nachher mich in der Kajüte meines Beschützers, zwar nur auf Bretern, die aber mit dem Gebiet einer mächtigen Monarchin zusammen hingen, allen und jeden Nachstellungen des festen Landes entrissen sah. Dieses schöne Gefühl entwickelte zuerst die heroische Frage in mir, ob es nicht möglich und mir am besten geraten wäre, unter Russisch-Kaiserlicher Flagge allen gesetzlichen Ungeheuern des französischen Labyrints zu entwischen. Ich legte diesen Wunsch am Ende meiner Geschichtserzählung dem lieben Kapitain aus Herz. Er hörte meinen Vortrag mit gütiger Aufmerksamkeit an – schwieg ein Weilchen, schien aber den Zusammenhang der Sache sehr wohl begriffen zu haben. "Wohin wollen Sie denn eigentlich?" fragte er. "Ja, mein Gott, nach Leiden," antwortete ich, "wenn anders Ihr Weg Sie da vorbei führt. Ich bin auf dem Meere nicht ganz orientirt." Es war dem lieben mann Ernst, nur zu helfen. Das sah ich ihm an. Er ging einigemal nachdenkend mit langsamen Schritten auf und ab in der Kajüte, ehe er mir Antwort gab, die aber auch nun desto bestimmter und erfreulicher ausfiel. "Ich sehe zwar, mein Herr," wendete er sich freundlich zu mir, "Ihre Lage nicht für so gefährlich an, als Sie; damit Sie jedoch nicht sagen können, Sie hätten Ihr Zutrauen vergebens auf einen Russen gesetzt, so will ich es, so gut ich kann, zu verdienen suchen. Wenn Sie mit Kost und Quartier auf meinem Schiffe zufrieden sein wollen, so lassen Sie nur heute noch Ihre Bagage an Bord bringen. Es hat seine völlige Ladung, und würde bereits auf der hohen See sein, wenn ihm der Wind so günstig gewesen wäre, als er für Sie zu werden scheint; denn sollte er diese Nacht sich nur noch um einige Grade verstärken, so kann ich vielleicht schon morgen aus dem Hafen laufen, und will gern Ihrem Wunsche gemäss meine Segel nach der Holländischen Küste richten, um Sie dort aus Land zu setzen. Auf dem offenen Meere gibt es für uns andere keinen Umweg. Das ist kurz und gut meine Erklärung." Seine menschenfreundliche Grossmut rührte mich bis zu Tränen. Es ist so selten, unter den sogenannten Weltleuten auf einen zu stossen, der an unserm Schicksale tätigen Anteil nimmt. Ich ergoss mich in so wortreiche Danksagungen, dass er mich vor Ungeduld mit der Frage unterbrach: "Ob mir sonst noch etwas zu wünschen übrig sei?" "Nicht das mindeste," antwortete ich, "als dass es mir lieb wäre, da mir der Wind noch Zeit dazu lässt, wenn ich mittlerweile die Stadt besehen, die Bordeauxer Weine durchkosten und noch eine und andere Einrichtung zu meiner Seereise machen könnte. Darf ich mich aber wohl mit Sicherheit an das französische Ufer wagen?" "über mein Schiff hinaus," erwiderte er, "reicht zwar meine Gewalt nicht, doch will ich gleich eine Mittelsperson zu hülfe rufen." Auf seinen Wink trat nun sein Kommissschneider mit einem Pack grüner Uniformen herein. Er brauchte nicht lange zu messen, denn die kleinste darunter, die er meinem Körper anpasste, sass nach seinem Kunstausdrucke wie angegossen. Es machte mir eine kindische Freude, mich im Angesichte des freien Weltmeers zu einem Russischen Seeofficier eingekleidet zu sehen.
Ich stellte mich mit stolzem Anstand vor den Spiegel, und warf mich nicht schlecht gegen das intolerante Frankreich in die Brust. "Jetzt fehlt Ihnen," sagte der scherzhafte Kapitain, "um dem ganzen Toulouser Kapitol die Spitze zu bieten, nichts als ein Blatt Papier zu Ihrer Legitimation in der tasche – ein Patent, das ich Ihnen als schiffes-Lieutenant ausfertigen will." "Doch nur titular?" fiel ich ihm erschrocken in die Rede. "Nicht anders!" versetzte er lachend. "Denken Sie denn, dass ich den Dienst so schlecht verstehe, dem ersten, besten Passagier das Kommando am Steuerruder anzuvertrauen? Man kann mit einer gewissen Portion Eigendünkel eher wohl die Segel eines kleinen Fürstentums dirigiren, wenn es auch hier und da leck ist, als das geringste Schiff, das dem Russischen Staat dient." Er warf bei diesen Worten einen blick, den ich mir merken will, in die Ferne, der viel zu sprechend war, um ohne Bedeutung zu sein. "Wen traf dieser blick, Herr Kapitain," fragte ich, "wenn ich es wissen darf?" "Warum nicht? Er galt wohl gar einem Ihrer Bekannten –" erwiderte er. "Doch gewiss," schob ich geschwind ein, "keinem meiner Freunde, das will ich im voraus beschwören." "Einem," fuhr er fort – – –
Aber o Ihr, die Ihr mich bis zu dieser Zeile geduldig auf meinen Spazier- und Irrgängen begleitet habt, Euch, meine vortrefflichen Leser, muss ich jetzt einige Augenblicke still zu stehen bitten, denn ich selbst stehe zum erstenmal in meinen Wanderungen vor einem Oha, über das ich nicht wegzukommen weiss. Ein heimtückischer Zufall hat mir die meisterhafte Zeichnung meines Russischen Freundes entrissen, und den lustigsten Text von der Welt durch eine Lücke unterbrochen, die ich leider! jetzt nur mit einer kläglichen Note auszufüllen im stand bin.
Diese Verlegenheit tut mir doppelt wehe, weil sie mich zugleich nötigt, ein geheimnis auszuplaudern, das ich mit mir ins Grab zu nehmen gedachte. Das Schicksal, scheint es, will mir nicht vergönnen, das Geringste vor Euch auf dem Herzen zu behalten. Es liegt, ich weiss