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darf, würde sich ohnediess sehr schlecht mit meiner gegenwärtigen Stimmung, und die langweilige Fahrt noch schlechter mit einem geschwinden Fortkommen vertragen, an dem mir mehr noch gelegen sein muss, als den Herren Kapitouls, die hier frühstücken. Auf der Landseite entkommen wir ja diesem Drachenneste um vieles geschwinder. Habe ich doch meinen Freipass, was warten wir? Mache dich auf die Beine, Bastian, und schaffe mir ohne Verzug vier tüchtige Pferde vor den Wagen, oder lieber sechse. Hörst du?" Das war ihm eben recht.

Es verging keine Viertelstunde, so stand alles zu meiner Flucht in Bereitschaft. Die glücklichsten Umstände trafen zusammen, sie zu befördern.

Ich sah meine Berline mit sechs Pferden bespannt, die vor Ungeduld stampften, wie ich. Eins zog wie das andere, denn ihre Führer waren, wie sie mir bald vertrauten, Zwillingsbrüder, kalvinischen Glaubens, und meinten es überhaupt ehrlich.

Sie drückten mir nicht nur auf das herzlichste die Hand für mein freigebiges Trinkgeld am Ende der Station, nein sie zeigten es allen ihren Kammeraden, um sie aufzumuntern, ein gleiches zu verdienen. Die Wege waren vortrefflich, der Abend ruhig, wie ein gutes Gewissen, und die Nacht hell, wie bei uns ein Frühlingstag. Nie hat mir der Klang der Postörner mehr Freude gemacht. Nach der Eile, mit der ich an den berühmten Garküchen des Perigords vorbei rollte, hätte kein Mensch erraten, welchen Wert ich auf ihre kalten Pasteten setze. Ich liess mich durch keine aufhalten, denn ich kam mir selbst wie eine Waldschnepfe vor, die alle ihre Federn anstrengt, um dem Unglück, in einer nach Holland oder Deutschland verschickt zu werden, zu entfliehen.

So erreichte ich zwar durch Gottes hülfe und ohne den mindesten Anstoss schon den siebenten März, einige Stunden nach Mittag, das schöne weinreiche Bordeauxaber die lange Strecke weges, die ich noch bis in mein Vaterland vor mir sah, erlaubte mir nicht, durch irgend einen Genuss Zeit zu verlieren.

Wie hätte ich Lust haben können, meinem Körper gütlich zu tun, den ich bei weitem noch nicht ausser Gefahr glaubte, und der sich, wie Du noch hören wirst, bei allem, was ihm aufstiess, recht linkisch benahm.

Jetzt, nach einer ruhigen fröhliche Stunde, und nachdem ich glücklich über die Strickleiter weg bin, die sie mir ersteigen half, steht es freilich ganz anders um Deinen Freund, lieber Eduard.

Ich werde nicht zum letztenmal über die wilden Blicke lachen, die ich umher warf, als ich nicht weit von La Trompete, der hiesigen Festung, aus dem Wagen stieg. Alle Augen, alle Kanonen, glaubte ich, wären auf mich gerichtet. Ich sah in jedem Vorbeigehendenärger als Rousseau auf seinen Spaziergängennur einen Spion, der meine Ankunft der Polizei anzeigen werde. Ich ging nicht, nein, ich zitterte von weitem meiner Chaise nach, die ich Bastian allein überliess auf die Post zu bringen und bespannen zu lassenaber die Gasse dahin wollte kein Ende nehmen. Indem stürzte ein Trupp Matrosen, denen man es deutlich ansah, dass sie sich so wenig um mich, als um die ganze Welt bekümmerten, mir aus einer Taberne in den Weg. Sie schwenkten ihre runden Hüte und jauchzeten einmal über das andere mit stammelnder Zunge: Es lebe Katarina die Zweite! Der Name dieser grossen Frau fiel mir kaum in die Ohren, so vergass ich Kammerdiener und Wagen, und überliess mich blindlings dem zug meines dunkeln aber mächtigen Zutrauens. Ich schloss mich dicht an die lustige Bande an, und so oft ich mich bemerkt glaubte, schwenkte auch ich meinen Hut und mischte herzhaft mein Vivat in das ihrige. So taumelte ich in ihrer Gesellschaft zwei Strassen durch bis vor die Stadt an den Hafen, wo sie auf einmal Halt machten. Eine schöne gebietende Gestalt stand vor ihnen, dämpfte mit einem Wink ihr tobendes Geschrei und wies sie auf das Schiff, von welchem der Name ihrer Monarchin in goldenen Buchstaben mir über die Wellen entgegenglänzte, und dem sie sogleich auf einem Boote zuruderten.

Wie sich das Gedränge der grünen Jacken um mich her verloren hatte, stand ich nun einzeln, aber ziemlich ausser Fassung, vor dem Kapitain, der, wahrscheinlich ein wenig verwundert, einen reinlichen Ueberrock unter seiner Mannschaft zu sehen, mich von Kopf bis zu Fuss mit ernsten Augen betrachtete. Da ich nicht von der Stelle wich und bei dem geringsten Geräusch scheu hinter mich blickte, fragte er mich endlich: ob etwas für mich hier zu tun sei? Ich trat näher, nannte mit leiser stimme meinen Namen, der zum Glück für mich ihm nicht ganz fremd war, und bat aus gewissen Ursachen, die ich ihm schon noch entdecken wolle, vor der Hand nur um Schutz – – "Aber gegen wen denn?" fragte er ungeduldig – "Gegen die wollüstigen und grausamen Kapitouls zu Toulouse," zischelte ich ihm zu, "und ihre hiesigen Spione." Nach einem kurzen Besinnen gab mir der brave Mann einen Wink, ihm auf das kleine Fahrzeug zu folgen, das bereit war, ihn überzusetzen.

O wie gern gehorchte ich! Hätte Bastian nicht besser Acht auf mich gehabt, als ich auf ihn, so wären wir vielleicht so bald nicht wieder zusammen gekommen. Er schrie vom Ufer uns nach, bat und erhielt die erlaubnis, mit einzusteigen. Wie geschwind verzog sich meine bisherige Brustbeklemmung. In welche Freude ging sie nicht über, als ich bald