Freund erriet, der allein Menschenkenntniss genug besass, sie wieder in ihre physischen und moralischen Fugen zu zwingen. Musste ich erst aus seinem Briefe den Retter meines Tagebuchs kennen lernen?
Wen – ausser Ihm, hätte ein so feiner Takt leiten können, die Nachwehen eines sich selbst vernichtenden Autors zu fassen – das Unglück, das er seinen Geisteskindern drohte, abzuwenden und seine lebenslängliche Trauer über aufgeopferten Nachruhm in ein wahres Auferstehungsfest zu verwandeln? Wie konnte ich zu Marseille, und auch hier noch, fuhr ich immer staunender zu fragen fort, einem unbekannten Mönche jene Ehrfurcht für einen Weltmann, die brüderliche Sorgfalt an meinem Krankenbette, die uneigennützige Verzichtleistung auf Kostenersatz – Belohnung und Dank – wie konnte ich ihm einen Augenblick zutrauen, dass er an einen sterbenden Ketzer wichtigere Geschenke wagen würde, als einen geruchlosen Rosenkranz und die letzte Oelung?
Wie ging es zu, – schlug ich mich zuletzt noch vor die Stirne, dass keiner meiner Wächter und Wärter mir das geheimnis verriet? Bastian half mir aus dem Traum. "Wir," sagte er, "so viel unser waren, sahen diesen Abgesandten des himmels nur schwarz gekleidet vor Ihrem Bette und nach seiner Verschwindung kein einzigmal wieder." Jetzt begriff ich, warum der Schlaue, aller französischen Höflichkeit entgegen, mich nie mit einem Gegenbesuche beehrte, – nie zu einer gemeinschaftlichen Spazierfahrt abholte, und so fremd mit meiner Haushaltung tat, als habe er in seinem Leben kein Wort von dem alten Maler Sperling und den beiden Puppenspielern gehört, ob ihm schon ersterer eine fast verlorne Erbschaft und die andern ihre Befreiung von Tortur und Galgen zu verdanken hatten.
Hochgepriesen sei mir sein System. Noch hat kein anderes meine Seelenkräfte so auf einmal, wie durch einen elektrischen Schlag zu erschüttern vermocht, als seine heutige Ueberraschung. Gleich dem sokratischen Genius leitete mich seine unsichtbare Hand bis zu dieser seligen Stunde der erkenntnis. O dass sie, rief ich kleinmütig aus, für die höchste meiner Lebensfreuden mit demselben Gelingen fortwirke! – stellte mich an das Fenster, blickte, Tränen der Zärtlichkeit in den Augen, gegen Himmel und dachte eine ganze Weile noch an Ihn und Agaten, ehe ich meinen grossen Fund unter den Arm nahm und nach Jeroms Studierzimmer eilte. "Hier bringe ich dir," trat ich vor seinen runden philosophischen Drehstuhl und Arbeitstisch, "meine weitläuftige Krankheits-geschichte nebst allen dazu gehörigen Belegen an Heilungs- und Präservations-Mitteln. Untersuche doch, ob sie des Aufhebens wert sind. Dein Ausspruch soll entscheiden." "Gut, lieber will'm," wendete er sein ernstaftes Gesicht von seiner Schreiberei ab gegen mich, "das hat aber Zeit bis auf den Abend. Jetzt habe ich mein Nachdenken für presshaftere Personen nötig, als du bist. Allen Respekt," staunte er mein Pakket an, "für den gelehrten Sabatier, aber was will er mit diesem Schwall von medizinischen Verordnungen? Der Arzt, glaube mir, kann so gut, als der Moralist, seine Lebensregeln auf eine Quart-Seite bringen – Doch lege nur einstweilen deine Gegenbeweise," streckte er ungeduldig seine Feder einem Lesepult zu, "dortin neben Zimmermanns Erfahrungen, und wenn du nichts besseres vorhast, so besuche indess so lange unsere Hörsäle, Professoren, Kirchen, Armen-Anstalten, oder was du sonst willst, bis ich dir wieder zu Diensten sein kann." "Du bist heute kurz angebunden, lieber Jerom," erwiderte ich. Statt zu antworten, reichte er mir, mit einem blick, der mir ans Herz ging, die Namen-Liste aller der Leidenden hin, die auf Strohsäcken und seidenen Betten nach baldigem Trost aus seinem mund ächzten, tunkte seine Feder frisch ein und schrieb weiter. Ich erschrak über diess übernächtige schwarze Register so sehr, dass ich, wie von Gespenstern verfolgt, aus seinem Museo nach dem unerträglich leeren meinigen flog. Hier, nach einem kurzen Besinnen, versuchte ich das möglichste, um mich aufzuheitern, aber es ging nicht. Umsonst durchbilderte ich eben s o z a g h a f t meine leicht zerbrechliche historische Scheiben-Sammlung, als mit poetischer Dreistigkeit jene noch im Archiv der Liebe verschlossene, von Agatens Reizen; aber auch diese so oft erprobte Linderung wollte nicht anschlagen. Fort dann, rief ich, in die freie Luft! und machte mich mit meinem verstimmten Instrumente auf den Weg, spannte die saiten aufs höchste, brachte aber doch nichts, als Misstöne hervor. Nach einem irrenden Spaziergang längs dem Kanal, schlenderte ich verdrossen auf den Marktplatz, und, nachdem ich hier und dort lange genug andern im Wege gestanden und von dem V o r g e s e h n der Lastträger, die den geraden ihrigen gingen, erschreckt worden war, flüchtete ich, einfältig genug, dem d e u t s ch e n Kaffee-haus vorbei in das h o l l ä n d i s ch e . Da hatte ich es vollends getroffen! An der Vaterlandsche Courant, die man mir hinschob, war mir so wenig gelegen, als an einem Glas Genever, das man mir vorsetzte, und bei der schwatzenden Gesellschaft, die sich in langsamer Bewegung durchkreuzte, verunglückte mir jede höfliche Annäherung. Meine Wetter-Beobachtungen und andere dergleichen unschuldige Einleitungen zum Gespräch, mit denen ich in Berlin recht gut durchkomme, machten hier nicht den geringsten Eindruck. Ein kurzes ja well myn heer war der ganze Weihrauch, den mir hier und da einer aus seiner Pfeife unter