nicht länger so vor mir sehen konnte, ohne zu wissen, was er unter seinem Siegel verbarg, hätte mir wohl kein anatomischeres Werk in die hände fallen und keins mich mehr erschüttern können, als das ich eben auspackte.
Die fabelhafte Wiedergeburt des Vogels Phönix versinnlichte sich hier vor meinen Augen. Freudiger könnte er wohl nicht aus seiner Asche aufflattern, als das klopfende Herz in meiner Brust – Erstaunter könnte er schwerlich sein neu entwickeltes Gefieder lüften, als ich einen Heft nach dem andern meines, bis jetzt zerrissen und verbrannt geglaubten Tagebuchs an das Licht hob. Ich zählte diese bunten Federn meiner Flügel durch – es fehlte nicht eine und mein Aufschwung zur Unsterblichkeit war nun nicht mehr zweifelhaft. Lange blieb ich, stumm wie eine Bildsäule, vor ihnen stehen, ehe ich zur Besinnung kam, mich nach dem mächtigen Schutzgeist umzuschauen, dem ich ihre wunderbare Erhaltung zu verdanken hätte.
Welcher könnte es wohl anders sein, als der Retter meines Lebens – der verständige Sabatier Er verstekkte dem Wickelkinde das spitzige Spielwerk, um es ihm, wenn es grösser und klüger sein würde, väterlich lächelnd zurückzugeben. Unter diesen Gedanken öffnete ich seinen Brief, aber wie heftig war auch nun der Gegenstoss, den meine Erwartung erhielt, als ich folgendes las: "Lernen Sie endlich, an der Gränze Ihrer Gesundheitsreise, den barmherzigen Bruder kennen, der mich mit sechs Pferden von Montpellier abholen liess, als Sie zu Marseille mit dem tod rangen, mich mit rührender Beredtsamkeit beschwor, Ihnen beizustehen, und mir das zufällige Glück Ihrer Herstellung fürstlich belohnte. Er war es, der Ihre Handschrift der Vernichtung entriss, indem er statt derselben Ihnen aus einer alten Postille, die nach einem gewöhnlichen Schicksal, das Sie vielleicht nie treffen wird, zu Makulatur geworden, in der Nähe lag, die Anzahl Bogen zureichte, die Sie in der Fieberhitze verlangten. Sie zerschlitzten mit sichtbarem Wohlgefallen einen nach dem andern, und bezeigten, da sie im Kamin aufloderten, so viel Freude, als bei einer guten Handlung. Diese glückliche Täuschung hat nicht nur Ihr Tagebuch, sondern auch eben so gewiss den Erkrankten gerettet, der es schrieb. Sie kühlte sein Blut, beruhigte seine aufgeschreckte Phantasie und verschaffte ihm jenen erquickenden Schlaf, den alle meine Opiate nicht bewirken konnten, und der die Heftigkeit seines Fiebers brach. In der Anlage wird er sich Ihnen selbst, und zwar nicht bloss als den seltensten Menschenfreund, sondern als den strengsten Beurteiler Ihrer Selbst-Bekenntnisse zu erkennen geben. Er las sie, mit Tränen, hinter dem Vorhang Ihres Bettes, indem er bei jeder – vergeben Sie mir den Ausdruck – leichtsinnigen Aeusserung mitleidige Blicke auf Ihr Krankenlager warf, und Ihre verlaufenen und verschleuderten Tage mit den gegenwärtigen trostlosen Stunden verglich, die, wie wir uns beide nicht verhehlen konnten, von jenen nur zu gewiss abstammten." Dieser Vorbericht benahm mir beinahe die Lust, mit dem barmherzigen Bruder, auf dessen geweihtes Haupt ich übrigens allen Segen vom Himmel erbitte, in nähere Bekanntschaft zu treten. Wie es scheint, hat er meinen voriegenden Text nur desswegen aus dem Feuer gerettet, um eine Strafpredigt darüber zu spannen, die vermutlich an Erbaulichkeit die alte Postille übertreffen sollte, die er mir zum Zerreissen preis gab; denn welcher geistliche Redner traut sich nicht mehr Beredtsamkeit und Salbung zu, als seinem Konfrater. Ich kratzte mich lange hinter den Ohren, ehe ich mich entschliessen konnte, sie meinem frömmelnden Tadler zu öffnen; aber kaum, dass ich seinen dickleibigen Brief entsiegelt und den ersten blick auf die Unterschrift geworfen hatte, so fiel er mir auch vor Herzklopfen aus der Hand. O diese letzte, schrie ich laut auf, ist auch deine schönste Ueberraschung, mein, mehr als alle barmherzige Brüder, mein teuerster St. Sauveur. Nur mit zitternden Händen konnte ich den Brief wieder aufheben, küsste und legte ihn mehrmal in seine alten Brüche, ehe ich ihn aus einander schlug und mich andächtig genug gestimmt fühlte, ihn zu lesen.
Welche Bewunderung hat er mir nicht seitdem schon abgenötiget, in welches Entzücken mich versetzt und wie viel süsse Tränen der Dankbarkeit meinen Augen entlockt. Ich schreibe Dir ihn nicht ab, lieber Eduard, nicht bloss desshalb, weil er für die Kürze der mir zugemessenen Zeit zu lang, sondern auch, weil diess Meisterstück an Schönheit des Vortrags, wahrer und doch schonender Freundschaft mein armes Tagebuch gar zu sehr in Schatten stellen würde.
Wenn wir nach unserer frohen Zusammenkunft uns erst einige Abende hindurch an diesem matt gelesen – der leidenschaftlichen Sophistereien – der bösen Beispiele und der schlüpfrigen Bilder, die es hier und da entält, genug haben und unsere Herzen welk fühlen; dann wollen wir uns der Ergiessungen dieser reinen Quelle – dieser edlen, grossen und fühlenden Seele, als eines stärkenden Labetrunks nach vielen erschlaffenden schwülen Tagen, mit desto innigerer Wollust freuen und ohne den Schreiber, der jene nur allzutreuen Gemälde einer unsittlichen Welt abstahl, in die Hölle zu verdammen, dem frohen, festen Sinn seines gutmütigen Tadlers für Tugend und Menschenwürde, vorzüglich aber den geheimen verschlungenen Wegen nachspüren, die ihn zu dem Gipfel, von dem er nun auf uns herabsieht, erhoben und die wir, trotz unsrer Scharfsichtigkeit, lieber Eduard, beide noch nicht entdeckt haben. O warum kann ich ihm nicht in diesem Augenblick für den hohen Genuss seiner sanften Belehrung dankend zu Füssen fallen! Wie, um Gottes willen, ging es zu, dass ich nicht schon aus der zarten Behandlung meiner bis zum Zerbrechen gesunkenen Maschine, den