nicht um sie verdient. Hat mich nicht schon das blosse Bild des einen zu Cotignac in die Toulouser Händel und in das Wagstück verwickelt, dem ich mich jetzt preis gebe? Mein Gott! wie ich zittere und schwatze; aber setze Dich nur, lieber Freund, einen Augenblick an meine Stelle. Ich weiss ja nicht, wie ich mich anders über den ungewohnten Lärm betäuben soll, der auf dem Schiff herrscht. Welcher Unterschied zwischen meinem heutigen Abend und jenem Mittag auf der Fregatte des Voltaire.
Dort hörte ich nur Witz sprudeln und lachte über das denkende Wesen an meiner Seite. Hier hingegen gellen mir die Ohren von nie gehörten KommandoWörtern – von Matrosen-Flüchen, Hämmern, Klirren und Poltern, bald über, bald unter mir. Was das alles für Anstalten sind, um bis zu einer Holländischen Treckschüte zu gelangen! So muss der arme Mensch überall dulden, harren und mit Unruhen kämpfen, ehe er ein häusliches langweiliges Glück erreicht.
Sähe ich nur schon die grossen Augen meines Jerom, wenn ich ihn in meinem Seekostüm überfalle. Was wird er denken, ehe er erfährt, dass nichts solides dahinter steckt! Es sind noch nicht fünf Monate, seit er auf dem Münster zu Strassburg meinen Glauben an den tierischen Magnetismus so spöttisch behandelte. Ach wie viel unglaublichere Charletanerien habe ich nicht in der kurzen Zwischenzeit erfahren! Ich höre im geist sein Gelächter, wenn ich sie ihm erzählen werde. Erzählen? Ich ihm? O ich armer, geplünderter, halb verbrannter, halb verschnittener Autor! Woher sollte mir der Stoff – und was meiner Vergesslichkeit zu hülfe kommen? Der kleine Rest meines Tagebuchs? die Haarwickel in meinem Puderbeutel Ist es wohl der Mühe wert, dass sie sich über dem wasser halten? Ach, mag sie doch meinetwegen der Rachen eines Wallfisches verschlingen, wie den ehrlichen Jonas. Ich verlange nicht einmal, dass er sie wieder ausspeie, sobald sie mich nur nicht nachziehen. Doch eben höre ich den Kapitain befehlen, dass die Mannschaft sich schlafen lege, die nicht angestellt ist.
Das gilt auch mir. Ich gehorche.
Am Bord des schiffes Katarina die Zweite,
den 8ten März.
Mein erster Versuch mit der Hangematte ist glücklicher abgelaufen, als ich glaubte. Geist und Körper fühlen sich gesund, und mit meinem Wohlbehagen ist auch mein Mut gestiegen. Der Wind – Ich würde ihm zwar nicht trauen, aber mein Kapitain sagt – und das ist mir genug – er wäre werden die Segel gespannt, die Anker gehoben und das Steuer-Ruder von der erfahrnen Hand eines Seehelden gefasst, dessen edle bescheidene Miene schon Ehrfurcht und Vertrauen einflösst, der das Leben und Glück der Menschen zu schätzen weiss, die seiner Leitung überlassen sind, seinem wichtigen Beruf ohne Grosssprecherei als ein ehrlicher Mann vorsteht, manchen Sturm mit Festigkeit und Klugheit bekämpft hat, ohne ihn in Journalen zu beschreiben, oder mit so grellen Farben zu schildern, wie der Anspachische Schmierer hinter seinem Dachfenster das berühmte Revolutions-Gemälde, das zwei Ellen und einen Daumen gross, aber schlecht erfunden und keinen heller wert war. O welch ganz anderes Kolorit hat die Wahrheit, und wie glücklich ist ein Passagier, der, wie ich, einen scharfsichtigen Kapitain am Kompass – einen erfahrnen Steuermann am Ruder weiss! Sei es ein krieges- oder Kauffarteischiff, sie bringen es gewiss glücklich in den Hafen. In solchen hoffnungsvollen Gedanken ruhte mein blick auf dem ehrlichen gesicht des alten Schiffers, der sie mir eingab, als Kosodawlew bei uns vorbei in seine Kajüte eilte, um das Signal zur Abfahrt zu geben. Er nahm mich bei der Hand mit sich. "Munter, munter, Herr Lieutenant!" sagte er scherzend. "Mein dirigirender Minister dort nimmt es mit allen Winden der Erde, und meine grosse Kaiserin mit allen Schutzheiligen in der Legende auf." Und ich, während er veranstaltet, dass man Ihre Flagge aufstecke, sitze andächtig an meinem schwankenden Schreibpultchen, und bete es ihm nach:
Vom Borysten bis zur Garonne,
Vom Wolgastrom bis an den Belt
Durchschwebt Ihr Name wie die Sonne
Wohltuend jeden teil der Welt,
Und angelacht von Ihrem guten
Gestirn, ruft mir mein Vaterland:
Verlass ein Reich, das Rauch und Tand,
Um Gott zu blenden – Wünschelruten
Zum Richtscheid der Gesetz' erfand,
Das einen Greis dem Grab entwand,
Um auf dem Rade zu verbluten.
Schon hebt Aurorens Rosenband
Mein freies Schiff, schon fliegt der Strand,
Wie Cäsar stürz' ich in die Fluten
Mein liebes Tagbuch in der Hand.2
Fussnoten
1 Diesen edlen Namen borgte der Reisende für seinen idealisirten schiffes-Kapitain, dem verehrten mann ab, der jetzt als Minister des inneren am Ruder des Russischen staates sitzt, in dankbarer Erinnerung an die vortreffliche Uebersetzung des Gedichts Wilhelmine, die Er, auf das für den deutschen Autor so schmeichelhafte Verlangen Katarina der Zweiten, unternommen, und 1785 seinen Landsleuten durch den Druck bekannt gemacht hatte. 2 Der Autor bewahrt noch jetzt, am Ende seiner Laufbahn, in seinem Herzen das Andenken an diese grosse verewigte Monarchin, und die ihm von Ihrer Hand mancherlei zugeflossenen Gnadenbezeigungen. Folgende schmucklose Worte, die er mehrere Jahre vorher, ehe Sie von dem Schauplatz ihrer ruhmvollen Taten abtrat, an seine erhabene Wohltäterin gelangen liess, so wenig Anspruch sie auch sonst auf das Interesse des lesenden Publikums machen können, werden doch wenigstens – das rechtfertige sie – seine dankbaren Empfindungen, durch den Stempel der Wahrheit beurkunden, den er ihnen aufgedrückt hat: Ew.