der Nase zu stossen. Es ging drollig genug damit zu.
In dem dicksten Hain verloren,
Ohne Führer, ohne Bahn,
Fragt' ich nicht, ob mich die Horen
In den Abglanz von Auroren
Oder Lunen schwindeln sahn.
Meine Phantasien flogen
Der gereizten Liebe nach,
Und, mit blauem Flor umzogen,
Fabelte des himmels Bogen
Mein und Margots Brautgemach.
Bald auch schwand des Haines Stille –
Meinem jubel aufbewahrt,
Zitternd vor mir, ohne Hülle
Meinen Rätseln offenbart.
In den wunderbarsten Fugen
Sammelten die Freuden sich
Um mein Lager, übertrugen
Ihre Wirtschaft mir, und schlugen
Ihre Flügelchen um mich.
Und auch ich schlug, in dem vollen
Liebesrausche meines Traums,
Meine arme, gleich Apollen,
Ach ihr Götter! um die Knollen –
Eines alten Feigenbaums.
So derb auch die Erinnerung war, nahm ich sie doch – ohne dem Feigenbaum zu fluchen – vielmehr mit einer Resignation auf, die gewiss jedem so vor den Kopf gestossenen Philosophen Ehre würde gemacht haben. – Ich liess nur die Schmerzen ein wenig verrauchen, die mir meine Umarmung verursachte, dann trat ich – und zur Genüge abgekühlt – meinen Rückweg an.
Als ich den Fichtenberg beinahe erreicht hatte, hörte ich mir zurufen. – Ich blickte auf, und sah das artigste ländliche Gemälde, das man sich vorstellen kann – sah den Berg herunterwärts, durch das Gebüsche durch, eine Nymphengestalt, leicht wie der Zephyr – kurz – eben diese kleine liebe Margot auf mich trug. Eine Strecke tiefer im Busche brach auch Johann hervor, und ganz im Hintergrunde sah ich auch meinen Wirt, mit einer Hacke bewaffnet, ansteigen. –
"Lieber Herr" – schrie Margot, als sie näher kam, und fiel mir atemlos in die arme – "um des himmels willen, wo sind Sie so lange geblieben? – Was haben Sie mir – was haben Sie uns allen nicht für sorge gemacht? – Schon seit einer Stunde (sollte das Ahndung gewesen sein, Eduard?) suche ich und Johann Sie auf diesem abscheulichen Berge. Wir haben alle Höhlen, alle Gebüsche durchkrochen. Wo? wo sind Sie doch nur gewesen?" – Und nun trat Johann, und nun auch Blaise herbei, und wiederholten dieselbe Frage.
"Je nun, lieben Kinder," antwortete ich lächelnd – "von einem so angenehmen Spaziergange, als ich heute gehabt habe, kommt man leicht später zurück, als man sollte. – Du hättest mich nur um ein paar Stunden eher aufsuchen müssen, Margot, um mit mir zu teilen, und Dir die lächerliche Angst zu ersparen, die Du wahrscheinlich meinetwegen gehabt hast."
"Ja, die hat sie gehabt," nahm Blaise das Wort, "sie hat sich recht Kindisch bezeigt."
Indem, und da ich zufällig den Hut abnahm, um mir den Schweiss abzutrocknen – stiess sie, als sie meine blutrünstige Stirn erblickte, einen überlauten Schrei aus. "Habe ich's doch gedacht und gesagt," schrie sie mit weinender stimme: "aber kein Mensch wollte mir glauben."
"Was könnte man denn Dir nicht glauben, Margot?" fragte ich verwundert.
"Dass Sie," fielen die andern ein, "einem Strauchdiebe in die hände gefallen wären, der, wie sie uns gerne bereden möchte, den Fichtenberg unsicher macht."
Die Kleine, um sich zu rechtfertigen, drang nun in mich, ihr die Wahrheit zu bestätigen, und wollte durchaus mit dem Merkzeichen an meiner Stirne Beweis führen.
Nun ist kaum etwas Beschämenderes für einen gesetzten Mann, als wenn er sich durch ein schwatzhaftes Kind an den Pranger gestellt sieht. Ich bedachte, dass mein Auditorium nicht so beschaffen sei, dass mir eine mytologische Erläuterung aus der Verlegenheit hätte helfen können – bedachte, dass Margot nicht in Berlin in die Schule gegangen sei, und noch keinen Begriff davon habe, dass man nicht alles, was uns gesagt wird, wörtlich verstehen müsse – und, da ich in dem Augenblicke nichts von Bestand zu antworten wusste, suchte ich wenigstens vor der Hand nur Zeit zu gewinnen, stellte mich eilender und hungriger als ich war, und bat die Kleine um die gefälligkeit, ein wenig voraus zu laufen, damit wir bei unserer Ankunft das Essen auf dem Tische fänden. – So etwas lässt sie sich nicht zweimal sagen – Sie flog wie Anakreons Taube davon, und Johann mit ihr, und ich und mein Hauswirt trabten etwas bedächtlicher nach.
Unterwegs erzählte er mir, wie die Angst des Kindes über mein ungewöhnliches Aussenbleiben mit jeder Minute, wie ein Wetterglas, immer höher und höher gestiegen sei – wie keine vernünftige Vorstellung dagegen hätte verfangen wollen und wie sie im Begriff gewesen wäre, das ganze Dorf zu meiner hülfe aufzubieten.
"Aber woher die Beule," fuhr er fort, "die Sie da über der Nase mitgebracht haben?"
"Ich habe einen Feigenbaum umarmt, mein lieber Mann," sagte ich. –
"So, so," versetzte er lachend, "das kann einem ja wohl geschehen. – Vor einem Fehltritt ist niemand sicher. – Aber geben Sie Acht, unserer Närrin von Mädchen wird, das viel zu alltäglich sein. – Sie hat sich einmal den vermaledeiten Gaudieb in den Kopf gesetzt, und sie wird sichs nicht ausreden lassen, dass es, nicht der sei, der Ihnen den Schandfleck angehängt hat."
Der gute Mann dachte wohl nicht, dass seine gerade Erzählung so anziehend für mich