die Nase blies. In Avignon, Marseille und andern artigen französischen Städten sah ich mich oft noch Stundenlang von einer hübschen Aufwärterin, oder einem gesprächigen Marqueur aufgehalten, wenn ich schon meinen Hut von der Wand gelangt hatte. Hier bekümmerte sich keine Seele darum. Man liess mich ruhig über die Schwelle, sobald ich mein Doppelchen für die Ansicht des mir zugemuteten Aquavits auf den Teller gelegt hatte.
Schmollend, ohne recht zu wissen, ob über die hiesige oder meine gewohnte Lebensweise, schlug ich einen längern Umweg durch schnurgerade Gassen, nach – wie soll ich es nennen? nach einem leidlichern Gefühl ein, und geriet, als wenn heute ein böser Geist sein Spiel hätte – unvermutet an das Eckhaus, wo ich ehemals gewiss bequemer wohnte, als Peter der Grosse während seiner Studien des Schiffsbaues zu Sardam. Ein struppiger Tituskopf streckte sich jetzt aus demselben Schubfenster vor, aus welchem ich sonst mit gekräuseltem Haar über die vier Fakultäten hinweg in die offene Welt lachte. Noch immer, wie zu meiner Zeit, verzierten japanische Blumentöpfe das Ruheplätzchen des Erkers, wo ich so oft Jerom die Schweisstropfen von der Stirne trocknete, wenn er ermüdet aus dem botanischen Garten zurückkam. Die drei Universitäts-Jahre, die ich als Mietmann neben seiner Studierstube – ach, ich mag es einkleiden, wie ich will, – gedankenlos, – aber das muss auch wahr sein, – sehr jovialisch vertändelte, gaukelten mir in der lebhaftesten Erinnerung vorüber. Dennoch ward es mir auf einmal so unheimlich in der Nachbarschaft dieser meiner Jugend-Herberge, dass ich mir den Sporn gab und mit dem immer beibehaltenen Eifer für die Naturgeschichte, den Meerwundern auf dem Fischmarkt einen fliegenden Besuch machen wollte; aber kaum war ich um den Laternen-Pfahl herum, so stiess ich – da ich es in dieser Prüfungs-Stunde gerade am wenigsten wünschte, – auf meinen lieben Schulfreund, den in allen Gassen beschäftigten Jerom. "Wo kommst du her?" warf er mir im Fortgehen die Frage vor. "Von der Betrachtung" – rieb ich mir die Stirn – "unserer ehemaligen wohnung, und du?" – "Aus der Marterkammer," erwiderte er, "einer zum erstenmal gebährenden, – aber nun mit dem frohsten Erstaunen belohnten Mutter, der ich eben die Ausbeute eines schönen Jungen zu Tage gefördert und an die bebende Brust gelegt habe. Jetzt gehe ich, wenn du mit willst, in das Arbeitshaus, um ein wenig auszuruhn – und dann in der Nähe dort, zu dem ungeduldigsten Domine von der Welt, um ein ihm sehr dienliches Quartanfieber zu bewillkommen, das – er sah nach der Uhr – in Zeit einer halben Stunde eintreffen wird." "Wohl bekomme dir, lieber Jerom," hing ich mich gähnend an seinen Arm, "deine Visite beim Domine und deine Ruhestunde im Arbeitshause. Dazu wäre mir eine Bilder-Gallerie lieber, wenn eine da wäre." "Das ist dir zu glauben," lächelte er, "leider nur sind dergleichen Asyle des Müssiggangs – das musst du ja von Alters her wissen – bei uns nicht hergebracht. Wir benutzen unsere Säle zu notwendigern Dingen – nicht aus Geringschätzung der Kunst und des Geschmacks," antwortete er meiner spöttelnden Miene – "denn wie viele unserer wohlhabenden Einwohner besitzen nicht Sammlungen von den schönsten Gemälden, aus denen man eine grössere, als die Düsseldorfer ist, zusammensetzen könnte." "Ja, ja," nickte ich mit dem kopf, "wohl Schade um die Meisterstücke der niederländischen Schule, – um Eure Rembrands. – van Dyks – Gerhard Dauws – Wouvermanns und de Wit's, deren so viele noch in den A ch t e r - und B i n n e n k a m m e r n und C o m p t o r ch e n gemeiner Bürger, unverantwortlich zerstreut und dem ehrsamen Publikum versteckt sind. Herkömmlicher Weise? sagst du. Nun ja! aber ich möchte auch wohl wissen, was es in Holland nicht wäre? von seinen Gesetzen und Sitten an, bis auf die Physiognomie seiner Gärten, Dörfer und Städte. Der Genius der Zeit vermag nichts über das ewige Einerlei Eures mit Recht bewunderten Landes, wenn man es nämlich zum erstenmal sieht; käme aber auch ein Reisender wieder nach hundert Jahren zu Euch, ich wette, er findet weder eine modische noch ästetische neue Anlage, oder eine merkwürdige Erscheinung unter Euerm Horizont, die vorher noch nicht da war." "Das will ich dir," endigte Jerom unser Gassen-Gespräch, "nächsten Tages durch den Augenschein widerlegen," und so trennten wir uns am Tore des Werkhauses, bis uns der Mittag wieder zusammen brachte. In einer holländischen Stadt tritt er pünktlich – fast so spät, als in Regensburg, aber, als Notülfe der, aufs genaueste berechneten, physisch errungenen Erschöpfung, so reich ausgestattet, als dort, ein, schreitet abgemessenen Gangs von einer nahrhaften Schüssel zur andern fort, bis unter den zusammenfliessenden Nebeln des Tees, Tabaks und der Kanäle die Stunde der Verdauung und gesellschaftlichen Unterhaltung über die Ernte-Tabellen der Börse, protestirten und acceptirten Wechsel, geglückten oder misslungenen Spekulationen, anbricht. Da ist es denn kein Wunder, wenn während dessen unser Eins sich nach den ganz andern Zeitverkürzungen in Berlin zurück sehnt.
Den 27sten März.
"Und wenn du nun," sagte Jerom, als ich beim Frühstück des Heimwehs, das mich gestern befiel, und der Bewegungsgründe erwähnte