, dem Trübsinn, den ich mitbrachte, mit aller Bequemlichkeit nachzuhängen. Ich stützte den Kopf auf den Arm. O! seufzte ich, warum können doch jene Menschenseelen, die der meinigen so teuer geworden sind, mich nicht auf der Wallfahrt durchs Leben immer als treue Schutzgeister umflattern und bis an das einsame Grab begleiten. Wenn Eduard, setzte ich hypochondrisch den Fall, den ich selbst bei unsrer ersten Entfernung durch meine ihm täglich abgelegte Rechenschaft meines Tuns und Treibens fest hielt, zum Ueberschwung in jene unbekannte Sphären früher reifte, als ich, o wie verlassen würde ich dann in meiner Heimat herumirren. Wie wenig heitert mich die Hoffnung auf, meinen Jerom bald, bald an das pochende Herz zu drücken; denn das Vorgefühl naher Trennung wird sich nur zu schmerzhaft unter meine feurigsten Umarmungen mischen. Werden mich wohl je wieder die freundlichen Augen Saint Sauveurs begrüssen, wenn, was doch Gott nicht wolle, Agate mit den ihrigen die Pforten meiner schönsten Erwartung verschliessen sollte? Und nun schickte ich noch einen Tränenblick dem edlen Russen über die See nach. Mit welcher Freude verband ich ihn Eurem Kleeblatt, denn er ist dieses Vorzugs wert. Mit demselben Goldstempel, den die natur Euch vertraute, hat auch Er die Stiftungstage unserer auf dem Meere geschlossenen Freundschaft mir so tief in das Herz geprägt, dass der Rost der Zeit sein liebes Bild so wenig daraus zu verlöschen vermag, als das Eure. Glaubt nicht, dass ich hier übertreibe, denn in dem engen Bezirk eines schiffes, wo kein Schwankender dem andern höflich aus dem Wege treten kann, beweisen vierzehn frohe Tage einer gemeinschaftlichen Seereise mehr für die Einigkeit der Herzen, als eine gleiche Anzahl ProbeJahre auf dem festen land, wo alles fest steht, – ausgenommen seine Bewohner.
Den 28sten März.
Zwei Tage habe ich nun schon in der süssesten Träumerei an der Seite meines geliebten Jerom verlauscht. Ein Glück für Dich, dass sie zu reichhaltig an unbeschreibbar schönen Empfindungen des Wiedersehens waren, als dass ich mich nur einen Augenblick nach meinem schwatzhaften Tagebuche hätte umsehen mögen. Heute verschafft mir bloss die Bleikolik eines Mäklers einige Musse, mit dem entfernten Freunde so lange zu plaudern, bis der nähere mich vom Schreibtisch abruft.
Wenn ich mich kurz fasse, kann ich Dir viel erzählen. Der gute friedsame Holländer! Er konnte mich durchaus nicht länger in meiner militärischen Maske ausstehen, sobald der erste Schrecken vorbei war. Ich nahm so geschwind als ein Chamäleon die Lieblingsfarbe des Landes durch einen schwarzen Rock an, den ich nach Ablegung meines unschuldigen Ehrenkleides anzog.
Jetzt erst stand ich mit dem philosophischen arzt wieder auf dem sonstigen vertraulichen Fuss. Er nahm mich nun schon etwas herkömmlicher und beinahe neugieriger als ein Pater seine Beichttochter, in Untersuchung. So willig ich auch zu dem aufrichtigsten Bekenntnisse war, so wollte es doch nicht recht damit fort. vorderst Man ist nun einmal mündlich nicht nur weniger bestimmt, als schriftlich, sondern auch viel scheuer in seinem Vortrage; und da der teil meiner Reise bis Marseille dort verbrannt und mein Gedächtniss viel zu ohnmächtig war, den Staub jener Ereignisse aufs neue zu beleben, so mussten – besonders die zu Avignon notwendig an klarheit verlieren; dennoch schüttelte mein Zuhörer mehr als einmal den Kopf zu meiner Erzählung. Als ich mir endlich, so gut es gehen wollte, bis zu meiner gefährlichen Krankheit fortgeholfen hatte, und nun aufstand, um die nachher niedergeschriebenen und ziemlich gut erhaltenen Protokolle meines weiteren Verhaltens beizuholen, glaubte er, dass nun die Reihe an ihm sei zu sprechen. "Bleiben wir für heute, lieber will'm, bei deinem Krankenlager stehen, das du, wie ich nun selbst von dir gehört habe, durch mutwillige Bestürmung der natur, um den Ausdruck zu mässigen, nur zu wohl verdient hast." "Wie Jerom?" fiel ich ihm in die Rede, "du nennst meine Lebens-Versuche Bestürmung der natur, um nicht etwas ärgeres zu sagen? Warst du es denn nicht, der mir zuerst eine leichtsinnigere Behandlung des moralischen Menschen gegen den Hypochonder empfahl, als er mich von meiner Berliner Studierstube aus schon eine ganze Strecke über den Rhein gejagt hatte? Waren es nicht Scherz und Liebe, die du mir in dem Gastofe zu Strassburg als die besten Hülfsmittel gegen meinen drückenden Ernst vorschriebst?" "grosser Gott!" schlug er seine Augen in die Höhe, "wir armen, so oft missverstandenen ärzte! Verordnen wir einem Schlaflosen zwei Tropfen Opium, so nimmt er den folgenden Abend das Doppelte, freut sich des angenehmen Traums, in den er verfällt, leert zuletzt das ganze Glas und taumelt in die ewige Nacht."
"Hätte nicht schon Sabatier, von dem ich den traurigen Ausgang deiner Lebensweise nur zu umständlich erfahren habe, dir das Verständniss über die unglaublichen Missdeutungen eröffnet, mit denen du meinen gutgemeinten Rat verunstaltet hast, du würdest jetzt eine viel derbere Lektion von mir bekommen. Der liebe Mann, der dir in der höchsten Not zu hülfe kam, überbrachte mir, auf seiner Hinreise nach Edinburg, deinen kurzen Empfehlungsbrief, der für ihn ganz unnötig war, und verweilte einige Tage bei mir. Da wurde denn deiner und deiner Vergehungen gegen körperliche und geistige Diät mit aller der Missbilligung gedacht, die sie verdienen. Ich will wünschen, dass die gemachten Erfahrungen dich vor künftigen Rückfällen besser schützen mögen, als das Packt Recepte, das er mir für dich zurückliess. Ich dächte, ein grösseres könnte ich nicht in Jahr und Tag in unserm