steht?" Zugleich bog sie sich über mein Bette, legte mir das Tuch an, und indem sie es zusammen knüpfen wollte, geschah es, dass durch die Richtung, in die ich jetzt, des Knotens wegen, nach ihr hin gezogen ward, mein Gesicht auf den schönsten jugendlichsten Busen zu ruhen kam, der wohl je unter den Küssen eines Mannes gezittert hat.
Welche geheime magische Verkettung aller Dinge! So erzeugte meine Morgenschwärmerei für den ruhigen Abend eine Wirklichkeit, deren Keim ich nimmermehr in dem unsanften Augenblicke würde geahndet haben, der mir heute die Stirne zerstiess. –
"O Margot," flüsterte ich ihr zu, indem ich nicht widerstehen konnte, meine arme um den schlanken Wuchs dieses lieblichen Mädchens zu schlagen – "Du – o um wie viel rührender könntest Dir meine Schmerzen zerteilen – verjagen – in Entzücken verwandeln!"
"So sagen Sie doch nur wodurch?" flüsterte sie mir entgegen, ohne mir nur einen Grad der wohltätigen Wärme zu entziehen, die mir meine glückliche Lage verschaffte.
"O Du" – fuhr ich nach einer, der höchsten Empfindung gegönnten Pause, in schmelzender Zärtlichkeit fort: "wie soll ich Dich nennen, Kind der unverfälschten natur? – O wüsstest Du, meine Margot, das ganze geheimnis dieser Wunde, die schönste Beute, die ich jemals dem Amor abjagte! – O möchtest Du jetzt den Kampf meines Morgens belohnen! Ja ich sehe schon meine Atletenkrone mit den blühendsten Sprösslingen durchflochten, die je das Mitleid der Liebe gereicht hat." – Und das leichte, geschmeidige, äterische Wesen, das während dieser Hymne unter der Federkraft meiner arme unmerklich immer höher und höher bis über den Schwerpunkt gehoben, halb über mir schwebte – sank jetzt – der Engel sank – tiefer – immer tiefer – endlich zu mir herab – und nun erst erschrak ich vor dem Glanz seiner Würde.
Es war nicht das erstemal, Eduard, dass der feine Betrug, den jede symbolische Sprache mit sich führet, mir einen Streich spielte – aber nie vereinigten sich mehr Umstände, die eine Bildersprache gefährlich machen können, als in diesem kritischen Augenblicke. Unschuld und Mitleiden kamen ihrem geheimen Sinne zu hülfe – Amor war uns kein Ideal aus der Chimärenwelt, so wenig als es die Beule war, die er mir auf die Stirn drückte, als ich seiner Gotteit zu menschlich entgegen strebte. Zu Aten hätte mir dieses sichtbare Kampfmal eben so gewiss Ruhm und Almosen verschafft, als dem heiligen Franz seine Stigmen, die ihn vor andern subalternen Menschen auszeichneten.
Diess Gefühl meiner Erhabenheit, und die der Andacht ähnliche Duldung des gefälligen Kindes, wie weit hätten sie uns nicht verschlagen können! Margot, ich bin es gewiss, würde in dem süssen Gedanken meiner Linderung – so unbefangen, wie sie das seidne Halstuch ablegte, um es mir um die Schläfe zu winden – mit derselben verdachtlosen Güte, mit der sie mir den freien Gebrauch ihrer natürlichen Wärme verstattete – auch eben so teilnehmend jene mystischen Sprösslinge, von denen sie mich lallen hörte – in meinen Atletenkranz verflochten haben, ohne es für etwas viel mehr, als ein einfaches Hausmittel zu halten. Aber auf Margots Busen selbst unternahm ich es, meine figürlichen Wünsche, meine sublimen Tropen – in gutes derbes Deutsch zu übersetzen; und da brachte ich zu meinem eigenen Erstaunen einen Sinn heraus, vor dem ich erschrak.
Wie ein Verbrecher, der durch den Glauben beruhigt, dass der Teufel sein Spiel mit ihm getrieben habe, vor die Schranken trat – sie jetzt in Verzweiflung verlässt, nachdem der Richter dem verräterischen Sprichworte seine symbolische Decke abzog – so zitterte auch ich vor mir selbst, und die Wahrheit gewann.
"Ich danke Dir, Margot," sagte ich mit männlicher stimme, indem ich meine Umarmung aufhob, und ihr wieder auf die Beine half – "für Dein Mitleid – Deine Umschläge und Deine natürliche Wärme – Sie tut mir wohl, aber die Ruhe wird mir noch besser tun. – Lege Dich nun auch schlafen. Morgen will ich Dir Dein Halstuch wieder geben."
Indem gleitete der sanfte Strahl des aufgehenden Mondes über mein Bette. – Unter seiner Erleuchtung entfernte sich Margot mit ihrer ganzen herrlichen Unschuld – und ich – mag doch der ganze Hof von Berlin über mich lachen – dünkte mich grösser als Scipio – und hatte eine ruhige Nacht.
Den 29sten December.
Gottlob! Meine Stirn ist von dem Schandflecke von gestern geheilt. Ich verliess, heiteren Gemüts, mein Lager, setzte mich sogleich an meinen Schreibtisch, und vertraute, ohne Erröten, die geschichte meines vorigen tages meinem Journale.
Wie ich damit fertig war, verliess ich meinen Verschlag, suchte das gutmütige Mädchen auf, und gab ihr mit freundlicher, offener Miene, und vor den Augen ihrer Verwandten, das Halstuch zurück, das sie mir auf eine Nacht geborgt hatte. – Aber ich weiss nicht – sie kommen mir alle heute ein wenig betreten vor – Sollte ihnen eine Unannehmlichkeit zugestossen sein? Das sollte mir leid tun. – Sie scheinen sogar mich vermeiden zu wollen, gehen vor das Haus und flüstern zusammen, das ich gar nicht an ihnen gewohnt bin. Was mich aber am meisten verschnupft, ist – auch die kleine Margot hat Herzklopfen, ohne mir Rechenschaft davon zu geben. In solchen Augenblicken muss man seinen Freunden Platz machen – doch kann mich das Mädchen heute wohl begleiten.
Ich hatte meinen Hut und Stock mit Geräusch aus dem Verschlage geholt, stäubte den einen ab, und besah