Nase zu schnellen, im Sinn hatte.
Holländische Volkslieder sind nicht leicht ins Deutsche zu übertragen, doch bin ich nach Möglichkeit der jungen Blumen-Verkäuferin auf ihrem poetischen Ausflug so treu nachgeschwebt, als ich es auf ihrem prosaischen Lebensgang tun würde, wenn es nur meine Zeit und Agate erlaubten. Ich teile Dir, lieber Eduard, von dem Erguss ihres freispielenden Geistes so viel mit, als meine schwere deutsche Bleifeder nur auffassen konnte. Hätte sie aber auch keinen Tropfen unterweges verschüttet, so würden dem schönen Ganzen doch immer noch die Apostrophen ihrer Augen, ihre sonorische stimme und die rednerischen Uebergänge ihres belebten Busens fehlen, um auf andere Ohren denselben Eindruck zu machen, als auf die meinigen. O dass doch in meinem vaterland eine gewisse gleich liebenswürdige Emilie, die, obgleich des erhabenen Ossians Freundin, doch auch in Etwas die meine ist, es in einer warmen Sommerstunde versuchen möchte, meine Orangen und Amatusäpfel auszurufen. Ich wette auf Leib und Leben, sie fänden in allen Häusern Eingang und Käufer unter dieser Bedingung.
Unbefangen, wie ein gutes Kind, lächelte die kleine Holländerin, hüstelte ein wenig und stimmte an:
Behagten Euch nur solche Waaren,
Wie sie, gestempelt und verzollt,
Minervens Polterkarrn von Jahren
Zu Jahren auf die Märkte rollt;
So, Freunde schlüpftet Ihr vergebens
In meine Bude. Ein Gericht
Zur Stärkung auf dem gang des Lebens
Ist höchstens, was sie Euch verspricht.
Ich hab' auf meinen Rasentischen
Nur Näschereien ausgelegt,
Die mir, den Wandrer zu erfrischen,
Mein Gärtchen leicht zusammen trägt.
Ist gleich mein Blumenkranz kein Zeichen
Für eine Modehändlerin,
So lockt er doch, denn bei ihm streichen
Der Fahrweg und der Fusssteig hin.
Auch graut der Morgen kaum, so halten,
Wie Wetter, Wind und Zufall will,
Ost unerwartete Gestalten
An meiner Tonnen-Nische still.
Wie viele nähern meinem Zaune
Sich nicht um eine Hand voll Schleen,
Wenn Bücher-Ueberdruss und Laune
Mit ihrem Geist ins Grüne gehen.
Den Richter, der mit krauser Stirne
Zu einer Ehescheidung trabt,
Hat manchmal eine Jungferbirne
Aus meinem Weidenkorb gelabt.
Aus meinem tönernen Pokale
Berauschte jüngst ein Priester sich,
Als er nach seinem Filiale,
Mit Schweiss betröpft, vorüber schlich.
Dem Mädchen, das, vom Stadtgewürze
Erhitzt, aufs Land nach Kühlung läuft,
Hab' ich, zu Pfunden, oft die Schürze
Bald sind' ich eine Federspule,
Bald eine Musterschrift im Gras,
Die ein Entlaufener der Schule
Im Morgenschmaus bei mir vergass.
So oft sich meine Körbchen leeren,
Rück' ich mit neu gefüllten vor,
Mein Kontobuch? – – kann ich beschwören
So gut, als Rousseau seins beschwor.
Um vieles zwar säss' ich bequemer,
Wohl gar am Rataus unter Dach,
Ahmt' ich dem Proteus unsrer Krämer
In seinen Handelskünsten nach;
Der bald mit Perlen ferner Flüsse,
Mit Gold aus Ophir Wucher treibt,
Sein Salz und seine tauben Nüsse
Nur aus Elysium verschreibt;
Bald Engelsreinigkeit den Narben
Gefallner Unschuld unterschiebt,
Glanz dem Betrug und Rosenfarben
Verblühten Wangen wiedergiebt;
Bald auf dem Wollen-Raub der Herde,
Die ihn umblöket, eingewiegt,
Im Traum die mütterliche Erde
Bis an den Himmel überfliegt,
Und wohl noch wähnt, vom nächsten Sterne
Herabgeschneuzt und fortgeschnellt,
Er sei die grösste Blendlaterne,
Die je das Weltall aufgehellt.
Doch, was ein Irrwisch aufgekläret,
Bleicht bald am Lichte der natur;
Was s i e erzeugt, ist nur bewähret,
Was s i e bewährt, erhält sich nur.
Ich will Dir nicht zumuten, Eduard, diese Verse für so geist- und gedankenreich zu halten, als die Schillerschen und Vossischen sind, muss aber auch billig eingestehen, dass es weniger die Schuld des Originals, als der Uebersetzung ist. Trotz seines verwischten Kolorits denke ich doch, soll es als Impromtu eines jungen holländischen Landmädchens immer noch die Ehre des Drucks so gut verdienen, als so manches in unsern poetischen Wäldern. Ich bin mit Jerom völlig einverstanden, dass, wenn auch unter der Torfasche dieses Moorlandes hier und da ein Funken dichterischen Feuers glimmen sollte, zu selten doch einer davon in Flammen schlägt, als dass nicht die ihrige für ein Meteor gelten müsse; und ich kann es keinem ihrer Mitbürger verdenken, der im Vorbeigehen sich einige Minuten von seinen Geschäften abmüssigt, bei ihr einspricht, um nur wundershalber zu sehen, wie sich ein roher gemeiner Gedanke poliren lässt. Wer wollte der kleinen Poetin nicht gern einer prosaischen Hökerin, zumal da jeder ohne grosse Spekulation berechnen kann, dass sie durch diesen Handel, dem, so gering er scheint, doch auch kein drückenderes Kapital unterliegt, als das ihr Flora und Pomona vorstrecken, und Klio verzinst, schnurgerade der wahren holländischen Ehre entgegen steigt, reich – eine, wie man es nennt, gute Partie, und zuletzt wohl gar eine bedeutende person in der Republik zu werden. Lässt sich's denn nicht erwarten, dass ein junger spekulativer Kopf auf dem romantischen, immer offenen Gange nach ihrem Komtor, gelegentlich auf den klugen Gedanken geraten könne, die schöne Sängerin sammt ihrem jungfräulichen Erwerb in das seine zu verlocken? Er widme, wäre in diesem Falle mein unmassgeblicher Rat, nur sechs – sieben Abendstunden der Woche zur Erholung nach getaner Arbeit ihrem Besuche, lege zur Einleitung seines Kaufgeschäfts ihrer Musse erst eine unbedeutende laue, dann eine wärmere, darauf eine heissere und zuletzt täglich eine immer brennendere Empfindung nach der andern, ohne die entfernteste Hindeutung auf Sie, bloss zum Spielwerk