Jugend- und Schulfreund, den würdigen Jerom. Er begleitete mich gern eine Strecke Weges, aber seine Kranken halten ihn bei dem Aermel. In einigen Tagen hoffe ich – ach welcher freudenvolle Gedanke, Eduard! Dich an mein Herz zu drücken. Denn da mich die himmlischen Gestirne während meiner Seereise um den Tag, auf dem ich zur Hochzeit des Märkischen baron geladen war, eben so richtig gebracht haben, als sich durch ihren Einfluss der Weltumsegler Anson bei seiner Landung an der vaterländischen Küste, zu seiner grossen Verwunderung, um einen in der laufenden Woche verkürzt sah; so kann mich nichts mehr, weder das Kalenderfest jenes schätzbaren Mannes, noch sonst ein Abweg auf meinem geraden Fluge in Deine arme aufhalten.
Mein Glückwunsch zu der schlau verzögertern Besitznahme seiner Karoline soll das erste Geschäft an meinem Schreibtisch zu Berlin sein; übrigens mögen immer noch Jahr und Tage hingehen, ehe ich meinen versprochenen Besuch bei ihm nachhole, da sich indess auch wohl sein System vom ehelichen Glück mehr aufgeklärt haben wird, um es ruhiger und richtiger beurteilen zu können, als in den ersten Probetagen Es soll mir lieb sein, wenn sein schönes Weib, ein saugendes Kind an der Brust, das durch den Aufschub seines Daseins während des Herumstreifens des Vaters nichts verloren hat – wenn sein mit den kostbarsten Bruchstücken des Altertums und der neuern Erfindungen der Bequemlichkeit zusammengesetzter ländlicher Pallast, glänzende Säle, die den Geist aller Nationen vereinigen – Wände mit den Meisterwerken der Titiane und Raphaele verziert – wenn täglich erneuerte Wunder der Kochkunst, fröhliche Gärten und im Ganzen genommen die Benutzung der freigebigen natur zur Veredlung menschlicher Bedürfnisse – wenn, sage ich, diese Bedingungen schwesterlich vereint in einander greifen, um die sonderbare Propheten-Epistel des wirtschaftlichen Landjunkers auf das kräftigste zu widerlegen. Warf dieser Eiferer gegen die Wohltaten des guten Geschmacks seinem reisenden Feldnachbar wohl aus einer wichtigern Ursache jene Spitzfindigkeiten in den Weg, als weil solcher nach einer andern Rechnung ein Dritteil seines Lebens verwendete, um dessen Ueberrest mit den möglichsten Annehmlichkeiten zu verschönern, die unser Planet darbietet? Darf aber auch die fleissigste Ameise den Adler, der über ihr in die Wolken steigt, tadeln, dass nicht auch er auf dem Erdhaufen, der ihrer Zufriedenheit genügt, die seinige sucht? Du findest irgendwo in meinem Tagebuche den Eingang seines Pamphlets und die Fortsetzung bringe ich Dir auch mit. O ich werde mich gern, ohne mich an sein Geschwätz zu kehren, dem Versuche hingeben, ob man nicht auf dem geschmackvollen Landsitze eines unter so verständigen Rücksichten gereisten Freundes den Lauf der Stunden besser als im Auslande erheitern, das Glück des Schlafs geschwinder als mit Postpferden erreichen, und sein kaltes Blut, so viel als zuträglich ist, in dem Strale der dunstfreien Sonne oder vor einem Kamine erwärmen kann, dem nichts belebteres gegen über lauscht, als das Ideal einer Hebe oder Klärchens Bildniss mit seinen ach! so mannigfaltigen Erinnerungen.
Jetzt lacht mir nun von weitem die königliche Hauptstadt und Dein Assembleesaal unter den anlokkendsten Versprechungen in die Augen. Sie werden eine Weile Wort halten, aber auf die Länge traue ich ihnen doch nicht. Was soll ich nun, in dem gesetzten Fall, mit mir anfangen, wenn Ueberdruss an dem ewigen Zirkelschlag Eurer Gesellschaften und Schmäuse, Langeweile an den Spieltischen und Missmut über den unnützen Vergang meiner bessern Kräfte sich aufs neue meiner Seele bemeistern? Zur Wiederholung der Torheit, die mir vier Bände böser Erfahrungen eintrug, ist mir auf immer die Lust vergangen, und auf meine Studierstube darf ich vollends nicht rechnen, denn das unbelohnte Bebrüten fremder Gukgukseier ist mir zum Ekel geworden, viele andere Irrtümer ungerechnet, die mich gar sehr gewitzigt haben.
Der Freuden der Welt, sagt man zwar, gäbe es viele, aber wo ist denn eine, die nicht durch den täglichen Gebrauch uns unter den Händen verwelkte? und wo findet man immer einen Freund, wie SaintSauveur, der uns damit auf eine so systematische Art zu überraschen versteht, dass sie uns neuen Genuss gewähren? Was bleibt nun, da zu selten zwei gleichgestimmte Menschen auf ihrem Gange zusammentreffen, die hierin einander die hände zu bieten Willen und Kraft haben, noch übrig, als dass jeder selbst die Mühe übernehme, auf A b w e ch s e l u n g seiner Kinderspiele zu denken, so gewiss auch dabei die Hälfte jenes bemächtigenden Reizes verloren geht. Wohlan! So zeichne denn s i e mir den Plan meiner künftigen Lebens-Ordnung vor, zu dem ich mir nur noch Agatens Unterschrift wünsche.
Weder an einen Ort, an ein Amt, noch an Pflichten gebunden, die ich mir nicht selbst als Weltbürger auflege, soll mir der Spielraum des Vaterlandes, wo nicht zum Schauplatz meiner merkwürdigen Taten – doch zu einem Spaziergang dienen, auf dem ich bald hier bald da eine Handvoll Saamenkörner edler wohltätiger Gefühlpflanzen ausstreue, sollten sie auch dann erst keimen und gedeihen, wenn ich schon längst in seiner heiligen Erde, unter dunkeln Ahndungen und unaufhörlichem Rufen nach Licht, die letzte Leitersprosse zum Austritt in jene Warte seliger Zukunft gewonnen – an ihrer hellen Pforte meinen Staubmantel abgeworfen und nicht, wie hier, zu befürchten habe, ein Brandopfer der Langenweile zu werden. Denn dort –
Wenn aufgeschwungen aus dem Schlamme
Des Irdischen, mein freier Geist,
Ein Lichtteil in der Schöpfungsflamme,
Das Unermessliche b e r e i s t ,
Mit Schwanenlust im Aeterstrome
Reingeistigen Bewusstseins schwimmt,
Von einem zu dem andern Dome
Der Sterngebäude weiter glimmt,
Im Drang, die Feder zu entdecken,
Die