demütigende Blatt nebst einigen vorher gehenden nicht in tausend Stücken zerrissen, und Dich um die Nutzanwendung gebracht habe, die Du daraus ziehen kannst.
Da ich, so sehr es mich auch schmerzte, einen treuen Bedienten auf eine so hinterlistige Art zu verlieren, doch eigentlich nichts hervor zu kramen wusste, was Bestand gehalten hätte; so sagte ich ihm in der Verlegenheit: "Das ist alles gut, Johann – aber der Unterschied der Religion?"
"Damit," war seine geschwinde Antwort, "hat es hier nichts zu sagen, wie mich Margot versichert hat."
"Hat sie das?" fiel ich ihm ein, und schüttelte den Kopf.
"Ja wohl, mein bester Herr," fuhr er fort. "Sie laufen auch hier den Heiligen nicht so nach, als anderwärts. – Der grosse Christoph allein ist in einigem Ansehen, und das mag er meinetwegen sein. – Entschliessen Sie Sich nur, mein bester Herr; denn ohne Ihre erlaubnis will mich das Mädchen durchaus nicht nehmen. Das ist die einzige Bedingung, die sie und ihre Verwandten bei meinem Antrage gemacht haben; und auch ich – trauen Sie mir es zu! – wollte selbst eher noch meine Liebe zu Margot in meinem Blute erstikken, ehe ich Ihrem Befehle zuwider meine Sache ausführen wollte." –
"Johann," – sagte ich ernstlich, "die Hauptschwierigkeit ist, dass ich nicht weiss, wo ich in der Geschwindigkeit einen andern guten Bedienten herbekommen will; und Du weisst ja, dass Du Dich verbunden hast, mich während der Reise nicht zu verlassen."
Doch auch dafür hatten die vorsichtigen Leute gesorgt. "Ach," fiel mir Johann hastig ein – "das weiss ich nur zu gut – habe es auch dem Mädchen gesagt – und das ist auch der Stein, der uns am schwersten auf dem Herzen gelegen hat. – Aber, gnädiger Herr, Margot hat einen Bruder, der ein schöner, wohl gearteter Bursche sein soll, und der morgen bei Ihnen anziehen kann, wenn Sie wollen. – Sie freut sich im voraus, ihn in Ihrer Livrei zu sehen. Der Gedanke war so natürlich – und doch ist er ihr erst gestern ganz spät gekommen."
"Um welche Zeit ungefähr?" fragte ich.
"Wie ich Ihnen sage," versetzte Johann, "ganz spät. Es war schon alles im haus zu Bette, als sie wie ein Geist die Treppe leise herauf zu mir auf den Boden gestiegen kam, um mir ihren guten Einfall noch mitzuteilen –"
"Das," fiel ich ihm wunderbar ärgerlich in's Wort, "dächte ich, hätte Zeit gehabt bis den andern Morgen."
"Freilich wohl," sagte Johann: "aber sie kann nun einmal nichts vor mir – auch nur eine Nacht auf dem Herzen behalten. – Doch dass ich weiter erzähle – so war es doch auf der andern Seite recht gescheidt von ihr, dass sie auf den Boden kam – denn sie fand da einen verlornen Schachteldeckel mit Tymian und Salbei, und daraus ist der Umschlag entstanden, der Ihnen so wohl bekommen ist. So ein geschäftiges, tätiges Mädchen gibt es nicht mehr! – Sie hätte gern noch alles vor Nachts in's Reine gebracht." – "Ueberlass mir den Umschlag, – sagte sie mir, als er fertig war, – ich will ihn Deinem Herrn selbst umbinden. Vielleicht trifft sich's, dass ich bei ihm noch mein Wort anbringen kann. – Ach was könnte mir das für eine ruhige Nacht machen! – Aber heute früh war sie wieder ganz mutlos – und ob ich es gleich nicht weniger bin – was will ich machen? Ihre Abreise rückt immer näher, und da ist es ja wohl die höchste Zeit, dass ich erfahre, woran ich bin."
Ich geriet in tiefe Gedanken. "Ihr Wort," wiederholte ich mir einmal um das andere – "wollte sie bei mir anbringen? Wohl gut, dass es unterblieb – Gestern Nachts? In der Lage, worin ich war? – Das würde einen schönen Gegenstoss von widerlaufenden Gefühlen gegeben haben! Wenn alle jene befeuerten Empfindungen – auf Einmal, so eiskalt – so schnell – so gallenbitter zurück getreten wären – wäre es ein Wunder gewesen, wenn mich der Schlag auf der Stelle gerührt hätte?"
Während dieses Selbstgesprächs vergass ich den armen Johann. – Wie ich wieder nach ihm hinblickte, fand ich sein Gesicht so verstört, und ihn von der Folter der Ungewissheit so zerrüttet, dass er mich erbarmte. Ich rieb mir die Stirne – griff mit Blicken des Muts in das Blaue des himmels, und – entschloss mich.
"Du bist nun zehn Jahre bei mir, Johann," – sagte ich gerührt – "hast mir redlich gedient, und ich habe mich an Dich gewöhnt. Aber Deine Wahl ist zu gut, und die Liebe eines solchen Engels von Mädchen wiegt alle Schwierigkeiten auf, die ich Dir machen könnte. Ich gebe Dir die gesuchte erlaubnis, und gebe sie Dir gern. – Sei immer des guten Kindes wert, und seid glücklich!"
Kaum dass ich ausgesprochen hatte, so schlug der gute fühlbare Mensch seine hände zusammen. "Nun so segne Sie Gott!" – brach er mit untergemischten Tränen aus, "segne auch Sie bald mit einer würdigen, reizenden Gemahlin, die Sie für alle die Güte belohne, die Sie mir in diesem Augenblicke