so genau den andern, als ob ich noch kein Eichenholz in meinem Leben gesehen hätte: aber es half gehen, und blieb unbeweglich in ihrer Ecke sitzen. Ich reichte ihr die Hand im Vorbeigehen, die sie mit einer Rührung drückte, die mir an das Herz ging. "Was beginnen doch diese Kinder zusammen?" dachte ich, und verliess sie ganz betroffen. Johann folgte meinem Beispiele und gab mir dadurch eine neue gelegenheit, seinen feinen Takt zu bewundern. Ich winkte ihm, mir zu folgen, und so erstiegen wir beide, jeder seine Gedanken für sich, den Gipfel des wohl bekannten berges.
Hier setzte ich mich, und liess meinen Augen die Freiheit. Johann stand neben mir, und schien, wie ich, in der Bewunderung der herrlichen Aussicht verloren. "Mein Herr," unterbrach er endlich die Stille – "Sie können gut in die Ferne sehen – – Entdecken Sie wohl dort, gleich neben dem kleinen Gebüsche – einen ganz schmal zugespitzten Turm?" –
Ich sah hin, konnte aber nichts erkennen.
"So muss ich doch," fuhr er fort, "noch bessere Augen haben als Sie. Wissen Sie wohl, dass der Turm zu dem dorf gehöret, wo Margot her ist?" –
"So!" – antwortete ich darauf, und sah noch einmal hin.
Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: "Es soll ein ganz nahrhafter Ort sein." –
Ich drehte mich nach ihm um, und da stand er mit gefalteten Händen, und blass wie ein armer Sünder, vor mir.
"Was fehlt Dir, Johann?" fragte ich hastig. – Und nun kam etwas an den Tag, das mich so lebhaft an einen Vorfall erinnerte, der lange vor meiner Geburt einem Professor der Physik zu Würzburg11 begegnete, dass ich der Lust nicht widerstehen kann, ihn Dir als einen brauchbaren Uebergang in das Folgende und als einen Beweis zu erzählen, dass auch die aufgeklärtesten Köpfe einmal in ihrem Leben in den Fall kommen können, hintergangen zu werden.
Dieser gelehrte Mann also sammelte Naturalien, und hatte das besondere Glück, eine Sandgrube ausfündig zu machen, die unglaublich reich an den seltensten Versteinerungen war. Stelle Dir sein Vergnügen vor, wenn er nach jedem heimlichen Besuche derselben, alle Säcke mit Kabinetsstücken gefüllt zurück brachte! Auch wuchs seine Sammlung in kurzem zu einem Reichtume an, der alle andere in diesem Fache verdunkelte, und ihm den sehr natürlichen Gedanken eingab, in einem gelehrten Werke seine glücklichen Entdeckungen – und durch beigefügte deutliche Abbildungen den ganzen Wert dieser Kostbarkeiten der Welt bekannt zu machen, sicher, das Erstaunen aller Kenner dadurch zu erregen. – "Er habe," sagt er sehr bescheiden, "diese natürlichen Wunder – diese so deutlich in Sandstein verwandelten Vögel und Frösche, Eidexen, Fledermäuse und menschlichen Glieder, unmittelbar aus den Händen der natur erhalten, sie selbst in den glücklichsten Stunden seines Lebens ausgegraben, und auf ihre in Kupfer gebrachten Abzeichnungen die gewissenhafteste Sorgfalt verwendet."
Es tut einem selbst wohl, wenn man den gelehrten Mann so von Selbstzufriedenheit strotzen sieht, und es ist gewiss, dass nichts der verdienten Ehre seiner mühsamen Entdeckungen einigen Abbruch tun konnte, als der kleine Umstand, den er erfuhr, als eben der letzte Bogen seines tiefsinnigen Werkes unter der Presse war: dass nämlich – zwar nicht die bildende natur selbst, aber doch ein Freund derselben, Urheber aller der vorbeschriebenen Seltenheiten sei. In schalkhafter Laune hatte einer seiner Kollegen, der freilich nicht die Folgen voraus sah, alle jene Dinge von einem gemeinen Steinmetz fertigen lassen, und sie allemal den Abend vorher dahin vergraben, wo er schon wusste, dass der Professor sie den Morgen darauf suchen und finden würde.
Wie die erste Wut über einen so unzeitigen Spass – die ich Dir selbst überlasse, sie Dir in ihrem ganzen Umfange vorzustellen – ein wenig verkühlt war, er sich nun genug abgehärmt und ausgeschämt hatte, so fasste er den besten Entschluss, der ihm übrig blieb, um eines Teils seinen einmal gedruckten teuern Folianten noch einigermassen für Biblioteken nützlich zu machen, andern Teils um nicht selbst, wenn er seinen Verdruss im Stillen verschluckte, ein Gallenfieber davon zu tragen. Er setzte sich also, ziemlich gefasst, an sein Schreibepult, erzählte, in einem Anhange und in sehr gutem Latein, seinen Unfall aufrichtig, und überraschte den gütigen Leser, der bis dahin seinem Werke die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt hatte, nicht wenig mit der unerwarteten Nachricht, dass von alle dem, was er vorher gelesen hätte, auch nicht eine Sylbe wahr sei. Gutmütig vermahnt er sie zuletzt alle, sich an seinem Exempel zu spiegeln, und die Liebhaberei ja nicht bis zur Blindheit zu treiben. Er gesteht, dass, da er jetzt die Originale ohne Vorurteile untersuche, er nicht begreifen könne, wo er seine Augen gehabt habe – hofft, dass seine künftigen Schriften durch seine gemachte Erfahrung nur desto mehr gewinnen würden, und bietet zu seiner Bestrafung die gegenwärtige um den halben Ladenpreis an.
Man wird, wenn man das so liest, dem Professor für seine seltene Aufrichtigkeit wieder recht gut: und welcher vernünftige Mann wollte nicht – wie auch ich getan habe – seinem Folianten, etwa neben Lavaters Bilderbuche, einen Platz in seiner Bibliotek gönnen?
Glaube nicht, lieber Eduard, dass dieses Geschichtchen hier am unrechten Orte stehe, und höre nun mit mehr Aufmerksamkeit, als Du mir hoffentlich bisher gegönnt hast, die Fortsetzung