erweisen!" – Er konnte vor Empfindung nicht weiter sprechen, und ich – stieg – um mich von der Bewegung zu erholen, die mir der Ausdruck seiner Freude – (ich denke wenigstens, dass es so war) verursachte, langsam den Hügel hinab, und sprach unterweges meinem ein wenig aus seiner Fassung gebrachten Herzen Mut ein, damit ich mit ganz entwölktem Blicke vor meinen Hausleuten erscheinen möchte.
Sie erwarteten mich mit sichtbarer Unruhe vor dem Eingange ihrer Hütte. – Da sie aber aus der zufriedenen Miene meines Johann schon schliessen konnten, wie die Sachen ständen, so führten sie mich, ohne weitere Umstände, nur geschwind in die stube, wo ihre Nichte die Zwischenzeit in Herzklopfen zugebracht hatte. –
"Wie steht's, Margot?" – rief ich ihr beim Eintreten entgegen, und legte alle meine mögliche Freundlichkeit in meine Blicke. – "Nun hab' ich's doch weg, was Du vorgestern auf der staubigen Chaussee zu suchen hattest, und warum Du Dich auf der steinernen Bank in so ernstafte Gedanken verlorst. Deine unruhigen Nächte – Deine abgeredten Zeichen – Dein Nachtwandeln – alle Deine Geheimnisse bis auf den Schachteldeckel sind verraten. Wäre Johann nicht so schwatzhaft – Du solltest ihn gewiss nicht bekommen – So aber gehört er Dir von Rechts wegen. Ein so rätselhaftes Mädchen muss mit einem Schwätzer bestraft werden."
Hier hättest Du sehen sollen, wie die kleine Unschuldige lebendig ward! – Mit glühendem gesicht, bebender Brust, und Gott weiss, mit was allen für Reizen, hing sie mir, ehe ich es wehren konnte, an dem Halse, und drang mir – wenn Du es so nennen Willst – das droit de segnieur im Angesichte ihres Bräutigams auf. – Ich erhielt ihren ersten Kuss; denn ich muss es der Wahrheit zur Steuer sagen, dass, wo in den vorigen Blättern von Küssen die Rede ist, nicht Einer darunter ist, den s i e mir gab – den zweiten und die folgenden bekam der glückliche Johann.
Gleich nach dem Essen gingen wir, nach der bei Tische genommenen Verabredung, alle auf die Post. Wirt und Wirtin, Margot und Johann, eines half dem andern auf seinen Esel, und alle trabten was sie konnten dem Dörfchen zu, wo der Familientraktat geschlossen, und die Austauschung meines Johann gegen den Bruder der Margot zu stand gebracht werden sollte.
Ich wendete die Zwischenzeit zum Vorteile meiner reisenden Freunde, so wie zu meiner eigenen Befriedigung an, und teilte eine grosse Rolle meines erhobenen Wechsels in drei kleinere, davon ich eine meinen Wirtsleuten – eine meinem Johann – und eine der kleinen verräterischen Margot zudachte. Nach diesem Rechnungsgeschäfte, das erste, das ich nicht beschwerlich fand, setzte ich mich in meinen Verschlag, erzählte Dir, was Du gelesen hast, und erwartete in seltener Gemütsruhe die Zurückkunft meiner Freunde.
Ihre vielfachen Geschäfte mussten nicht die geringste Schwierigkeit gefunden haben, denn sie kamen eher wieder, als ich sie, nach der Wichtigkeit ihrer Verrichtungen, erwarten konnte. Sie wollten sich nicht zufrieden geben, als sie mich zu haus fanden, und hörten dass ich Verzicht auf meinen Spaziergang getan hätte, um ihr Haus und meine kleine Wirtschaft darin nicht ohne Aufsicht zu lassen. Sie erklärten dieses für eine beschimpfende Vorsicht für ihre ehrlichen Mitnachbarn. "Oder," – trat Margot herzu – "fürchten Sie etwa, dass der Strauchdieb vom Fichtenberge sich zu Ihrem Schreibtische schleichen – Ihre Papiere in Unordnung bringen, oder gar mitnehmen würde?"
"Hauptsächlich" – fuhr ich fort, um meine Furcht, die sie so hoch aufnahmen, zu beschönigen – "bin ich zu haus geblieben, um mein Tagebuch bis heute zu schliessen."
"Und was ist ein Tagebuch?" fragte Margot, und konnte vor lachen kaum zu sich kommen, als ich ihr sagte – "dass es eine Rechnung über Einnahme und Ausgabe – der Zeit – unserer Empfindungen und unserer Irrtümer sei – dass unter dieser letzteren Rubrik eine Beschreibung ihrer kleinen person vorkäme, und dass ich diese Rechnung einem mann zuschicke, der fast täglich seinem Könige welche abzulegen hätte, die nicht viel wichtiger wären." – Sie hatte grosse Lust, es nicht zu glauben, wenn es ihr nicht auch Johann versichert hätte.
Bastian, mein neuer Bedienter, gefällt mir sehr wohl. Er ist ein aufgeräumter, gewandter Bursche, von ungefähr zwanzig Jahren, dem ich es ansehe, dass er sich eben so leicht würde entschlossen haben, mit Cooken die Welt zu umschiffen, als er übermorgen mit Mir nach Avignon geht. Ich möchte ihm einen Taler mehr über seinen monatlichen Lohn geben, weil er seiner Schwester so ähnlich sieht. –
Der Abend verging mit der Erzählung ihrer Reise, und alles dessen, was bei der Mutter der Braut vorgegangen und abgetan war. Ich konnte nicht dazu kommen, aufmerksam zu sein. – Ich knaupelte an allen den Rätseln, die mir das dreizehnjährige Mädchen seit unserer Bekanntschaft aufgegeben hatte und noch diese Stunde aufgab, und versuchte, die letzteren geschickter aufzulösen, als es mir, zur ewigen Schande meiner Erfahrung, mit den ersteren gelungen ist. Ich wollte, dass dieses Gedankenspiel aufhörte, denn sonst fürchte ich, dass ich zu guter Letzt noch eine ganz leidlich unruhige Nacht haben werde.
Den 30sten December.
Die Trunkenheit der Freude, mit der sie gestern einschliefen, schwebte noch diesen Morgen übernächtig auf ihrer aller Gesichtern, und beförderte den neuen Rausch, dem sie sich so gutwillig überliessen.