Seidenwurms zu erklären, konnte nun, wie ich ihn mit den Briefen abgefertigt hatte, ihren Missnmt über ihren verlornen Spaziergang nicht länger verbergen. Du hättest nur sehen sollen, wie so launig sie sich anstellte, wie so zärtlich sie über meine Schreiberei schmählte, und wie ich eilte, ihr den Ersatz auf den Nachmittag zu versprechen.
Das machte alles wieder gut. – Nun flog sie in die Küche, schürte das Feuer doppelt an, und brachte es so weit, dass der Eierkuchen – zwar ein wenig verbrannt war – wir uns indess doch eine halbe Stunde eher um ihn herum setzen konnten. Ach! er hätte mir nicht besser schmecken können, wäre er auch in seiner grössten Vollkommenheit erschienen. Ihr selbst – ihr wollte er nicht schmecken, – selbst nicht, wie ich ihr ihn vorlegte. Sie war verloren für alles gemeinere Bedürfniss. Ihre Sprache war zitternd, wie die Sprache der Sappho, und ihr glühendes Auge – von allem was zwischen Himmel und Erde ist – nur auf mich allein geheftet. Mir kam wahrlich zur rechten Zeit meine Erfahrung zu hülfe. – Ich hörte durchaus nicht auf den Einklang meines Herzens mit dem ihrigen – wies es schon bei'm Präludiren zur Ruhe, und konnte nun desto aufmerksamer auf das natürliche Adagio der kleinen Virtuosin Acht geben, das mir – ich versichre Dich, Eduard – mehr Vergnügen gewährte, als die vollständigste Tafelmusik unsers Königs.
Wie wir aufgestanden waren, brachte mir das arme Kind dem es in der stube zu enge ward, meinen Hut und Stock, und trippelte vor mir her zur Hütte hinaus. Mir ward, als ich den blauen Himmel sah, angst und bange vor dem heimlichen Spaziergang, in den sie mich in aller Unschuld verlocken würde. Ich dachte in diesem Augenblicke an den, in der verschwiegensten Ecke Deines Parks lauschenden Amor, den sicher kein Pfuscher gemeisselt hat. Ich weiss kein belehrenderes Sinnbild von ihm. – Das bedenkliche Lächeln, mit dem er in die Stille des Waldes hinblickt – die umfassende Kraft, die seine Flügel dehnt – das kleine Schrecken, das er jedem einjagt, der unvermutet auf ihn trifft – alles war mir jetzt furchtbarlich gegenwärtig.
Da dachte ich bei mir selbst: "Du willst ehrlich sein, Wilhelm, da es noch Zeit ist. – Ehe du einen Schritt weiter setzest, willst du das unbefangene Mädchen von der Gefahr unterrichten, die es läuft. Du hast so viele warnende Bilder vom Amor gesehen – hast dich müde an allen den Steckbriefen gelesen, die ihm täglich nachgeschickt werden, dass es nicht gut sein müsste, wenn du der Kleinen nicht eine Schilderung von ihm machen könntest, dass ihr die Lust wohl vergehen soll, ihn näher kennen zu lernen. Ist nicht schon manches Schulmädchen durch die Fabel vom Fuchs und dem Hühnchen von ihrem künftigen Verderben gerettet, oder durch eine grässliche Gespenstergeschichte abgehalten worden, im Finstern zu gehen? Ja, hat mir nicht selbst die Furcht vor dem Teufel öfter meine Chatulle gerettet, als die vor dem lieben Gott?"
Ich setzte mich also auf die hölzerne Bank vor dem haus, fasste die Kleine bei beiden Händchen, und zog sie sanft zu mir her. –
"Margot," sagte ich – "ehe wir weiter gehen, will ich Dir etwas erzählen. – Ich habe heute wichtige Ursachen, warum ich unsern Fichtenberg nicht ersteigen mag –"
"Und ich auch," versetzte Margot seufzend und mit einer Naivität, die mich beinahe in meiner Fortsetzung irre gemacht hätte.
"Wir wollen den guten Mandelbaum heute in Ruhe lassen. – Er wird schon ohne uns seine Blüten vollends entfalten."
"Das ist zu glauben," antwortete Margot – "Aber was wollen Sie damit sagen?"
"Margot," stotterte ich ziemlich verlegen – "Du hast doch wohl schon von dem Amor gehört?"
"Nicht eine Sylbe" – antwortete sie mit herzlich verwundernden Augen.
"Nun gut," fuhr ich noch stotternder fort – "so muss ich Dir sagen, dass es eine Art von Buschkläpper ist, der die Gegend da oben sehr unsicher machen soll:"
"Ein Strauchdieb, der die Sonne scheut,
Vom späten Abend bis zum Morgen
Am liebsten in der Einsamkeit
Auf jenem Fichtelberg verborgen.
Dort hauset er, bricht und entweiht
Die grenzen und die Hegezeit,
Und lockt in ein Gewirr von Sorgen
Die unbedachte Lüsternheit.
Wir würden schwerlich ihm entweichen;
Denn er, ein Meister im Beschleichen,
Stört alles auf, hetzt alles matt,
Zumal wenn er in den Gesträuchen
Zwei Schmachtende erlauert hat."
"Lassen Sie Sich doch so etwas nicht weiss machen," – unterbrach mich die Kleine, und schlug ein lautes Gelächter auf – "Es ist nicht ein Wort davon wahr. Die Gegend da oben sollte nicht sicher sein? Auf die Gefahr, glauben Sie mir, wollte ich den ganzen Wald mit Ihnen durchstreifen, ohne dass uns etwas Widriges begegnen sollte. Aber es ist mir schon recht, dass Sie Sich fürchten. Ich bin den einsamen Berg wirklich ein Bisschen überdrüssig. Er macht mich schon traurig, wenn ich ihn ansehe. Lassen Sie uns diesen Nachmittag lieber einen gang auf den Postplatz tun, wo der heutige Markttag alle Esel und
"Gut," – sagte ich ein wenig betroffen, richtete mich von meinem Lehrstuhl auf, und indem Margot, mutig wie ein Kind aus der Schule, vor mir herlief, schlich ich ihr nachdenkend wie ein Präceptor