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Während meines vergeblichen Hinstaunens in den leeren Raum, hatte Eduard, tätiger und gefasster als ich, alle dienstbaren Geister seines Hauses aufgeboten, den politischen Steckbriefen nachzueilen. Ihr erzeigt allen ehrlichen Leuten den wichtigsten Dienst von der Welt, wenn ihr sie auffangt, schrie er ihnen nach. Umsonst! nach einer Stunde kamen die Abgeordneten atemlos, beschmutzt und mit leeren Händen zurück.

Der Wind, – entschuldigten alle ihre misslungene Hetzewäre zu arg. Dem hätte er die Kappe, jenem den Atem genommen, und allen so viel Staub in die Augen gestreut, dass ihnen hören und Sehen vergangen sei. Wir schickten sie demungeachtet, sobald das tobende Wetter vorbei und die Luft rein war, zum zweitenmal aus, liessen überall in den Häusern der Gesandten, in den Trödelbuden, in den Kramläden, und in dem königlichen schloss den verlornen Papieren nachstellen, aber mit gleich wenigem Erfolg, und eben so vergebens habe ich in den zwanzig Jahren, die zwischen jenem Tage und dem heutigen liegen, auf den glücklichen Zufall gelauert, der sie mir zeitig genug wieder bringen sollte, um sie meinen guten Lesern noch mitteilen zu können. Welchem staubigen Winkel mögen sie zugeflogen sein? Ach vielleicht doch verwahrt sie das Pult eines ehrlichen Finders, der sie wohl längst ihrem rechtmässigen Eigentümer zugestellt hätte, wäre er ihm nur bekannt gewesen. Freilich käme jetzt jedes Einschiebsel zur Vollständigkeit meines armen Tagebuchs zu spät, das, wie ich meinen Lesern schon vertraut habe, mit der diessjährigen Ostermesse sein Ende erreicht.

Da indess diese merkwürdige Zeichnung auch an jedem andern Orte der Ausstellung immer noch wert bleibt, so kann ich um so viel mehr diess Original, das sich selbst mit hülfe des Windes vogelfrei gemacht hat, allen Journalisten und Sammlern fliegender Blätter, wenn es ihnen vorkommen sollte, zu einem nicht gemeinen Lückenbüsser empfehlen. Die Zeit hat ja schon manches Dokument ans Licht gebracht, was man Jahrhunderte hindurch für verloren erklärte.

Irre ich nicht, so ist ja ein Brief des Cicero ad familiares durch den Pergament-Band eines alten Kalenders und eine mangelhafte Stelle in dem Petron durch den Umschlag einer päbstlichen Bulle ergänzt worden, und kann ich mich denn nicht auf meine eigene Erfahrung berufen? Hätte sich der französische Hof wohl träumen lassen, dass die Briefe der Königin Anna an ihren Beichtvater irgendwo noch versteckt lägen und nach Verlauf eines Säkulums einem Reisenden in die hände geraten würden, der an sie am allerwenigsten dachte. – – – –

Wenn er nur wüsste, – – – fährt meine Handschrift fort; – – – aber indem fing die Schiffsuhr zu schlagen an. Der Kapitain verliess mich, um seine Befehle für die laufende Stunde auszugeben. Um keiner beschäftigten Hand im Wege zu stehen, setzte ich mich auf das Verdeck, machte mir einen Sitz von Tauen und Segeln zurechte und zog, um mir in Ermangelung besserer Gesellschaft die Zeit mit meiner eigenen zu vertreiben, den gangbaren Heft meines Tagebuchs aus der tasche. In diesem Portefeuille deiner Erfahrungen, lächelte ich es an und schlug die Hand darauf, hast du nun schon eine ziemliche und mehr als hinlängliche Sammlung medicinischer und philosophischer, teologischer und artistischer Windbeutel niedergelegt. Zu ihrer Vollständigkeit fehlte dir nur noch ein politischer Den hat dir nun unerwartet ein unparteiischer Mann in die hände geliefert. So flüchtig auch seine Zeichnung sein mag, (ach wäre sie nur nicht gar verflogen!) so sticht doch der Dünkel des Portraitirten mit zu vieler Wahrheit vor, um nicht ähnlich zu sein. Warum wolltest du sie nicht in deinem Bilderbuche aufnehmen, das, nach deinen eigenen Menschlichkeiten, nichts so deutlich zur Schau stellt, als die, allen Gauklern gemeine Physiognomie des Hochmuts, die, wie es scheint, meinem vornehmen Kapitain so widerlich ist, als meiner Wenigkeit. Die Nilratze kann unmöglich eine stärkere Antipatie gegen Krokodille haben, als ein natürliches, mit edlem Stolze begabtes Herz gegen aufgeblasne Menschen. Man kann doch gewiss nichts geringeres sein, als ich jetzt bin, aber auch in mir schlägt ein solches Herz und ich vertauschte es nicht, selbst gegen den Zepter nicht eines königlichen Prahlers. Meinem Kapitain sah man es an der Stirne an, dass er seinem wichtigen Posten eben so gewachsen war, als er ihm mit Bescheidenheit vorstand. Er wusste nicht nur zu befehlen, sondern auch zu lenken. dafür aber genoss er auch achtung und Zutrauen vom Höchsten bis zum Geringsten.

Sein Schutz gab mir Zuversicht, seine Herablassung erhielt mich in Demut, seine Freundschaft erhob mich. Er, ein Sprosse des edlen Geschlechts von Kosodawlew,1 das dem staat schon manchen klugen Kopf und brauchbaren Diener gezogen, flösste mir eine so grosse Liebe zu seiner Nation, so tiefe Ehrfurcht für seine Monarchin ein, dass, hätte ich nicht gehörige Rücksicht auf mich genommen, mir wohl auch der Schwindel über meinen neuen unverdienten Titel hätte zu Kopf steigen können.

Als ich jenes Bild in meine Gallerie aufgehängt hatte, blieb mir für heute nichts zu besorgen übrig, als Abschied von der grossen Nation zu nehmen. Ich steckte mein Patent ein, setzte mich auf einen Fischerkahn, und stieg mit festem Mut ans Land. Eine der schönsten Städte Frankreichs breitete sich nun vor meinen Blicken aus, ich gab aber weniger auf ihre Häuser und Plätze, als mit heimlichem Lächeln auf die Huldigung Acht, die alle Vorübergehenden meiner Uniform erzeigten. In meinem Leben ist der Hut nicht so oft vor mir gezogen worden. Die allgemeine Verbeugung vor der grossen Frau, der ich zu dienen den Anschein hatte