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"ich stelle dir nur eine von den täglichen Erfahrungen für jeden Beobachter entgegen, der seine Augen gebrauchen will. Dir selbst sind ähnliche Trauergestalten auf deinen Schleifwegen begegnet, du hast sie oft treu genug abgezeichnet, aber ihren Eindruck immer wieder durch schnellen Uebergang zu andern leichtfertigen Bildern geschwächt. Das ist der grösste Vorwurf, den ich deiner Art zu malen mache, ob ich dich gleich zu gut kenne, um dir eine gottlose Absicht dabei Schuld zu geben."

"Kannst du, zum Beispiel, bei der öffentlichen Ausstellung, die du vorhast, und zu der sich, wie gewöhnlich, gewiss mehr neugierige, unerfahrne Müssiggänger drängen werden, als unbestechbare Kenner, jenen Avignonischen Zeichnungen ihre verführerische wirkung benehmen?" "Ja, das kann ich," hielt ich ihn beim Aermel, da ihn eben ein Billet von einer kritzelnden weiblichen Hand, bei dessen Durchlesen er die seine einigemal an die Stirne, und die Augen mit sichtbarem Entsetzen in die Höhe schlug, schnell auszugehen nötigte, "wenn du mir erlaubst, nur diesen einzigen Fall deiner Praxis in mein Tagebuch einzutragen, ich will dich auch gern nicht über den Brief noch abhören, der dich eben so gewaltig erschreckt hat. Für meine Kunden wird schon dieser Erguss deines empörten menschlichen Herzens hinlänglich und der beste Temperirtrank sein, den ich ihnen neben jenen französischen Philtres vorsetzen kann, die ich an der Gränze gegen deutsche Quacksalbereien eintauschte. Es müsste doch wunderlich zugehen, wenn sie nicht ihre eigene Vernunft über den Gebrauch des einen und den Missbrauch der andern verständigte." "Meinst Du?" brach er die Unterredung kurz ab, nahm seinen Hut und überliess mich meinem Protokolle.

Und so möge denn meine Hoffnung zu Euch, Ihr

meine jungen, leicht zu befangenden, oft allzugefälligen Leser nicht fehlschlagen!

Vorstehendes Gespräch mit einem der ehrlichsten

Laboranten guter Tisanen für Körper und Geist, das ich Euch so frisch hinreiche, als jene Frühlings- und Herbstblumen, die ich, ein blosser Dilettant in der Botanik, mit Kletten und Disteln, bunt durch einander, wie sie mir auf meinen Wanderungen in die Augen fielen, zu einem Strauss band, ist mir, ich gestehe es, schwer über die Feder gegangen.

dafür aber auch, dachte ich, muss diese heroische Verläugnung der Eigenliebe am Schluss eines Tagebuchs in allen guten Seelen eine ganz andere Rührung bewirken, als der Eingang der Selbst-Bekenntnisse meines grossen Vorgängers. G u t m ü t h i g e r – fühle ich mit innerer Zufriedenheit, hat sich wohl nie ein deutscher Autor gegen seine Leserund weniger s ch l a u gegen die Recensenten benommen. Ja, selbst wenn j e n e – ich erstaune über die männliche Entschlossenheit meines Herzensauch noch St. Sauveurs Brief einzusehen, und d i e s e , die sich auch damit nicht abfertigen lassen, eine Geisselung von meinen eigenen Händen verlangen, die bis auf's Blut geht. Auch das! Man lasse mich nur erst Berlin und meine Studierstube wieder erreicht haben.

Den 1sten April.

Heute also, Nachmittags, will Jerom mich mit der Seltenheit seines Landes, auf die er mich vorgestern vertröstete, bekannt machen, die wir selbst, setzte er jetzt noch hinzu, während unserer akademischen Lehrjahre, wo uns doch kaum etwas unglaublich vorkam, nicht für möglich würden gehalten haben, und Italien, zur Reise gediehen wäre. "Im Freien?" fragte ich. Er bejahete es. "Nun so wird es Zuckerrohr, Ananasoder wohl gar die beste Frucht der Welt, die Mangostine sein, die ich auf St. Sauveurs Hochzeit, eingemacht nur, schon über allen Ausdruck vortrefflich fand." Er ging von mir, ohne zu antworten, bestellte die Mahlzeit eine Stunde früher und zugleich den Roef1 für uns beide allein auf der Amsterdamer Treckschüte.

Mag es doch sein, was es will! Nil admirari war Rousseaus Devise und soll auch von heute an die meinige sehen.

Wenn Du etwa dachtest, ich sei zur Feier des heutigen Tages in April geschickt worden, so hast Du zu früh gelacht, guter Freund. Nein, ich habe heutean dem letzten Abend meines Hierseins und sonach recht zur gelegenen Zeit einen in der Tat höchst merkwürdigen Schlussstein für das Gewölbe meines Tagebuchs nach haus gebracht und lasse nunmehr der patriotischen Behauptung Jeroms volle Gerechtigkeit widerfahren. Für die unserer Maschine so nötige Erholung nach einer guten Mahlzeit kenne ich doch nichts zweckmässigeres, als eine holländische Treckschüte. Unsere Fahrt wie auf Oel, von Leiden bis zu einem der nächsten Dörfchen, dauerte etwa Dreiviertel-Stunden.

Nachdem wir zwischen den freundlichen Gestaden des Kanals, wie an den Säumen eines aufgerollten Atlasbandes, vielen kaufmännischen Ruhepunkten zum natur-Genuss eines Tages in der Woche, mehrern hölzernen Landungs-Plätzen am randunzähligen Warnungstafeln vor Fussangelnden Schlangenstäben manches Merkurs, der als Hausgötze von seinem Hochaltar über die Hecken blickteund allen den tönernen Fama's, die zu blasen drohtenglücklich vorbei, kraft eines Enterhakens an einen Fusssteig ausgesetzt wurden, der hundert Schritte davon einem kleinen Flecken zuführte, – stand Jerom auf einmal bei einer freiliegenden Bude, gleich einer Laterne, still, aus der uns, unter einem Aufbau lieblicher Blumen und Früchte, ein noch anlockenderes MädchenGesicht entgegenfunkelte.

Die Schöne, als hätte sie unsern Besuch erwartet, öffneteund ich blickte verwundert auf meinen Anführerihre Glastüre.

Er trat mit mir ein, schob den Nachtriegel vor