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es, manches Rätselhafte noch in meinem Tagebuche, das Eurer Aufmerksamkeit wohl schon oft anstössig gewesen sein mag; doch davor darf mir nicht Angst sein, denn in einigen Tagen, hoffe ich, wird Euch auch das Widersprechendste unzweideutig und klar, wie die Wahrheit, vor Augen stehen.

Ob aber die kräftige Schilderung des Unbekannten je wieder an das Licht kommen werde, das sie so sehr verdient, muss ich, ohne es ganz zu bezweifeln, allein der künftigen Zeit überlassen, denn die meinige ist, – und das eben war, wie ihr alleweil hören sollt, mein Autorgeheimniss, – verlaufen.

War es ein Anfall von Eitelkeit, falsche Scham eines jungen flüchtigen Gesellen, oder Nachahmungssuchtich lasse es unentschieden, die mich, nach meiner Zurückkunft in Berlin, auf den tollen Einfall brachte, meine Selbstbekenntnisse, wie Jean Jaques die seinigen, unter Schloss und Siegel zu legen, und, gleich ihm, zu verordnen, dass mein Erbe ihnen erst zwanzig Jahre nach meinem Ableben Luft mache.

Ein Augenblick überlegung brachte mich, wie ich denke, auf einen klügern Entschluss. Wärest du, sagte ich mir, auch notdürftig zu entschuldigen, Possenspiele mit deinen Zeitgenossen zu treiben, die es nicht mir längst an dich gebracht, sondern auch das Wiedervergeltungsrecht noch immer in Händen haben, so sähe es doch einer Poltronnerie sehr ähnlich, wenn du dich erst aus dem Staube machen und der Nachwelt gleichsam hinterrücks deine Schneebälle aus einer Entfernung in das Gesicht werfen wolltest, in der sie dich nicht mehr erreichen kann. Und ist es denn nicht, fuhr ich ernstafter fort, mehr als zu bekannt, wie pflichtvergessen der Freund, dem der grosse Mann die Herausgabe seiner Konfessionen übertrug, die strenge Frist verkürzt hat, die Rousseau der Neugier seiner Hinterbliebenen auflegte? Aber gesetzt auch, eine solche Untreue wäre mit den deinigen nicht zu befürchten, bleibt es denn nicht noch immer die Frage, ob die klugen Leute, denen du die Vollstreckung deines letzten Willens in einer Zeitperiode zuwälztest, die sich wahrscheinlich von der gegenwärtigen durch den geläutertsten Geschmack auszeichnen wird, – ob sie, sage ich, dein Testament nicht als inept erklären und deinen armen entsiegelten Papieren, statt ihnen den kostbaren Weg in das Gebiet der Makulatur zu eröffnen, den weit kürzern hinter den Herd anweisen würden? Solche vornehme Wagstücke, gestand ich mir offenherzig, sind nicht für einen Schriftsteller, wie du bist.

Diese vielseitigen Ansichten der Sache brachten mich endlich auf einen Ausweg, bei dem ich stehen blieb. Wäre es denn nicht sicherer, zischelte ich mir ins Ohr, gemächlicher für dich und ehrlicher gegen deine Mitbürger gehandelt, wenn du ihnen, während du noch auf ebenem Boden mit ihnen wandelst, die offenherzigen Berichte von der übeln Wirtschaft ablegtest, die du, jedoch zum Glück nur wenige Monate, in einem sittenlosen land mit deiner Zeit getrieben hast? und um sie nicht auf einmal zu erschrecken, die zwanzig Hungerjahre, zu denen Rousseau im Laufe seiner Unsterblichkeit das lesende Publikum verdammte, auf das jugendliche Spielwerk ausdehnest, das du ihm preis zu geben gesonnen bist? Dadurch bekommen deine Begleiter nicht nur Zeit zu verschnaufen, sondern der Stern deiner Autorschaft zugleich einen hübschen Spielraum, den Kometen, die inzwischen an dem litterarischen Himmel aufbrausen, und ihn leicht in ihren Schweif verwickeln könnten, ehrfurchtsvoll und so lange aus dem Wege zu treten, bis sie ihre blendende Laufbahn durchschnitten haben. Wirklich habe ich durch diese kluge Wendung seinen völligen Untergang aufgehalten. Wie viele prächtige Meteore sind nicht in diesem langen Zeitraum durch den Aeter gezogen, verschwunden und vergessen, und das meinige blinkt noch in der zwanzigsten Leipziger Messe, tritt noch einmal aus dem Nebel hervor, in welchen es sich oft hüllte, und lächelt noch hier und da einem alten Bekannten so freundlich ins Auge, als ehemals meinem nun längst verewigten Freunde Eduard, dem seine ersten Stralen gewidmet waren.

Mit welchem wehmütigen Vergnügen sehe ich auf jene Morgenstunden zurück, wo ich ihm das Votivgemälde vorhalten konnte, das ich in der Ferne aus tausend heterogenen Farben für Ihn zusammengesetzt hatte. Es war eine freundschaftliche Beschäftigung, eine augenblickliche Zerstreuung in der bänglichsten Zeit, die je über Berlin geschwebt hatin der Krankheits-Epoche unsers grossen Monarchen. So sass ich denn auch, gerade vier Wochen vor seinem völligen Verlöschen, nach einem mässigen Frühstück meinem Freunde gegen über, und langte von den letzten Heften meiner Reise, die hinter meinem Sitze auf einem Ecktischchen lagen, einen nach dem andern mir zu, wie ihn die Reihe traf. Meine Vorlesung war bis auf gegenwärtigen, und bis zu der Zeichnung vorgerückt, die ich kurz vorher meinem Zuhörer, der sich auf dergleichen Malereien besonders verstand, als ein Meisterstück angekündigt hatte; aber kaum waren ihm die ersten Grundlinien davon sichtbar geworden, so erhob sich ein Wirbelwind in dem grössten Ungestüm von der Gasse, der Türen und Fenster aufriss, und indem ich eben nach diesem, noch übrigen Abschnitt meines, unserer heutigen Unterhaltung gewidmeten Vortrags greifen wollte, mir ihn unter den Händen wegnahm. Hätte ich nicht zum Glück den Ueberrest meiner Handschrift zu haus gelassen, es wäre ihm nicht besser ergangen, und mir nichts übrig geblieben, als meine Boutique zu schliessen.

Kein spielendes Kind, dem sein papierner Drache entwischt, kann bestürzter ihm nachblicken, als ich meinen fliegenden Blättern. Ich sah sie über die Dächer hin, bald an diesen, bald an jenen Schornstein anprallen, sinken und steigen, und endlich ganz aus meinem Gesichtskreis verschwinden.