Ich nahm gewiss einen warmen Anteil daran, und ich hätte mich wohl sogar, als den Urheber desselben, für den Vergnügtesten der Gesellschaft halten dürfen, wenn ich mir diesen Vorzug, ohne erst bei meiner kalten Vernunft anzufragen, zugeeignet hätte. – So aber fühlte ich, mitten in dem allgemeinen Taumel, das nüchterne Bedürfniss des Nachdenkens. Ich stahl mich bis zur Mittagsstunde aus dem Zirkel dieser glücklichen Menschen, und befand mich kaum mit mir allein auf dem einsamen Spaziergange, den ich heute zum letztenmale um das liebe Caverac zog, als ich mich tersuchung über den Wert, die Ursache, den Zusammenhang und die Bestandteile meiner unlängbar frohen Empfindungen verwickelt sah.
Diese Art geistigen Zeitvertreibs ist nun, wie Du aus Erfahrung wissen wirst, der misslichste von der Welt, und Gott weiss, warum so viele gelehrte Männer, von unserer Jugend an, darauflos arbeiten, uns an dieses undankbare Grillenspiel zu gewöhnen! Gemeiniglich hat man nichts weiter davon, als dass man das wasser trübt, in welchem man zu fischen gedachte – seiner eigenen Figur, die undeutlich genug daraus wiederscheinet, eine tiefe Verbeugung macht, und anstatt zufriedener – nur um etwas gravitätischer in den Kreis des Vergnügens zurück geht, aus welchem man ohne Not getreten ist.:
Es ging mir, aufrichtig zu sagen, auch diessmal nicht besser. So tiefsinnig auch die Betrachtungen meiner selbst sein mochten, so war doch ein vorüber gehendes beifälliges Lächeln, das ich mir, nach einer genauen Vergleichung meines Selbstgefühls zu Caverac mit meinen Berlinischen Launen, zuwarf – und ein bekümmernder Gedanke an Dich, der einzige Gewinn meines Nachforschens; und es ist noch sehr die Frage, ob diess Wiederkäuen der Seele, das ich wohl bis zur Zeit des Mangels hätte aufschieben können, mir den unterbrochenen Fortgenuss jener gesellschaftlichen Berauschung hinlänglich ersetzt hat.
Damit indess mein Selbstgespräch mit allen den guten Warnungen, die ich Dir, lieber Eduard, in Gedanken an's Herz legte, nicht ganz an den Zäunen von Caverac verhalle, so soll es mein Tagebuch aufnehmen.
Du wirst es übrigens nicht übel deuten, dass ich Dich und den ganzen Hof von Berlin um mich her stellte, um mich über Euch alle zu erheben. Geschah es gleich nur der Kleinigkeit wegen, um mir noch lieber zu werden, als ich mir schon war: so musst Du bedenken, dass dieses für denjenigen, dem es gelingt, nichts weniger als eine Kleinigkeit ist. Wollte Gott, ich könnte mir immer mein trocknes Gemüse so würzen und jeden dürren Winkel der Erde, wohin ich verjagt oder verschlagen werde, so belauben und ausschmücken – dass ich immer Elysium fände, wo ich wäre! Es ist wenigstens das einzige Mittel für denjenigen, den seine Erziehung nun einmal so verdorben hat, dass er nicht anders glücklich sein kann, als durch hülfe der Vergleichung. "Wohl mir," rief ich also aus, nachdem ich meine Empfindungen mit allen Gründen der Vernunft unterstützt hatte:
"Wohl mir, dass mir noch unuerwöhnet
Die Lockung der natur gefällt!
Ein solches Dörfchen, Freund, versöhnet
Mich mit dem Ueberrest der Welt.
Man wird des Lebens überdrüssig,
Bei aller Ebb' und Flut der Stadt:
Doch hier – geschäftig oder müssig,
Wird keiner seines Daseins satt.
Kannst Du den Wert der Wahrheit fühlen,
So ändre Deinen stolzen Lauf;
Such' unter ländlichen Gespielen
Die Freundschaft und die Tugend auf!
In unsern Sittenschulen tauschet
Man Falschheit gegen Falschheit ein:
Hier – ist, was Dir vom Herzen rauschet.
Wie eine Silberquelle rein.
Hier sehe' ich von den Füssgestellen
Der Zedern, in verdienter Ruh,
Dem Eifer meiner Kampfgesellen
Am Fuss des niedern Trones zu,
Wie sie einander zu berücken
So helle sehend – und so blind
Für Bänder und bemalte Krücken,
In nie gestilltem Aufruhr sind.
Selbst ihres Führers Macht – wie wenig
Naturvergnügen erntet sie
Gross ist zu Potsdam unser König,
Froh – ist er nur in Sanssouci.
Da wird er Mensch, irrt in der Stille,
Wie unser eins, im Mond herum,
Und denkt wohl auch: beatus ille –
Ut prisca gens mortalium.
Geh bald zurück zu den Gebückten,
Die fern von Dir im Dunkeln stehen,
Wenn die mit Hermelin geschmückten
Sich liebevoll zu sich erkühn.
Trau' ihrem Schmeicheln nicht! Sie strecken
Nur gar zu gern die Krallen nach;
Selbst Doctor Luter ward zum Gecken
In seines Fürsten Vorgemach.12
Sei es Dir Warnung, wie der Grosse,
Den treulos Mazarin erzog,
Der Gastfreiheit im sichern Schoosse,
Mit Undank seinen Wirt betrog;
Wie er, von Fouquet's Weine stärker,
Am Busen der Valiere flammt,
In einer Stunde, die zum Kerker
Den Mann, der ihn gelabt, verdammt.13
In Mitternächten ohne Schlummer,
In Tagen ohne Sonnenlicht,
Fühlt er die Fesseln selbst vor Kummer
Ob seines Königs Falschheit nicht.
Sein Fall macht alle Hofgesichter,
Die seines Blicks sonst lauschten, scheu."
Und nur ein armer Fabeldichter,
Voll hohen Mutes blieb ihm treu.14
Es gehört unter die Glücksfälle der Gedankenspiele, wenn wir unter den hundert Figuren, die unsere Einbildungskraft bei solchen Gelegenheiten aufstört, unverhofft die Gestalt eines unserer besonderen Lieblinge erblicken. Das Schattenbild des guten la Fontaine zeigte sich mir kaum, so verliess ich jedes andere, und hielt mich fest an ihn, trollte gutmütig hinter ihm drein, wie er unbekannt mit seiner Grösse – ohne je auf den Einfall zu kommen, sie geltend zu machen – sorglos um seine