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Weg von Wölfen

So wackern Jungfern tun sie nichts."

Ich legte auf die letzten Worte einen solchen Nachdruck, und begleitete sie mit einem so bedeutenden Blicke, dass sie mir sogleich aus dem Wege trat. Der Fremde selbst erwiderte keine Sylbe auf meine abschlägige Antwort, setzte sich, ohne sich weiter um seine Pflegetochter zu bekümmern, in seinem Wagen zurechte, zog seinen Hut gegen mich und rollte davon. – Toll und böse über eine so ungelegene Erscheinung, und voller Angst über die möglichen schlimmen Folgen meines Erwachens, hob ich nun den Befehl auf, der meinem Führer bis jetzt die hände band. – Sein Horn schmetterte nun desto volltönenderseine Peitsche wütete jetzt nach langer Untätigkeit desto heftiger, das geträumte Glück der armen Pferde war verschwunden, und ich gewann dadurch so viel, dass ich mein grämliches Gesicht wenigstens eine Stunde früher nach Carlsruh brachte, als vermutlich die freundliche Schöne das ihrige. Sie werden doch wohl nur diese Nacht hier bleiben? sagte mir der Wirt zum Erbprinzen, als ich ausantworten. Er wies mir ein Zimmer an, und versuchte es noch einmal, mich zur Sprache zu bringen. – "Nach hof, denke ich, werden Sie wohl nicht gehen, so wenig als ..." "Und woher vermuten Sie das, Herr Wirt?" fuhr ich auf, als hätte er mir eine Grobheit gesagt. – Der Mann erschrak. "Ich schliesse es," stotterte er, ... "doch bitte ich um Verzeihung, aus Ihrer Physiognomie." – "Zum Henker!" fluchte ich, stampfte mit dem fuss, und schleuderte meine Pelzmütze auf den Tisch: – "Ist diese Alfanzerei auch schon bis in die kleinen Gastöfe gedrungen?"

Der ehrliche Wirt, ganz betroffen über meine Lebhaftigkeit, errötete bis über die Ohren, suchte einen noch sanfteren Ton seiner stimme, indess er die Vorhänge an den Fenstern aufzog, und da er ihn gefunden hatte, kehrte er sich wieder freundlich zu mir: – "Vergeben Sie mir meine Voreiligkeit; aber, mein wertester Herr! Sie wissen vielleicht nicht, dass sich unser Hof vor allen andern durch seine zufriedenen Gesichter auszeichnet. – Nun kann ich mich zwar irren; doch war es mir, als trügen Sie so etwas auf Ihrer Stirne, das unser Eins Verdruss zu nennen pflegtund da dachte ich wieder: Das Gesicht dieses Herrn passt schwerlich zu unserm hof, so wenig als unser Hof zu seinem gesicht; hatte also keine andere Absicht bei meiner Frage, als mich darauf zu schicken, Sie in meinem haus gehörig zu ..."

"Gut, gut," fiel ich ihm in die Rede – "wenn es nur ein Uebergang zu dem Lobe Ihres Fürsten war, so habe ich nichts darwider. Auch ich schätze ihn wegen seiner wohltätigen Neigungen, und vergebe Ihnen, der guten Absicht wegen, die Kritik über mein Gesicht. Ein Kranker, wie ich, drängt sich freilich nicht in die Zimmer und Vorzimmer der Fürsten; das ist nur die Schwachheit der Gesunden, die etwas vertragen können. Vor der Hand habe ich nichts nötig, was an die Grossen erinnern kann, als einen Bouillon à la Reine, und ein gutes Bette." –

"Beides sollen Sie auf der Stelle haben," sagte der ehrliche Mann, und hielt Wort. –

Solltest Du einmal nach Carlsruh kommen, so empfehle ich Dir sein Wirtshaus. Es war wirklich keine Prahlerei, dass er seine Gäste studierte; er richtete sich genau nach allen kleinen Begehrlichkeiten meines Eigensinns. – Ich hatte eine recht leidliche Nacht unter seinem dach, und den andern Morgen waren die Pferde pünktlich vor meinen Wagen gespannt.

Ungeachtet der späten Jahreszeit schenkte mir der Himmel auch einen hellen Tag; was mich aber mehr noch aufheiterte, als dieser, es war ein wohlgebautes freundliches Land, das ich durchreiste. Meine kranken Augen schienen erfrischt zu werden, so oft ich einen blick aus dem Wagen warf, und überzeugten mich, dass der Regent dieses Fürstentums ein rechtschaffener Mann sein müsse: denn nur unter einem solchen sieht man die natur so aufgeräumt, Dörfer und Städte so volkreich und lachend, die Jugend so rotwangig, und das Alter so mutig. Der Einfluss eines würdigen Landesherrn auf die sittliche Verbesserung seiner Untertanen ist hier so sichtbar als rührend. – Wider einen solchen Regenten kann ein Wohldenkender nichts einwenden, wenn er auch so krank wie Heraklit und eben so fürstenscheu wäre, wie er.

Ich gönn' ihm seinen Hang für freundliche Gesichter,

Da er so ernst für seine Staaten sorgt;

Ob er schon seinen Ernst nicht von dem Höllenrichter,

Noch Fürstenstolz von seinem Nachbar borgt.

Nein! freundlich herrschet Er in seinem

Wirkungskreise

Als Vater eines volkes, das seinen Wink versteht,

Und gern, von Ihm geführt, von Fröhlichkeit zum

Fleisse

Gestärkter Tugend übergeht.

Auch pflanzte die natur von wahrem Fürstenruhme

Ein Vorbild, schmeichelhaft, zuerst auf sein Gebiet.

Kein Fünkchen, das dem Kelch der Anemon'

entsprüht,

Verfliegt ihr ungenutzt. Es impft der Wiesenblume

Den Schmuck ein, der im Schoos der edlen Mutter

glüht,

Ihr Einfluss wuchert fort. Der erste Spross erzieht

Noch manchen, der vielleicht in Florens Heiligtume

Der Nachwelt, die den Fehl der Abkunft übersieht,

Mit Ahnenstolz entgegen blüht.

So kettete sich an den Gedanken seines wohl verdienten Lobes die Erinnerung an den merkwürdigen Mann in seinen Diensten, den grossen Botaniker K ö h l r e u t e r