen über sass, ward bald nachher seines ehrerbietigen Stillschweigens müde, und forderte ihn, indem ich zugleich mit Verwunderung nach meiner Uhr blickte, endlich selbst auf, mich von seiner Schwester zu unterhalten. Er schien nur auf meinen Befehl gewartet zu haben. Ich erfuhr von ihm, dass er das Haus in den grossen Anstalten zu ihrer Hochzeitfeier verlassen habe, hörte es ohne merkliche Bewegung, und, indem mir mancher im Geschmack des Ostade gelungener Zug seines Gemäldes ein gutmütiges Lächeln abnötigte, rührte es mich öfter noch durch die feinsten Züge, die selbst ein Poussin zu seinen arkadischen Bildern, oder ein Berghem zu einem Stillleben nicht würde verschmäht haben.

Nachdem ich die Kunst seiner Darstellung lange genug bewundert hatte, und mancher verstohlne blick, den ich mitunter dabei in mein Herz tat, mich hoffen liess, dass ich mich noch angenehmer mit mir selbst unterhalten würde, drückte ich meinen Hut um einen Zoll tiefer in die Augen, und legte mich in die Ecke des Wagens. Bastians Takt war auch sein genug, mich zu verstehn. Er besah den Aufschlag seines Rocksblies eine Feder davon ab, und schwieg. Ungesucht legte sich nun das Glück so vieler guten Seelen, das ich mir aus dem Vorhergehenden deutlich genug vorstellen konnte, als der reichhaltigste Text meinen Betrachtungen unter: es stand, sammt allen seinen möglichen Folgen, in einem so sonderbaren Zusammenhange mit dem heillosen Schnupfen, den mir die Bise zu Nimes an die Nase warf, dass ich nicht genug den Zufall bewundern konnte, der so heterogene Dinge zu vereinigen wusste, um, wie es mir vorkam, durch den systematischsten gang von der Welt, am Ende auch noch meine eigene Zufriedenheit zu bewirken.

Ja wohl, Eduard, meine eigene Zufriedenheit! denn ich ging hier nicht so leer aus, als Du dem ersten Ansehn nach wohl denken könntest. Wolltest Du wohl das wieder erlangte Vermögenum ein Mädchen seufzen, und den Glücklichen beneiden zu können, dem ihr Besitz zu teil wardfür nichts achten? Wie wäre mir noch vor vier Wochen in Berlin so etwas eingefallen? – Der ganze Hof, von dem Vornehmsten bis zum Geringsten, hätte sich zwei- und dreimal verheiraten mögenich würde mich wenig um das Glück ihrer ersten Nächte bekümmert, noch weniger daran geglaubt, oder nur Einen Augenblick gewünscht haben, in ihrer Lage zu sein. Zu solchen menschlichen Wünschen gehört eine gewisse Spannkraft des Herzens, von der ich schon langeher keinen Begriff mehr hatte, und ohne die doch selbst ein Monarchzwar gross und bewundert, so viel Du willstaber für seine person nie so glücklich sein wird, als der Tagelöhner, dem sie die natur, vielleicht zur Entschädigung für alle andre ihm versagte Herrlichkeiten, in vollem Masse geschenkt hat. In welchem wohltätigen