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ihrer dichterischen Ausbildung vor, und finde keine hinwelkende Blume, die seine Vorgänger am Tage übrig liessen, am Abend zu teuer, um sie nicht zu ihrem Andenken nach haus zu tragen. Das gute Kind, das nichts gefährlicheres dahinter versteckt glaubt, als woran es, seitdem sie zwei Worte zusammen reimen kann, gewöhnt ist, wird es, wie eine gereizte Nachtigall, immer schöner zu machen suchen und macht es immer schöner, bis sich ihre Federn sträuben und ihr das Herzchen darüber selbst zu pochen anfängt.

Ach ich müsste mich sehr irren, wenn die sanfte, unmerkliche Verschmelzung stündlich wachsender männlicher Bassnoten mit melodischem weiblichen Diskant, nicht zuletzt auf der Tonleiter des Lebens einen Einklang hervorbrächte, der nur einer mondhellen Nacht bedarf, um in das beredte Flüstern des Verlobungskusses überzugehen. Alsdann? Nun mein Gott, wäre es alsdann wohl so etwas unerhörtes, wenn in der Folge der merkantilische Umtrieb der einzelnen Groschen und Taler, die sie ohne grosse Mühe und Kosten ersang, ihre Stroh-Körbchen, irdenen Aesche und Vasen in Tonnen Goldes verwandelte, die freilich einen ganz andern Respekt einflössen, als alles, was sie uns dermalen noch aus dem Gebiete der natur Schönes und Gutes auftischt. Welche frohe Zukunft kann sich diese holländische K a r s ch i n nicht versprechen! wenn sie einst nicht mehr nötig hat, an der Landstrasse auf neugierige Käufer zu lauernihnen Rede zu stehen und jeden schalen Gedanken, den sie auskramen, in Verse umzusetzen, die, ihre heutigen ausgenommen, noch nie eine Druckerpresse erreicht haben. Dann erst wird sie sich fühlen und gebieten lernenihren eigenen guten Einfällen folgen und, indem sie mit heiterer Laune den glücklichen Erdstrich segnet, der den Keim ihres Talents als eine Wunderpflanze in Nahrung setzte, mit mitleidigem Lächeln auf unsere deutschen Witzkrämer und ihre Ladenhüter herabsehen. Sogar auf der Börse, wo Apoll und seine Anhänger sonst wenig Kredit haben, werden die vielen Nieten, die zum grossen Loose ihres Heiratsguts beitrugen, den jungen Anfänger beneiden, dem es zufiel. Und doch, Eduard, würde mir das liebe Kind in der vornehmen Lage, in der ich zur Zeit noch keine der Musen sah, trotz der vollen Beutel, die Merkur ihr in den Schooss schüttet, schwerlich besser gefallen, als jetzt mit fliegendem Haar, ländlichem Mieder unter ihren Blumen und Früchten. Ich wählte mir aus j e n e n ein freundliches Rosenknöspchen, der Aehnlichkeit ihrer Lippen, und ein Noli me tangere, der Unschuld wegen, die darauf ruhte, aus d i e s e n aber ein paar tetons de Venus, die Linnée unter allen Pfirsichen für die schmackhaftesten hält. Höher sind mir aber auch in meinem lüsternen Leben keine zu stehen gekommen. Die liebe unbefangene Verkäuferin errötete selbst über meine unmässige Freigebigkeit und Jerom schüttelte den Kopf dazu. O hätten nur beide gewusst, woher sie entsprang. Sie hatte solche, im Vertrauen gesagt, weder dem Vorüberflug ihrer funkelnden Augen, noch den gleich vergänglichen Tönen ihres Mundes, – sondern den Lorberblättern zu verdanken, die ich in meiner Schreibtafel aus ihrem Glashause mitnahm, um das Monument meiner Jugendreise damit zu krönen. Ja, Eduard, der anspruchlose Waldgesang der liebenswürdigen Emilie beschliesse mein Tagebuch. Hört man nicht alle möglichen Epiloge am liebsten aus dem mund eines schönen unschuldigen Kindes, und kann man ein Koncert wohl artiger endigen, als mit einer unverdorbenen weiblichen Singstimme?

Wohl wahr! und doch ist es dem menschlichen Herzen eigen, dass keins, je behaglicher es auf dem Musikstrom fortschwimmt, ohne Unruhe an den letzten Bogenstrich, der ihn dämmtohne Verdruss an die sterbende Note denken kann, unter der sich ein sanftes Andante auflöset. Der wahre Virtuose fürchtet, wie seine lauschenden Zuhörer, im voraus die Todenstille des Saals, die nachfolgt, und so sah auch ich im Vorgefühl meines baldigen Verstummens dem lieben epilogirenden kind mit traurigem Nachdenken in das niedliche Gesicht; Jerom musste mich mehr als einmal an das Fortgehen erinnern, und doch zögerte ich, bis das Glöckchen-Geläute der letzten abgehenden Treckschüte mir durch alle Glieder fuhr, und als ich nun in überströmender Zärtlichkeit dem guten Mädchen noch einmal meine Hand bot, ward mir so weinerlich zu Mute, als ob ich von ihrem ganzen lieblichen Geschlecht, sammt den neun Musen ewigen Abschied nähme. So lange ich auf der Rückfahrt das schmucke Tempelchen noch in der Abendsonne blinken sah, war es mir nicht möglich, meine Augen nach einer andern Seite, – meine Fantasie auf einen geringern Gegenstand, als auf die Nymphe zu richten, die es bewohnte. Ich schrieb ihrer Jugend, Schönheit, Unschuld und ihrem poetischen Talente so viele Festtage zu Gute, dass ich bis ans Leidener Tor nichts zu tun hatte, als sie, wie ein Mönch das Bild seiner Heiligen, aus- und anzukleiden, und mich vor ihrer Nische auf die Knie zu werfen. Ich erbat ihr allen Segen des himmels zu ihrem jungfräulichen Gewerbe, das doch gewiss, man sage auch, was man will, ohne Vergleich edler, erlaubter und schmeichelhafter für ihre Kunden ist, als jenes, das ehemals die Harlemer Wirtin zum schwarzen Bock, und was sie etwa sonst noch, um Gäste beizulocken, im Schilde führte, auf eine Art trieb, die der lieben kleinen und, auf allen Seiten betrachtet, gewiss zehnmal reizendern Emilie nicht im Schlaf einfallen würde. Das soll aber auch das letzte Wort für Dich und meine zukünftigen Leser sein. Morgen mit dem frühesten verlasse ich meinen