sein würde, als sie es war. – Er war wohl weit entfernt, zu vermuten, dass er mir die beredtsamste Schilderung von der leidenschaft seiner Nichte zu mir entwerfe, indem er sich über ihre Einfalt lustig zu machen glaubte. – Er hätte sich's wohl nicht im Traume einfallen lassen, dass mehr Wahrheitssinn in dem Kindergeschwätze der kleinen Margot verborgen lag, als in manchen andern Mährchen, die wir doch ohne Mühe glauben. Aber freilich konnte er auch den geheimen Zusammenhang meiner Kopfwunde mit dem, was seine Nichte albernes erzählte, nicht so gut einsehen wie ich – konnte freilich nicht ahnden, wie nahe hier Irrtum und Wahrheit an einander gränzten.
Sobald wir zu haus beisammen waren, setzten wir uns mit gleicher Esslust zu Tische, die Kleine ausgenommen, der, vor übergrosser Neugier, mit der sie auch ihre Tante angesteckt hatte, kein Bissen schmekken wollte. Nun war aber, wie Du mir leicht glauben wirst, meine geschichte keine von denen, an die man sich gern erinnern lässt – die Zudringlichkeit der kleinen Närrin war mir daher auch nicht sonderlich angenehm – Gern wäre ich ihres Examens überhoben gewesen; aber daran war nicht zu denken So lange wir zwar vor der Schüssel sassen, wies sie der Vetter gleich bei der ersten tollen Frage, wie er es nannte, zur Ruhe doch kaum waren wir aufgestanden, und der Bauer und seine Frau an ihre kleinen Geschäfte gegangen, so sass mir das schmeichelnde geschöpf auch schon zur Seite; und, indem sie mir warme Umschläge auf die Stirn legte, und mit ihren Händchen andrückte, lispelte sie mir mit mitleidigem Ernste zu, ohne im geringsten zu argwohnen, wie grausam sie mich persiflirte: "Also haben Sie wirklich dem Strauchdiebe, dem Amor begegnet? Mein Gott, wie müssen Sie erschrocken sein! War der Stein gross, den er nach Ihnen warf? und wie haben Sie es angefangen, dass Sie ihm noch lebendig entkommen sind? Erzählen Sie mir alles, aber so genau, so umständlich als möglich."
"Margot," sagte ich, "um meinen Herzstichen mit Einemmal ein Ende zu machen, das ist mit zwei Worten zu erzählen. – Ich sah den Unhold, vor dem ich Dich gestern warnte, doch nur von weitem – fasste das Herz – (bei Dir würde es Verwegenheit sein) – ihm nachzueilen – glaubte ihn schon zu ergreifen, stiess mich aus blinder Hitze an den Baum, hinter den er sich steckte – die Beule siehst Du, die ich mir schlug – und wie ich mich umsah, war er entwischt."
"Entwischt?" wiederholte sie: – "Nun das ist mir Ihrentwegen recht lieb. – Es ist immer das sicherste, wenn man nicht selbst laufen will. – Was gehen Ihnen," setzte der kleine Naseweiss hinzu, – "unsere Buschkläpper an? und was hätten Sie in aller Welt mit diesem anfangen wollen – gesetzt Sie hätten ihn nun auch erhascht? – Wollten Sie ihm seinen Prozess machen? Dazu ist unsre Gemeinde zu arm."
"Du hast Recht, meine kluge Margot," antwortete ich so ernstaft, als es mir möglich war: "Es mag wohl eine Uebereilung von mir gewesen sein – desswegen tust Du mir auch einen Gefallen, nicht viel weiter davon zu schwatzen. – Aber ich dächte, liebes Mädchen," – indem ich sie scharf in die Augen fasste – "Du wärest seit gestern und heute viel neugieriger, viel furchtsamer und auch viel teilnehmender geworden, als ich Dich bisher gekannt habe?" –
Eine schnelle Röte – ich stehe nicht dafür, Eduard, ob nicht der Grund davon in dem Bewusstsein zu suchen war, das ihr von ihrer ersten unruhigen Nacht zurück blieb – überzog das Engelsgesichtchen, und kontrastirte allerliebst zu ihrer sichtbaren Verwunderung über meine unvermutete Frage. Beinahe hätte mich meine kleine Leichtfertigkeit gereut. – Indess gewann ich doch so viel damit, dass sie ihr neugieriges Gespräch, vermutlich in der Voraussetzung abbrach, dass ich auch dafür das meinige nicht fortsetzen würde.
Unter diesem stillschweigenden Vertrage, den jedes auf das heiligste erfüllte, erreichten wir in gewöhnlicher guter Laune den Abend. Ich suchte zeitig mein Bette, aus eigenem Triebe sowohl, als auch um meinen Freunden, die nicht weniger ermüdet zu sein schienen, die Freiheit zu verschaffen, das ihrige zu suchen.
Schon hatte ich mein summendes Haupt in das Kissen gehüllt, und sah den friedlichen Schlaf sich nähern – als das Schicksal, das mich heute zu seinem Ball ausersehen zu haben schien, mir noch eine eben so unerwartete als harte Prüfungsstunde in den Weg warf. Das mitleidige Kind hatte, mit hülfe Johanns, dürre Kräuter von dem Oberboden geholt, die sie zur Bähung meiner Wunde für dienlich hielt, und die ihr noch beifielen, wie sie eben in das Bette steigen wollte. Das hielt sie nicht ab, in blossen Füssen und ohne Licht darnach zu gehen. – Johann hatte Feuer anfachen müssen, um den Wein warm zu machen, in welchem die Kräuter gebeitzt wurden, und auf Einmal trat das gute Mädchen leise vor mein Bette, schlug die rauchende Masse in ihr Halstuch, das sie abtat, um es mir um die Stirne zu binden. –
"Kind," sagte ich, "was beginnst Du? – Du machst Dir eine unnötige Mühe."
"Das dächte ich doch nicht," antwortete sie spöttelnd: "Oder denken Sie etwa, dass Ihnen Ihre blaue Stirn gut